Während die Konzern-Mutter darbt, baut Mercedes-Benz-Haustuner AMG seine Marktposition weiter aus. Luxus läuft auch in der Wirtschaftskrise. Neuer Verkaufsschlager soll der E 63 werden.

"Neulich", sagt Kai Marten, "kam ein Kunde mit einem Handtuch aus einem arabischen Hotel zu uns und bestellte seine Fahrzeuginnenausstattung in der Farbe dieses Stoffes." Für das Geschäftsführungsmitglied der Mercedes-AMG GmbH und sein Team kein Problem: "Dann wird das ganze halt etwas teurer."

Egal, ob die Nähte der Lederpolsterung in der exotischen Orange-Metallic-Lackierung ausfallen sollen, oder ein Kunde aus Übersee die Wartung seines Fahrzeugs ausschließlich von dem Motorenbauer durchgeführt haben möchte, der mit seinen Initialen auf dem Antriebsblock eingraviert ist - AMG erfüllt auch die ausgefallensten Wünsche.

22.000 Autos abgesetzt

Das Gros des Umsatzes macht das Unternehmen aus Affalterbach (östlich von Stuttgart) mit seinen 900 Mitarbeitern aber mit dem werksseitigen Umbau von Mercedes-Benz-Modellen. So laufen die AMG-Angebote der C-, E-, S-, ML und G-Klasse jeweils von den selben Bändern, wie ihre Serienbrüder. "Wir sind bereits in der Entwicklungsphase integriert", erklärt Marten.

So setzte der Mercedes-Benz-Haustuner im vergangenen Jahr 22.000 Fahrzeuge ab. Ein Drittel davon in den USA, zehn Prozent bleiben in Deutschland. Der Rest verteilt sich auf die Wachstumsmärkte Russland, China und Indien sowie natürlich die Golfstaaten.

Krise? Findet nicht statt

Und die Wirtschaftskrise? "Spüren wir praktisch nicht. Wir sind nicht in dem Maße getroffen wie andere", sagt Marten. In manchen Märkten, wie Südafrika, verkaufe man 2009 sogar mehr Autos als im vergangenen Jahr. In dieser schmalen Luxus-Nische sei das Unternehmen viel abhängiger von Produktzyklen. So ist der C 63, ein Hightech-Sportler auf Basis der C-Klasse, in seinem ersten vollen Verkaufsjahr, laut Marten, "prächtig eingeschlagen".

Einen ähnlichen Schub erwarten die Schwaben jetzt vom E 63. Nur vier Monate nach dem Start der aktuellen E-Klasse fährt im August der "Sportwagen für Vorstandsvorsitzende" bei den ausgewählten Händlern mit speziell geschulten Verkäufern vor. Dass die Limousine einen Monat vor dem neuen Porsche Panamera startklar ist, sei "reiner Zufall" versichert Kai Marten. Ungelegen komme das aber natürlich nicht.

Tempo 300

Mit einem handgefertigten 6,3-Liter-Achtzylinder mit 525 PS, einem Sprintvermögen von 0 auf 100 Stundenkilometer in 4,5 Sekunden und einem maximalen Drehmoment von 630 Newtonmetern treten die Affalterbacher gegen den Zuffenhausener Herausforderer an.

Wem die abgeregelten 250 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit nicht ausreichen, kann das "AMG Driver Package" bestellen, ein Fahrertraining absolvieren und anschließend mit seinem Mercedes 300 Stundenkilometer fahren.

Der Preis spielt keine Rolle...

Über den Preis spricht man in diesen automobilen Sphären eigentlich nicht. Bei 105.000 Euro geht es los - und der Individualität sind keine Grenzen gesetzt. "Unsere Kunden ordern je nach Modell im Schnitt Sonderausstattungen für 20.000 bis 30.000 Euro", verrät Marten.

Bei solchen Preisen spielt auch der der Kraftstoffverbrauch keine nennenswerte Rolle mehr. Dennoch ist der Verbrauch längst auch für AMG ein Thema. Freilich auf einem überdurchschnittlichen Niveau: Für den E 63 haben die eigenen Ingenieure angeblich 12,6 Liter Durchschnittsverbauch ermittelt.

...und der Kraftstoffverbrauch auch nicht

Doch die Test-Realität sieht anders aus: Bei einer ersten Ausfahrt unter mühevoller Beachtung aller Tempolimits pendelte sich der Bordcomputer indes bei 17,7 Litern ein. Die angesprochene Zielgruppe, "Geschäftsleute, die mit Spaß und Emotion unterwegs sein wollen",  findet sich ganz offensichtlich auch in Krisenzeiten.

Mit dem E 63 will AMG die Gesamtabsatzzahl des Vorjahres "leicht überbieten" - während die Konzernmutter derzeit mit 15,9 Prozent im Minus liegt und auf Sparkurs fährt.

Bernd Nusser