Früher waren sie ein viel beachteter Indikator, heute erregen sie wegen der Fehlerquote die Gemüter: die deutschen Einzelhandelsdaten. Nun gelobt das Statistische Bundesamt Besserung.

Für die Kunden des Statistischen Bundesamtes (Destatis), zu denen neben dem Bundeswirtschaftsministerium und verschiedenen Verbänden auch Eurostat, die Deutsche Bundesbank und die volkswirtschaftlichen Abteilungen vieler Banken gehören, sind die Umsatzdaten in ihrer gegenwärtigen Form eine Zumutung.

"Die ganz grobe Richtung stimmt meistens", ist noch das freundlichste, was Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen zu diesem Thema einfällt. Solveen und andere Volkswirte brauchen die Einzelhandelsumsätze, weil sie ein wichtiger Teil des privaten Verbrauchs sind, den sie wiederum zur Schätzung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) benötigen.

Doch derzeit sind Revisionen um bis zu zwei Prozentpunkte bei der Monatsveränderungsrate keine Seltenheit. Und schon "bei Revisionen um einen Prozentpunkt geht die Aussagekraft gegen Null, vor allem, wenn sich die Veränderung selbst um die Nulllinie bewegt", klagt DekaBank-Volkswirt Andreas Scheuerle.

Schnelle Schätzungen

Für die starke Revisionsanfälligkeit der Daten sorgt neben der hohen Marktdynamik vor allem der Faktor Zeit. Destatis muss eine erste Schätzung der Umsätze schon zwanzig Tage nach Monatsende vorlegen, viele Unternehmen können aber so schnell gar keine Daten liefern. Folge: Der erste Ausweis basiert zu bis zu 50 Prozent auf Schätzungen.

Verfügbar sind zu diesem Zeitpunkt zudem nur Daten aus den sieben umsatzstärksten Bundesländern sowie von Einzelhändlern, die in mehreren Ländern Filialen unterhalten. Viele kleinere Unternehmen aber machen ihre Umsatzstatistik erst für die Umsatzsteuervoranmeldung und haben vom Finanzamt eine Fristverlängerung erhalten. Das bedeutet, dass deren Daten auch in dem zwei Wochen später veröffentlichten "Messzahlenbericht" aus allen 15 Bundesländern noch nicht enthalten sind. Bis zu sechs Monate lang muss deren Umsatz geschätzt werden.

Höhere Genauigkeit

An einer verbesserten Methodik für diese Schätzung hat Destatis jetzt zwei Jahre lang gearbeitet, wie Elmar Wein, Referatsleiter für Binnenhandel und Gastgewerbe, im Gespräch mit Dow Jones Newswires erläuterte. Vereinfacht gesagt beruht sie darauf, dass die Statistiker sieben verschiedene Schätzverfahren ständig mit den tatsächlichen Umsatzergebnissen nachträglich abgleichen und so laufend das für jedes Unternehmen genaueste Schätzverfahren ermitteln.

Die Kunden von Destatis werden allerdings voraussichtlich erst Ende dieses Jahres in den Genuss der neu berechneten Einzelhandelsdaten kommen. "Für eine schnellere Software-Implementierung fehlen die Kapazitäten", so Wein. Dann aber dürfte der Schätzfehler deutlich sinken. In den Testläufen reduzierte sich der absolute Schätzfehler um 38 Prozent und der durchschnittliche Schätzfehler um 98 Prozent.

Dass es gar keine Revisionen mehr geben wird, glaubt bei den Statistikern aber niemand. "Umsatzschwankungen von bis zu 300 Prozent bei einzelnen Unternehmen kann kein Schätzverfahren ausgleichen, aber es wird sicher keine Revisionen im bisherigen Ausmaß mehr geben", verspricht der Leiter der Gruppe Binnenhandel, Gastgewerbe und Tourismus, Bernhard Veldhues.

Hans Bentzien, Dow Jones Newswires