Seit der Abwrackprämie wählen viele Kunden gleich den günstigen Neuwagen statt das billige Auto aus zweiter Hand. Die Preise für Altautos sinken, die Händler klagen.

Wenn Oliver Kraft dieser Tage Besuch von Aufkäufern billiger Gebrauchtwagen bekommt, hört er nur noch Klagen. „Die schimpfen, dass der Markt vollständig zusammengebrochen ist", berichtet der Juniorchef des Autohauses Kraft in Seeheim-Jugenheim an der hessischen Bergstraße im Gespräch mit Der Handel.
 
Dank Abwrackprämie können sich nun auch die Kunden, die bisher günstige Gebrauchte gekauft haben, einen Neuwagen leisten. Der rumänische Dacia oder der französische Kleinwagen Renault Twingo würden gut abgesetzt, sagt Renault-Händler Kraft, der seit gut zwei Jahren sein Geschäft auf den Absatz von jungen Gebrauchtwagen verlagert hat.

Die Schattenseite der Umweltprämie

Für Professor Ferdinand Dudenhöffer ist der Gebrauchtautohandel der Verlierer der Abwrackprämie: „Die ganz billigen Autos wandern gleich in die Schrottpressen", sagt der Automobilfachmann von der Universität Duisburg-Essen gegenüber Der Handel.

Bei den hochwertigeren Modellen verlängern sich die Standzeiten bei den Händlern bis über die 100-Tage-Grenze, wie die Bonner Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners analysiert hat. „Die Option, durch Preisreduktionen den entstandenen Wettbewerbsnachteil auszugleichen, ist für die betroffenen Anbieter nur unter schmerzhaften Margeneinbußen darstellbar", erläutert Rainer Meckes, Partner und Automobilexperte bei Simon-Kucher & Partners.

Billiger geht's nicht

Doch wie billig sollen die Gebrauchtwagen noch werden? Innerhalb der vergangenen zwölf Monate habe es bei den Altautos einen Preisverfall von durchschnittlich 4 Prozent gegeben, sagt Michael Bergmann, Geschäftsführer des Autobewerters EurotaxSchwacke. Modelle aus der oberen Mittelklasse seien gar um 14 Prozent billiger geworden. Nur die Kleinwagenklasse ist vergleichsweise gut wegegkommen: Hier sind die Preise für Gebrauchte nur um 1 Prozent gefallen.

Bergmann betont im Gespräch mit Der Handel, dass es in Deutschland bisher nur einmal so einen Preisrutsch gegeben hat: Anfang der Neunzigerjahre, als nach der Grenzöffnung die Menschen in Ostdeutschland in einen Kaufrausch verfielen und die Preise für Gebrauchte nach oben trieben. Nach der Marktsättigung wurden die Autos dann wieder billiger.

Die Margen werden gedrückt

Laut einer Studie von Simon-Kucher & Partners bewegten sich mehr als die Hälfte der Gebrauchtwagenverkäufe im Jahr 2007 im Preissegment von 5.000 bis 15.000 Euro. Die Notwendigkeit, die aktuellen staatlichen Subventionen von Neuwagenkäufen durch höhere Rabatte auszugleichen, drückt die ohnehin schon knappen Margen der Gebrauchtwagenhändler noch mehr. Die dünne Eigenkapitaldecke der meisten Betriebe könne dann unweigerlich in die Insolvenz führen, befürchten die Bonner Unternehmensberater.

Doch auch die zweite Option, ein Aussitzen der Situation, sei längerfristig nicht durchführbar. Die Fixkosten des Betriebs, variable Kosten für Pflege und Instandhaltung sowie der Aufwand des gebundenen Kapitals nagen am Eigenkapital und könnten ebenfalls in die Insolvenz führen.

„Während herstellergebundene Betriebe in dieser Situation auf die Unterstützung der Industrie hoffen können, sehen wir vor allem die Lage der freien Gebrauchtwagenhändler als bedrohlich an", schreiben die Autofachleute Rainer ­Meckes und Markus Hofer der Bonner Beratungsgesellschaft.

Marktausdünnung bereitet Sorge

Ansgar Klein bezweifelt den einstelligen Wertverfall, den EurotaxSchwacke ermittelt haben will. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes freier Kfz-Händler spricht von kolossalen Einbrüchen zwischen 30 und 50 Prozent. Kleins verblüffende Lösung für die neuen Probleme freier Gebrauchtwagenhändler: „Dann müssen die eben auch mit Neuwagen handeln", sagt er im Gespräch mit Der Handel. Denn die flexiblen freien Neuwagenhändler seien die Gewinner der Abwrackprämie.

Für die von allen Experten mit Sorge erwartete Zeit nach der Umweltprämie hat EurotaxSchwacke-Chef Bergmann bereits Überlebens­tipps für Gebrauchtwagenhändler: „Gezielt zukaufen und offensiv Werbung machen."

­Leasingrückläufe rasant gestiegen

Ein bisher nur von wenigen Fachleuten beachtetes Problem auf dem Gebrauchtwagenmarkt ist der rasante Preisverfall bei Rückläufern von Leasingfahrzeugen - und das betrifft vor allem Modelle des gehobenen Segments.

„Das Gebrauchtwagengeschäft ist für die drei großen deutschen Premiummarken Audi, BMW und Mercedes der zentrale Absatzkanal für Rückläufer aus Finanzierungs- und Leasingverträgen und dem Flottengeschäft. Es ist zu erwarten, dass sich die Lage in den kommenden Monaten stark anspannen wird", betont Markus Hofer von Simon-Kucher & Partners.

Restwerte unter Druck

„Natürlich hat die Abwrackprämie Auswirkungen auf die Restwerte der Gebrauchtwagen. Kunden, die sich normalerweise einen zwei oder drei Jahre alten BMW gekauft hätten, haben jetzt einen Neuwagen erworben", sagt auch Peter Dieckmann, Vorstandsmitglied der VR-Leasing zu Der Handel.

„Leasinggesellschaften, die im Flottengeschäft engagiert sind, haben nun Tausende Fahrzeuge auf dem Hof stehen, die mit überhöhten Restwerten kalkuliert wurden, und für die sich jetzt keine Käufer finden."

Keine gute Perspektive

Für die Zukunft der Branche lässt das Schlimmes erahnen. Der Händler Oliver Kraft vermutet, dass es im kommenden Jahr zu Insolvenzen vieler Autohäuser kommen wird. Wer soll schließlich in einem gesättigten Markt noch Autos kaufen? Egal, ob gebraucht oder neu. Autoexperte Dudenhöffer sieht das ähnlich, und sagt, dass das Ende der Abwrackprämie den Handel viel härter treffen werde als die Industrie. „Die Hersteller können die Verluste besser verteilen."

Doch wie soll bei so einer Prognose ein Familienunternehmen wie das Autohaus Kraft überleben? Mit Optimismus. „Denn ein bisschen geht immer", sagt Oliver Kraft.

Steffen Gerth

Dieser Artikel ist in Der Handel 5/2009 erschienen.