Die Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen hat mit einer "Milliardeninvestition" den Crafter jetzt erstmals ohne Kooperationspartner auf die Räder gestellt und verspricht sich künftig einen doppelt so hohen Marktanteil. Verkaufsstart ist im September.

Glaubt man Eckhard Scholz, werden die Karten unter den Mitspielern im Transportermarkt künftig neu gemischt. Genau genommen ab September, wenn der Chef der Marke Volkswagen Nutzfahrzeuge beim Heimspiel auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Hannover den neuen Crafter enthüllen wird. Ab dann will der europäische Branchenprimus auch in diesem Fahrzeugsegment standesgemäß mitmischen und seinen Marktanteil von derzeit 7 auf  14 Prozent glatt verdoppeln.

Die große Zuversicht schöpfen die Niedersachsen aus der eigenen Stärke. Der Crafter soll nämlich endlich der leibliche Bruder der kleineren Transporter-Baureihe werden, nachdem VW 22 Jahre lang lediglich die Kopie des Mercedes-Benz Sprinter adoptierte. Die Projektverantwortung für das Gemeinschaftswerk lag seit 1994 allein in Stuttgart, die Fahrzeuge liefen in den Daimler-Fertigungstätten in Düsseldorf und Ludwigsfelde von den Bändern. Volkswagen steuerte praktisch nur sein Logo bei.

Belieferung von Mercedes-Modellen endet zum Jahreswechsel

Damit ist zum Jahresende endgültig Schluss. Dann endet die Belieferung vertragsgemäß – und die beiden mächtigen Hersteller treten endgültig in Konkurrenz. Dazu haben die Hannoveraner im polnischen Wrzesnia in nur 13 Monaten Bauzeit ein nagelneues Werk auf die grüne Wiese gestellt. Derzeit läuft dort bereits die Vorserienproduktion an. "Insgesamt ein Milliardenprojekt", will sich Scholz auf die exakten Investitions- und Entwicklungskosten zwar nicht festlegen lassen, gesteht aber: "Wir werden sicher einige Jahre brauchen, bis sich das rechnet".

Langfristig kalkuliert der VW-Manager dabei  nicht nur mit Absatz-, sondern auch mit Ergebnissteigerungen. Schließlich ist der Crafter nun eine Eigenentwicklung bis zur letzten Schraube und zahlt allein auf die eigene Marke ein. Darüber hinaus ist sogar noch die VW-Tochter MAN  mit im Boot und steigt als eigentlich reiner Lkw-Hersteller mit in das Geschäft der Transporter bis 5,5 Tonnen zulässiger Gesamtlast ein. Ab dem kommenden Jahr soll der neue Crafter auch als MAN "TGE" vermarktet werden. Das sorgt für Synergien im Konzern.

Preise und Verbrauchswerte noch offen

Wie akribische die Volkswagen-Nutzfahrzeugsparte (VWN) den eigentlichen Markteintritt im Herbst vorbereitet, zeigte der erste "Workshop" zum Crafter. Im eigenen Pavillon in der Wolfsburger Autostadt wussten Scholz und seine Experten drei Stunden über das neue Auto zu referieren – ohne das Fahrzeug auch nur ansatzweise zu zeigen. Bis zur Weltpremiere will man sich schließlich noch einige Scheibchen von der Informationssalami aufheben. Das gilt natürlich vor allem für die Preise. Aber auch die Verbrauchswerte sind offensichtlich noch in der Feinabstimmung.

Dafür stehen immerhin schon eine Menge Zahlen zum neuen Crafter fest: So werden zunächst insgesamt 69 Karosserie- und Antriebsvarianten angeboten. Bei Fahrzeuglängen von 5,90 bis 7,40 Meter und drei Aufbauhöhen zwischen 2,30 und 2,80 Meter ergeben sich maximal 18 Kubikmeter Stauraum, bis zu 5,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht und bis zu acht Tonnen Anhängelast.

"Wirtschaftlichkeit" steht für Kunden an erster Stelle

Mithilfe umfangreicher Kundenanalysen habe man festgestellt, dass für potenzielle Nutzer das Thema "Wirtschaftlichkeit" an erster Stelle stehe, vor "Zuverlässigkeit" und "Alltagstauglichkeit". Der 2,0-Liter-Diesel sei in seinen vier Leistungsstufen mit 75 kW/100 PS, 103 kW/140 PS, 120 kW/163 PS und 130 kW/177 PS denn auch "deutlich sparsamer als die entsprechenden Vorgänger", versichert Aggregateentwickler Ekkehard Pott. Wahlweise stehen Sechsgang-Handschaltung oder eine Achtgang-Automatik von ZF im Angebot; dazu Front-, Heck und Allradantrieb.

Mit besonderem Stolz präsentieren die Norddeutschen ihre Schar an Assistenzsystemen, die – mit freundlichen Grüßen nach Stuttgart – in der Klasse einmalig seien. So das adaptive Frontüberwachungssystem, der Anhängerrangierassistent, die visuelle Ausparkhilfe oder die seitlichen Sensoren, die dem Fahrer vor allem beim Abbiegen wertvolle Warnhinweise geben können. Es ist freilich davon auszugehen, dass sich der technische Fortschritt vor allem in der Liste der Sonderausstattungen finden wird.

Ein Elektroantrieb ist später zumindest denkbar

Alternative Antriebe sind (zunächst) erst einmal nicht vorgesehen. Nahezu 99 Prozent aller Motoren werden in dieser Klasse mit Diesel betrieben, belegt Pott anhand der Verkaufszahlen. Da erübrigt sich die Frage nach weiteren Angeboten fast von selbst. Markenvorstand Eckhard Scholz denkt aber über das Tagesgeschäft hinaus: "Gerade für den Zustellverkehr in den Innenstädten werden die Kommunen künftig die Latte sicher höher legen, um die Stickstoffoxidwerte einzuhalten. Aus meiner Sicht bietet sich dafür allein der Elektroantrieb als Ersatz für den Diesel an. Wir diskutieren darüber und halten uns alle Möglichkeiten offen, entschieden ist noch nichts." Schließlich wird der neue Crafter wenigstens zehn Jahre lang gebaut – da kann viel passieren...

Bernd Nusser