Weltmarktführer Toyota hält unbeirrt an seinem Hybridkonzept fest und präsentiert sein Kompaktmodell Prius mit der Verbindung von Benzin- und Elektromotor technisch und optisch völlig neu.

An Konsequenz fehlt es Toyota wahrlich nicht. Während die Konkurrenz immer noch über die Hybridisierung nachdenkt und nur zögerlich erste, zumeist sündhaft teure Modelle in die Verkaufsräume rollt, lanciert der Weltmarktführer ab dem 20. Februar das vor allem im Stadtverkehr ökologisch vernünftige Zusammenspiel von Elektro- und Verbrennungsmotor bereits in der vierten Generation.

Wurde der Prius 1997 bei seiner Premiere noch müde belächelt, etablierten die Asiaten das Antriebskonzept über die Generationen zwei (2003) und drei (2009) weltweit. 3,5 Millionen Exemplare verließen bislang die Werkshallen in Tsutsumi. Und dass der Hybrid-Pionier für den gewerblichen Einsatz taugt, beweist er vielfach im wahrlich nicht leichten Taxi-Alltag. Etwas ungewollt hat Toyotas "Hightech-Botschafter", zumindest hierzulande, damit wenigstens als hellelfenbeinfarbener Dienstleister seine Berufung gefunden.

Denn im Land der Automobilerfinder hatte der Prius bislang, trotz internationaler Erfolge, stets einen schweren Stand. Das Design bieder bis abstrus, das Fahrverhalten uninspiriert, galt der Wagen eher als Spaßbremse für eingefleischte "Ökos" und "Oberlehrer" – und kaum als standesgemäßes Gefährt für ambitionierte Dienstwagenfahrer.

Großer Kofferraum, schlechte Sicht nach hinten

Das soll sich mit Nummer vier nun ändern. Ganz im Stile des großen Brennstoffzellenbruders Mirai, einem zweiten Prestigeobjekt aus Toyota City, möchte der Prius den mobilen Fortschritt nun auch in einer zeitgemäßen Hülle verkörpern. Ob das gelungen ist, liegt vor allem im Auge des Betrachters. Auf jeden Fall erbrachten die Arbeiten im hauseigenen Windkanal einen Rekord-cW-Wert von 0,24. Und trotz der strömungsgünstigen Karosse kamen auch die praktischen Tugenden nicht zu kurz. So wuchs das Kofferraumvolumen auf beachtliche 510 Liter. Allerdings ist die Sicht nach hinten durch einen massiven Spoiler, der die Heckscheibe teilt, stark eingeschränkt.

Auch aus dem Innenraum haben die Japaner den Staub geblasen und eine zumindest ungewöhnliche Landschaft aus klassischen Instrumenten, Digitalanzeigen und bunten Displays geschaffen, die auf jeden Fall das Prädikat "modern" verdient, dabei aber genauso polarisiert wie das Blechkleid.

Normverbrauch sinkt auf 3,0 Liter

Obwohl das Grundprinzip der Technik mit einem 1,8-Liter-Ottomotor (72 kW/98 PS) und einem 53 kW/72 PS starken E-Antrieb samt Nickel-Metallhydrid-Batterie beibehalten wurde, preisen die Entwickler die nagelneue Plattform genauso wie das neue Hybrid-System selbst. Die Karosse sei um 60 Prozent steifer als beim Vorgänger und der genormte Kraftstoffverbrauch liege um 21 Prozent niedriger: 3,0 Liter auf 100 Kilometern, was einem Kohlendioxidausstoß von lediglich 70 g/km entspricht.

Dass Hybrid- und vor allem auch Plug-in-Hybrid-Modelle diese Versprechungen in der Praxis kaum einhalten, weil auf dem Prüfstand ein Teil des Weges im elektrischen Fahrbetrieb absolviert wird, ist längst hinreichend diskutiert. In der Praxis steht der Prius aber mit Verbrauchswerten um die fünf Liter immer noch sehr gut da.

Feinfühligeres Zusammenspiel der Antriebskräfte

Hinzu kommt, dass die Technik den Fahrer eher zum Sparen als zum Spurten animiert. Mit leichtem Gasfuß und beim Blick auf die schematische Darstellung des Kraftflusses zwischen den Antriebskomponenten entwickelt man schnell Ehrgeiz, um den Treibstoffkonsum möglichst niedrig zu halten. Zur defensiven Fahrweise trägt auch die angenehme Kulisse bei. Schließlich startet der Wagen im Elektromodus geräuschlos und wird auch mit einsetzendem Benziner kaum lauter. Das Zusammenspiel der Kräfte ist im neuen Modell tatsächlich viel feinfühliger abgestimmt, wie sich beim ersten Probelauf herausstellte. Das gilt besonders für das stufenlose Automatikgetriebe, das nun ruckfrei die Gänge sortiert.

Als Vorzeigeobjekt der Marke muss der Prius natürlich auch technisch up to Date sein. "22 statt bislang neun Sensoren", zählen die Ingenieure stolz auf, stellen die Fußgängererkennung, das optimierte Einparksstem oder den neuen Power-Modus zur Steigerung der Fahrdynamik heraus. Derart ausgestattet, entfernt sich der kompakte Viertürer dann aber schnell vom Basispreis von 28.150 Euro (plus 1.200 Euro gegenüber dem Vorgänger). Für die nahezu komplette Top-Ausstattung "Executive" werden 32.150 Euro fällig.

Dass der neue Prius nicht gleich die gesamten Verkaufszahlen der Marke aus dem Keller reißt, weiß auch Thomas Schalberger, Sprecher des Deutschlandimporteurs in Köln: "Wir planen für 2016 mit knapp 2.000 Zulassungen." Das wären aber immerhin doppelt so viele wie 2015. Nach dem ersten "Feinstaubalarm" in Stuttgart und der aktuellen Diskussion um drohende Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in zahlreichen deutschen Städten, könnte dem Pionier vielleicht auch hierzulande doch noch der späte Durchbruch gelingen...

Bernd Nusser