Über die Umsatzprognose des Handelsverbands HDE für das Weihnachtsgeschäft können sich vor allem Onlinehändler freuen. Der Verband warnt vor Steuererhöhungen und steigenden Energiekosten.

Im laufenden Weihnachtsgeschäft kann der deutsche Einzelhandel eine Milliarde Euro zusätzlichen Umsatz gegenüber dem Vorjahr erwarten. 80,6 Milliarden Euro werden die Händler nach der heute veröffentlichten Prognose des Handelsverbands HDE in den Monaten November und Dezember dieses Jahres erlösen, eine Steigerung von 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahrszeitraum.

Das Weihnachtsgeschäft im Onlinehandel wird dagegen laut HDE um 15 Prozent gegenüber 2012 zulegen und damit um 1,1 Milliarden Euro auf insgesamt 8,5 Milliarden anwachsen. Anders gesprochen: Der Zuwachs im diesjährigen Weihnachtsgeschäft findet im E-Commerce statt - zusätzlich verliert der stationäre Handel 100 Millionen Euro Umsatz ins Internet.

"Der Onlinehandel wächst weiter. Die Internethändler erzielen in den letzten beiden Monaten des Jahres schätzungsweise 25 Prozent ihres Jahresumsatzes", kommentierte Josef Sanktjohanser die Zahlen vor Journalisten in Berlin.

Das Wachstum im Handel findet online statt

Der HDE-Präsident räumte ein, dass das Wachstum des Onlinehandels zunehmend zu Lasten des stationären Handels stattfinde. "Insbesondere kleinere Händler sind von der Konkurrenz aus dem Internet betroffen, etwa im Textilbereich. Mittelständische Multi-Label-Händler geraten immer stärker unter Druck, da die Modemarken den E-Commerce für sich entdecken", erläuterte Sanktjohanser.

Große Händler wie die Douglas Holding, die über einen zugkräftigen Namen verfügen, hätten jedoch gute Chancen, sich erfolgreich als Multichannel-Anbieter zu positionieren. Kleineren Handelsunternehmen fehle zudem häufig das Kapital, um in Onlineaktivitäten zu investieren, so der Verbandspräsident.

Online-Offensive für mittelständische Händler geplant

"Die Handelsbranche steht vor der größten Herausforderung seit Einführung der Selbstbedienung und der Großfläche", ergänzte Stefan Genth, HDE-Hauptgeschäftsführer. Gleichwohl gebe es zahlreiche Beispiele von stationären mittelständischen Händlern, die sich teils sehr erfolgreich im Onlinehandel etabliert hätten. "Wir starten eine Offensive, um kleinere und mittlere Handelsunternehmen fit für das Internet zu machen", kündigte Genth an. Auf dem Handelskongress am 19. und 20. November in Berlin soll das Maßnahmenpaket vorgestellt werden.

"Es handelt sich um eine Toolbox mit Unterstützung auf mehreren Themenfeldern", erläuterte Genth auf Nachfrage von derhandel.de. "Wir werden dabei auch Dienstleister vorstellen, die Unterstützungen in verschiedenen Bereichen anbieten. Es geht dabei nicht nur um Onlinehandel, sondern auch um die Themen Webpräsenz und Social Media."

Quelle: HDE
Quelle: HDE
Laut GfK Consumerpanel Nonfood betrug der Onlineanteil in den letzten beiden Monaten des vergangenen Jahres in der Telekommunikationsbranche bereits bei 61 Prozent, im Handel mit Medien/Software/Games 54 Prozent, Computerzubehör 37 Prozent, Babyartikel/Spielwaren 32 Prozent, Bücher/Kalender 30 Prozent und Elektrogeräte/Zubehör 27 Prozent.

Moderates Umsatzwachstum im Gesamtjahr 2013

Für das Gesamtjahr rechnet der HDE mit einer Umsatzsteigerung im deutschen Einzelhandel um 1,2 Prozent auf rund 434 Milliarden Euro. Auch hier liegt die Dynamik im Onlinehandel: Mit einem Zuwachs von 12 Prozent auf 33,1 Milliarden Euro rechnet der Verband, dem mitunter vorgeworfen wird, mit seinen Zahlen die Umbrüche im stationären Handel zu beschönigen.

Mit Blick auf die laufenden Koalitionsverhandlungen forderte Josef Sanktjohanser die Politik auf, "die Weichen für eine stabile Binnenkonjunktur richtig zu stellen". Insbesondere warnt der Verband vor der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns und forderte den Neustart der Energiewende. Auch Streiks in den laufenden Tarifauseinandersetzungen und Diskussionen um höhere Steuern könnten das Weihnachtsgeschäft noch trüben, sorgt sich Sanktjohanser.

Forderungen des HDE an die große Koalition

Der HDE-Präsident forderte insbesondere für eine Abschaffung der EEG-Umlage aus, da diese Verbraucher und mittelständische Unternehmen über Gebühr an den Kosten der Energiewende beteilige. "Die EEG-Umlage hat 0,6 Prozent des Wachstums im Einzelhandel gekostet", rechnete Sanktjohanser vor.

Entschieden sprach sich der selbstständige Rewe-Kaufmann auch gegen einen gesetzlichen Mindestlohn aus: "Wir Unternehmer brauchen die Flexibilität. Händler beschäftigen beispielsweise Schüler, Studenten und auch Rentner als Aushilfskräfte, das ist mit einem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde nicht zu finanzieren."

In vielen Tarifbezirken wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg läge das niedrigste Lohnniveau bereits "im Korridor" der als Mindestlohn geforderten 8,50 Euro. "Wir brauchen aber Flexibilität in den Regionen und nach Art der Tätigkeit", so der Verbandschef. Rund 15 Prozent der Arbeitsstunden im Einzelhandel werden laut HDE im Rahmen von geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen geleistet.

Genth: "Der Handel wird nicht ignoriert"

Grafik: HDE
Grafik: HDE
Insgesamt sieht HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth Kernforderungen des HDE in den bisherigen Verhandlungen der großen Koalition gut berücksichtigt: "Der Handel wird nicht ignoriert. Man kann im Wirtschaftspapier der Koalitionäre eine klare mittelständische Handschrift erkennen. Wir finden uns darin wieder, insbesondere in Bezug auf die Positionen zum Onlinehandel und zu Steuerthemen", sagte Genth mit Verweis auf eine in Berlin kursierende Zusammenfassung der wirtschaftspolitischen Vorhaben und Ziele der großen Koalition.

Um faire Wettbewerbsbedingungen zwischen Online und stationärem Handel zu gewährleisten, forderte Josef Sanktjohanser erweiterte Öffnungszeiten für die Geschäfte: "Die Ladenschlussdebatte ist in Zeiten des E-Commerce zum Anachronismus geworden".

Der HDE verstehe sich als Interessenvertreter der gesamten Handelsbranche - offline wie online, Wettbewerbsverzerrungen bei den Ladenöffnungszeiten, im Baurecht oder durch das "Unterlaufen der Tarifvereinbarungen von einzelnen Unternehmen" dürfe es jedoch nicht geben, sagte Sanktjohanser - ohne den Onlinehändler Amazon dabei namentlich zu nennen. Der US-amerikanische Internetgigant sieht sich tarifrechtlich als Logistikunternehmen und weigert sich, seine Beschäftigten nach dem Tarifvertrag des Einzelhandels zu entlohnen.  

Hanno Bender, Berlin