Ein gutes Jahr liegt hinter dem Einzelhandel, ein gutes liegt vor ihm. Zumindest laut Zahlen des HDE. Der Verband hat mittlerweile die Digitalisierung der Branche zum wichtigen Thema erklärt - für Händler und Städte.

Stefan Genth wusste, dass er spät dran war. Ende Januar eine Prognose für die Umsatzentwicklung einer Branche zu liefern, ist wahrlich ungewöhnlich. Aber der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) hatte dafür gute Nachrichten zu melden. Der HDE sagt dem Einzelhandel ein erfolgreiches Jahr 2015 voraus und rechnet mit einem nominalen Umsatzplus von 1,5 Prozent auf 466,2 Milliarden Euro.

Der Onlinehandel, getragen vom Multichannelhandel, wird laut HDE um 12 Prozent auf 43,6 Milliarden Euro Umsatz zulegen. Hier rechnet der Verband alle Deutschen hinein, die online einkaufen, zum Beispiel bei bei Amazon. "Der Verbraucher ist in guter Stimmung", begründete Genth an diesem Freitag in Berlin die Geamtprognose, die sich auch mit aktuellen Erkenntnissen der GfK deckt, wonach die Sparneigung der Deutschen so niedrig ist wie ewig nicht mehr.

Gesättigte Märkte

Auf der anderen Seite hat der HDE auch ausgemacht, dass die Märkte gesättigt sind. Also: die Haushalte der Verbraucher sind sehr gut ausgestattet. Demnach steigt der Wettbewerbsdruck um Marktanteile innerhalb der Branche weiter an.

Trotzdem blickt die Einzelhandelsbranche auch auf ein gutes Jahr 2014 zurück. Hier wurde laut HDE ein Gesamtumsatz von nominal 459,3 Milliarden Euro erzielt, das ist gegenüber 2013 ein Plus von 1,9 Prozent und sogar etwas mehr als die im Jahresverlauf von 1,5 auf 1,8 Prozent korrigierte Prognose. Real, also preisbereinigt, lag das Umsatzplus bei 1,5 Prozent. 

Etwas holprig lief das zurückliegende Weihnachtsgeschäft, das durch einen schwachen November gekennzeichnet war, aufgrund des ungewöhnlich warmen Wetters vor allem für Textilhändler. "Im Dezember wurde es dann besser", sagt Genth. Insgesamt wurde in den beiden Monaten 85,3 Milliarden Euro umgesetzt - das ist ein Zuwachs von nominal 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Handelsbranche unter Veränderungsdruck

Für den HDE ist mitterweile der Onlinehandel ein zentrales Aufgabenfeld, wie Genth betonte. Was auch sonst, angesichts der Wachstumsraten in diesem Bereich. Für 2014 hat der Verband im E-Commerce einen Umsatzanstieg von 17 Prozent auf 39 Millliarden Euro im Vergleich zu 2013 errechnet.

Am gesamten Einzelhandel hat der Onlinehandel mit Nicht-Lebensmitteln bereits 18 Prozent Anteil, bei Lebensmitteln sieht es mit 0,4 Prozent noch bescheiden aus. Bis 2020 prognostiziert der HDE, dass das E-Commerce einen Anteil von etwa 20 Prozent am gesamten deutschen Einzelhandel haben wird. "Es können aber auch 23 oder gar 24 Prozent sein", sagte Genth. "Die Bedeutung des klassischen stationären Einzelhandels sinkt", betonte er.

Durch diesen Strukturwandel steht nicht nur die Branche unter Veränderungsdruck. Einerseits hat Genth erkannt, dass sich die Beschäftigungsprofile der Mitarbeiter verändern. "Sie müssen sich mit Tablet-PCs und Social Media auskennen."

Für den HDE sind aber auch Städte und Kommunen gefordert, den Innenstadthandel attraktiv zu halten - oder zu machen. Schließlich ist der Rückggang der Kundenströme deutlich. Freilich geben die, die noch kommen, Geld aus. "Aber die Impulskäufer bleiben aus", warnt Genth.

Mehr Flexibiliät bei Ladenöffnungszeiten

So lautet ein politische Forderung des Verbandes, mehr Flexibilität bei Ladenöffnungszeiten zu schaffen. Zudem seien die Steuern auf Mieten und Pachten für den innerstädtischen Fachhandel existenzbedrohend. "Wir brauchen eine Reform der Gewerbesteuer", forderte Genth. Und schließlich mahnte der Hauptgeschäftsführer eine Digitalisierung der Fläche an, "W-Lan in jeder Innenstadt", fordert er.

Auf der anderen Seite müsse das Gesetz zur Störerhaftung novelliert werden, damit Händler die Angst verlieren, in ihren Läden kostenloses W-Lan anzubieten. Derzeit gilt, dass ein Anbieter eines Internetzugangs dafür haftet, wenn ein fremder Nutzer darüber illegale oder fragwürdige Inhalte bezieht. "Die Störerhaftung muss abgeschafft werden", betonte Genth. Dass die Kunden durch W-Lan in den Läden zum Vergleich der Preise angeregt werden, ist für ihn kein Problem. "Das findet ja jetzt schon statt." Vielmehr gehe es darum, die Konsumenten in die Läden zu ziehen - oder sie dort zu halten. 

Steffen Gerth, Berlin