Die Alanus-Universität kombiniert das BWL-Studium mit Musik und Schauspiel. Handelsunternehmen unterstützen die ungewöhnliche Hochschule.

Schon im ersten Semester wartet auf die Studierenden der Alanus-Universität das Modul BA 26 - an anderen Hochschulen heißt so etwas Seminar. Um eine „differenzierte Sinnes- und Wahrnehmungsschulung" zu betreiben, erhalten die Teilnehmer von BA 26 laut Studienplan Einblicke in künstlerische Disziplinen wie experimentelles bildnerisches Gestalten, Eurythmie, Tanz und Musik.

„Ich bin sehr optimistisch, dass unsere Studierenden auf dem Arbeitsmarkt weit vorne mitspielen können", sagt Dirk Battenfeld, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Alanus-Universität Alfter, im Gespräch mit Der Handel.

Weil angehende Betriebswirte an der kleinen Hochschule nahe Bonn im Rahmen ihres Bachelor-Studiums mehrere Kunstmodule durchlaufen, Schauspielunterricht bekommen und sich im „Studium Generale" mit Philosophie und Literatur beschäftigen, werden sie für die künftigen Arbeitgeber interessant, ist Battenfeld überzeugt: „Wir wollen den Betriebswirt ausbilden, der nicht nur die Lehren der Vergangenheit beherrscht, sondern sich auch auf die Zukunft einstellen kann."

Künstlerische Elemente

Das sieht auch Manon Haccius so, bei der Biomarkt-Kette Alnatura für die Mitarbeiterentwicklung zuständig. „Die Erfahrung der eigenen Kreativität durch die künstlerischen Elemente - das wird in anderen Studiengängen nicht geleistet", sagt sie zu Der Handel.

Besonders für den Einzelhandel seien diese Voraussetzungen geradezu überlebenswichtig, betont die Alnatura-Managerin: „Sie kennen doch den alten Spruch: Handel ist Wandel. Das ist eine Binsenweisheit. Doch tatsächlich ändern sich die Dinge im Einzelhandel schneller als in anderen Branchen", sagt sie. „Die Änderung muss man mögen und gestalten wollen. Dafür brauchen Sie Kreativität."


Was Manon Haccius nicht ausdrücklich sagt: In normalen BWL-Studiengängen wird auf solche Fähigkeiten wenig Wert gelegt. Wenn dann am Arbeitsplatz Unvorhergesehenes eintritt, steht manche vermeintlich erstklassig ausgebildete Führungskraft in spe erst mal auf dem Schlauch.

Von Universalgelehrten und Antroposophen

An der Alanus-Universität ist vieles anders. Die nach dem französischen Universalgelehrten Alanus da Insulis (12. Jahrhundert) benannte Ausbildungsstätte wurde 1973 als freie, anthroposophisch ausgerichtete Kunststudienstätte ins Leben gerufen und ging 2002 in eine private, staatlich anerkannte Hochschule über, an der man zunächst Architektur, Malerei, Bildhauerei und Schauspiel studieren konnte.

Erst seit 2006 wird auch BWL angeboten - was auf dem Campus damals nicht nur für Begeisterung sorgte. Das hat sich geändert: 120 Studierende sind inzwischen für Betriebswirtschaft eingeschrieben und arbeiten mit Künstlern an gemeinsamen Projekten.

Weiche Faktoren wichtig

2009 kommt der erste Abschlussjahrgang der Alanus-Betriebswirte auf den Arbeitsmarkt - und wird wohl schnell vergriffen sein. Denn einige künftige Arbeitgeber sind eng in das Studium eingebunden.

Schon bei der Auswahl der Studierenden ist neben einem ausführlichen Bewerbungsgespräch entscheidend, dass der Bewerber einen Praxisplatz bei einem Partnerunternehmen der Hochschule vorweisen kann.


Zu diesen Partnern gehören von Beginn an Alnatura und die Drogeriekette dm. Beide Unternehmen waren auf der Suche nach dem etwas anderen Nachwuchs. „Uns fehlten häufig die weichen Faktoren, die soziale Kompetenz und die Fähigkeit, Führungsverantwortung zu übernehmen", erklärte der frühere dm-Geschäftsführer Manfred Stoffel-Kehry im Gespräch mit Spiegel Online.  

Unterstützung durch Alnatura, Rewe und Tegut

Alnatura-Gründer Götz Rehn lehrt seit 2007 als Honorarprofessor an der Alanus-Universität. Die Unternehmen diskutieren bei den Studieninhalten mit und zahlen in einen Studienfonds ein, der Studierenden bei Bedarf Stipendien zur Verfügung stellt.

„Wirtschaft neu denken", wie die Hochschule wirbt, hat seinen Preis. 700 Euro im Monat fallen an Studiengebühren an - und Zeit für Ferienjobs bleibt während der drei Jahre bis zum Bachelor-Abschluss kaum.

An 18 bis 20 Wochen im Jahr absolviert jeder Studierende zusätzlich zum Lehrplan Praxisphasen bei den Partnerunternehmen, zu denen mittlerweile auch Weleda, Tegut und der Lebensmittelhändler Rewe zählen.

Doch nicht nur der Einzelhandel ist an den Alanus-Absolventen interessiert: Auch Hersteller wie Henkel oder L'Oréal bieten Praxisplätze an. Professor Battenfeld berichtet vom wachsenden Interesse aus der Industrie.

Kein Realitätsschock

Es spricht sich herum, dass die Uni mit den bis heute gepflegten anthroposophischen Grundlagen keine Waldorf-Hochschule, sondern eine künftige Eliteschmiede sein will. „Wenn damit eine besondere Leistungsfähigkeit, ein ungewöhnliches Talent gemeint ist, kommen wir um den Begriff Elite nicht herum", hat Alanus-Rektor Marcelo da Veiga erklärt.


„Studierende sollen begreifen, dass Wirtschaft einen Teil der Gesellschaft darstellt", sagt Battenfeld. Die angehenden Manager sollen begreifen, dass sie nicht nur für Umsätze und Gewinne, sondern auch für deren Folgen verantwortlich sein werden.

Beispielsweise für den Umgang mit Mitarbeitern. „Es ist ein Spezifikum des Handels, dass man schon als junger Mensch Personalverantwortung übernimmt", betont Battenfeld.


Durch die ausgedehnten Praxisphasen seien die Studierenden dabei gut auf den Realitätsschock vorbereitet, der nach dem Verlassen der Hochschule zwangsläufig folge. Das kann Manon Haccius aus ihren Erfahrungen mit den BWL-Studenten von Alanus bestätigen: „Das sind wache, offene, kreative und auch kritische junge Menschen."

Die Hochschule arbeitet daran, einen Master anzubieten. „Wir können uns aber gut vorstellen, dass Absolventen mit dem Bachelor-Abschluss schon genug mitbringen, sodass wir sie im Unternehmen einsetzen können."

Anne Kruse