Es ist schon so etwas wie Panik, die sich in den vergangenen Monaten in Vorstandsetagen breit macht. Wo sich die späte Erkenntnis durchsetzt, dass das mit dem E-Commerce nicht mehr aufzuhalten ist, fällt plötzlich der Blick auf eine Lücke. Es fehlt an digitalen Kompetenzen, an fähigen Onlinern und - schlimmer noch - Mitarbeitern, die digitales Verständnis und zusätzlich Handelserfahrung mitbringen. Sie sind so rar wie Start-ups im Gewinnbereich. So wird der "War for Talents" auch zum Überlebenskampf.

Wir nehmen alle - und zwar sofort. So könnte denn auch die Losung derzeit vielfach lauten.

Die Rewe sucht gerade einen Personalleiter für den neu geschaffenen Bereich Rewe Digital. Gefragt ist dafür ein "echter Digital Native". Er soll deutsche und internationaler "Talente aus dem Digital Space (insb. Web-Portale, E-Commerce, M-Commerce)" ins Haus holen. Er soll sich auch um das Image kümmern, muss den Konzern in der Online-Community aufpeppen und am Employer Branding feilen.

Denn die umworbenen Digital Natives treibt es lieber in die flotten Start-ups mit dem Odeur des Silicon Valley, weniger aber zu den Krämerbuden des Nachkriegsdeutschlands. Da sind Klimmzüge gefragt und nicht allein ein wenig Imagepolitur.
So galt der Einstieg von Otto als Hauptinvestor beim Inkubator Project A immer auch ein Stück weit als Versuch,  "frühzeitigen Zugang zu unternehmerisch denkenden Talenten aus dem Business- und Technologiebereich zu erhalten".

Nebeneffekt: Abstrahleffekte (Wir sind modern. EinsElf) auf die große Mutter also, die man so auch anderen Inkubatoren anderer Konzerne unterstellen darf. 

Das reicht natürlich längst nicht aus. Nicht ohne Grund hat die Otto Group gerade eine Imageaktion losgetreten, in der sie sich im Video als Arbeitgeber zeigt, für den auch eher weiche Faktoren im Zentrum stehen. Soziale Werte sollen da jene ansprechen, denen die Berliner Hire&Fire-Kultur ohnehin ein Graus ist.

     


Der Kamf um die Talente ist hart. Selbst der geheimnisumwitterte Pure-Player-Zögling und Zalando-Konter der Otto Group, der unter dem Projektnamen Collins so etwas wie die Area51 des E-Commerce ist, muss sich auf einer Recruitment-Website als total lockeres und spannendes Start-up ("Spirit und Spaß") vorstellen.



Offene Stellen scheint es noch reichlich zu geben.

Eine Achillesferse übrigens, die alle Wettbewerber trifft: Wo Web-Developer, Online-Redakteure, PHP-Experten und Admins fehlen, da müssen die Projekte durch einen IT-Flaschenhals. Schnelle Reaktionen auf aktuelle Änderungen im Markt und auf neue Kundenwünsche kann dann nur noch eine gute Fee erfüllen. Time to market wird zum Unwort. Doch wer nicht die richtigen oder nicht genügend Leute hat, um den Wandel und das Wachstum schnell zu managen, der gerät ins Hintertreffen, droht endgültig den Anschluss zu verlieren.

"Den Zeitgeist erkennen, rasch aufspringen und ihn sich zunutze machen", wie die FAZ die Rewe-Masche beschreibt, würde dann zur Losung ohne Folgen. Kein Wunder also, dass auch die Rewe an allen Flanken aufrüstet, sich als eine Inkubator an Startup-Unternehmen beteiligt (Home24) und den ehemaligen Tesco-Manager Jean-Jacques van Oosten als ersten Chief Digital Officer nach Köln holt. Der "War for Talents" findet eben an vielen Fronten statt. Jezt muss in aller Eile nachgeholt werden, was über Jahre versäumt oder ignoriert wurde. Nicht nur bei Rewe.

"Der Handel hat in den letzten 30 Jahren einen großen Fehler gemacht: Er hat um Akademiker einen großen Bogen gemacht und Nichts gegen das im Branchenvergleich grottenschlechte Berufsbild im Einzelhandel getan. Die High Potentials sind in der Regel in anderen Branchen zu finden, bis auf die jetzt progressiv wachsenden Online-Händler", schreibt Prof. Dr. Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb-Research-Center der Hochschule Niederrhein, bei etailment.

Die eigentliche Herausforderung steht den Spätstartern ohnehin noch bevor: Wie passen die Flexibilität gewohnte Kultur der Generation "Club Mate" und die Kantinenkultur der Unternehmen zusammen? Wer sich da wandeln muss, scheint klar.


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