Wieder einmal ist es die Spielwarenbranche, die helfen soll, eine Wirtschaftskrise in Deutschland zu meistern. Die Insolvenz des Modelleisenbahn-Bauers Märklin kommt daher sehr ungelegen.

Wenn Horst Seehofer müde vom Regieren ist, dann geht er in den Keller - und spielt. Der bayerische Ministerpräsident ist leidenschaftlicher Modelleisenbahner. Er lässt dann nicht einfach nur Züge fahren, sondern "ich baue mein Leben nach, deshalb wird die Anlage auch nie fertig".

Der größte Bahnhof seiner Anlage sei schon fertig. Schwarzenburg heißt die Station. "Schwarz, wie meine Partei."

Es war daher persönliche Betroffenheit dabei, als Seehofer, der zugleich Vorsitzender der CSU ist, bei der Eröffnung der Nürnberger Spielwarenmesse am Mittwochabend das große Thema der Branche ansprach: die Insolvenz von Märklin. "Für Märklianer ist die Insolvenz traurig. Ich hoffe, dass sich jemand findet, damit dieses wunderbare Spielzeug uns Kunden weiterhin zur Verfügung steht", sagte Seehofer.

Vedes: 14 Millionen Euro Umsatz mit Märklin-Produkten

Die Nachricht von der Märklin-Pleite erreicht die Spielwarenbranche ausgerechnet zur 60. Spielwarenmesse - und sie drückt ein bisschen auf die Stimmung der Jubiläumsfeierlichkeiten. Für Thomas Märtz, Vorstandsvorsitzender der Vedes AG, sind wegen des Konkurses des Modelleisenbahn-Bauers aus Göppingen Umsatzprognosen für alle Verbundgruppen schwierig.

Bei Vedes ist das Modelleisenbahn-Sortiment zwar klein, trotzdem setzte die Kooperative im Jahr 2008 mit Märklin-Produkten noch etwa 14 Millionen Euro um. Das entspricht gut 5 Prozent des Gesamtumsatzes. Die Pleite des 150 Jahre alten Unternehmens "trifft uns alle", sagte Märtz am Donnerstag - und nutzte die Gelegenheit, die enge Partnerschaft von Handel und Industrie zu betonen. "Wir brauchen gute, solide Partner."

"Schwerer Schlag für den Handel"

So sieht es auch Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Spielwaren-Einzelhandels (BVS): "Die Märklin-Insolvenz ist ein schwerer Schlag für Handel und Endverbraucher. Einige Händler rechnen mit Hamsterkäufen von sogenannten Sammlern und Spielbahnern. Der Spielwaren-Einzelhandel hofft, dass der Messeauftritt von Märklin auf der Spielwarenmesse wie geplant weitergeht. Ebenso setzt der Handel darauf, dass der Insolvenzverwalter den Handelsgruppen möglichst schnell neue Verträge anbietet, damit das Unternehmen fortgeführt werden kann und die Marke Märklin Kunden und Handel erhalten bleibt."

Keine Umsatzzahlen von idee & spiel

Idee & spiel, der große Vedes-Konkurrent, mochte auf Anfrage von derhandel.de keine Umsatzzahlen mit Märklin-Produkten mitteilen. Allerdings betonte Geschäftsführer Otto E. Umbach, dass der schwäbische Modellbahn-Bauer sein größter Lieferant in diesem Segment sei.

Auf jeden Fall ist der Anteil von Märklin-Produkten bei idee & spiel deutlich größer als bei Vedes: Schließlich unterhält die Kooperative ein Partnerschaft mit der Modellbahn-Verbandsmarke Eurotrain. Umbach glaubt, dass die Marke Märklin erhalten bleibt.

Zufriedenheit bei ADV

Vedes fühlt sich mittlerweile wohl in der neuen Kooperation ADV der drei Verbände Vedes, duo schreib & spiel (Schreibwaren) sowie Ardek (Baby-Artikel). Dieser Verbund ist vor einem Jahr gestartet, nachdem kurz vor Weihnachten 2007 die Toy Alliance zwischen idee & spiel aufgelöst worden war.

Das Marktvolumen von ADV betrug 2008 1,1 Milliarden Euro. Vedes repräsentiert dabei 508 Millionen Euro, duo 314 Millionen Euro und Ardek 308 Millionen Euro. ADV verfügt mittlerweile über 2.000 angeschlossene Fachgeschäfte in sieben europäischen Ländern.

Abwrackprämien für Barbiepuppen

Die neue Kooperative geht kraftvoll in dieses wirtschaftliche Krisenjahr: Weil die Spielzeugbranche nicht vom Aufschwung betroffen war, werde sie jetzt auch nicht den Abschwung zu spüren bekommen, glaubt duo-Chef Hans-Jörg Iden und kritisierte die öffentliche Finanzhilfe für die angeschlagene Autoindustrie. Vedes-Chef Märtz habe er diesbezüglich bereits gefragt, warum er nicht auch Abwrackprämien für alte Barbiepuppen fordern würde.

Das duo-Umsatzziel für 2009 bezeichnet selbst Iden als "ambitioniert": Um 5 Prozent will die Schreibwaren-Verbundgruppe wachsen. Auch Vedes erwartet keinen Stillstand: 4 Prozent Umsatzplus formulierte Märtz das Jahresziel, das vor allem mit Multimediaspielzeug erreicht werden soll. Dieses Segment sei 2008 um 25 Prozent gewachsen. Märtz betonte, dass er sein Umsatzziel nicht erreichen werde, weil der Gesamtmarkt wachsen werde. "Wir werden uns vom Wettbewerber Zuwächse holen", formulierte der Vedes-Vorstand.

Idee & spiel-Chef Umbach wollte auf Anfrage diese Kampfansage um Marktanteile nicht kommentieren.

Bundeskanzlerin Merkel: positives Signal für Deutschland

Es ist also Bewegung bei den Spielwaren. Dass Angela Merkel am Mittwoch zur Eröffnung der 60. Messe nach Nürnberg gekommen war, erfüllte die ganze Branche mit sichtbarem Stolz.

Und die Bundeskanzlerin wusste, was an diesem Abend zu sagen war. Schließlich ist die Spielwarenmesse auch ein Konsumbarometer, denn in Nürnberg ordert der Handel. Für Merkel soll von dieser Messe ein positives Signal für die Bundesrepublik ausgehen: "Wir haben den Wiederaufbau geschafft, die deutsche Einheit - und jetzt werden wir auch diese Wirtschaftskrise überstehen", sagte die Kanzlerin.

Spielerisch gegen die Krise

Das klingt romantisch: Eine Weltwirtschaftskrise, die von Finanzspekulanten verursacht wurde, soll nun von der Spielzeugbranche mit repariert werden.

Aber im Prinzip war es kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht viel anders, als nicht nur die deutsche Wirtschaft in Trümmern lag: Als erste große Wirtschaftsmesse wurde 1950 ausgerechnet die Spielwarenschau eröffnet. Immer schwierigen Zeiten flüchtet sich der Deutsche ins Spielen - so wie Horst Seehofer in den Keller zu seiner Modelleisenbahn.