Überfälle sind selten, ­Action gibt es kaum. Ein Redakteur des Wirtschaftsmagazins Der Handel begleitete einen Wertransporter auf seiner Tour und machte sich ein Bild von der neuen Ein-Mann-Logistik. 

Wer zum ersten Mal im Leben ein Paket Geldscheine im Wert von 81.000 Euro vor sich hat, der bekommt Respekt vor dieser Summe. Es ist ein Respekt vor allem, was an diesem Geld hängt: Die Tageseinnahme eines SB-Warenhauses, die Gehälter von Mitarbeitern - und was damit passieren könnte, sollte das Paket in falsche statt in die Hände von Hans-Georg Schweller* geraten.

Nein, sagt Schweller, wenn er täglich da­rüber nachdenken würde, dass ihm etwas zustoßen kann, "dann wäre dieser Beruf nicht zu schaffen". Die Geldübergabe in dem SB-Markt dauert kaum mehr als fünf Minuten, es ist ein bürokratischer Akt, Worte werden kaum gewechselt. Schweller bekommt einen verschlossenen Plastikbeutel in die Hand gedrückt, Safebag genannt, darin befinden sich die 81.000 Euro sowie eine Quittung über den Betrag.

Mit einem Handscanner fährt Schweller über den Barcode auf dem Safebag, damit ist die Geldübergabe elektronisch verbucht, für die Marktmitarbeiterin und Schweller gibt es jeweils ausgedruckte Belege. Das Paket verschwindet in einem Metallbehälter, dieser wird mit dem Elektronischen Transport-Sicherungsgerät (ETS) verschlossen - auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal.

Kollege als Räuber

Seit neun Jahren arbeitet Schweller als Fahrer von Werttransporten, einst bei Securicor, heute bei SecurLog, dem Branchenmarktführer. Noch nie sei ihm etwas passiert, versichert er. Sein Kollege Peter Grusic hat andere Erfahrungen gemacht. Es passierte 2002, im Jahr der Euro-Umstellung, als ganz Deutschland mit Bargeld in der neuen Währung versorgt werden musste.

Es war ausgerechnet ein Kollege von Grusic, der den Millionen nicht widerstand. Mit zwei Komplizen wurde der Raub abgewickelt, Grusic kassierte Faustschläge und blaue Flecke, "mehr war es nicht, denn der Kollege mochte mich, wie ich später erfahren habe". Dann machte sich das Trio davon. Das war an einem Donnerstag, schon am Montag war Grusic wieder im Dienst. Die Täter wurden wenige Wochen später gefasst - mit der Beute.

Statistisch gesehen ist Grusic ein Sonderfall, denn die Zahl der Raubüberfälle auf Spezialgeldtransporte in Deutschland ist gering. 2002 waren es laut Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste noch zwölf, 2009 wurden gerade einmal zwei Delikte registriert. Zahlen, von denen man in anderen europäischen Ländern nur träumen kann. Im Jahr 2009 gab es in den Niederlanden 42 Überfälle, in Frankreich 126 - und in Großbritannien sogar 1.000. Bei SecurLog kursiert der Witz, dass man mehr (Auto)-Unfälle als Überfälle habe.

Wir sind keine Helden

Wahrscheinlich ist vor allem ein Grund dafür verantwortlich, dass deutsche Transporte so sicher sind: Die Fahrer tragen im Gegensatz zu den meisten ihrer europäischen Kollegen Schusswaffen. Alle drei Monate müssen SecurLog-Mitarbeiter zum Schießtraining, Hans-Georg Schweller sagt, dass er trotzdem hofft, niemals seine Pistole anwenden zu müssen. "Niemand soll den Helden spielen", versichert Michael Brockmeyer, Assistent von SecurLog-Geschäftsführer Lothar Thoma und verantwortlich für Projektentwicklung.

Foto: Steffen Gerth
Foto: Steffen Gerth
Bei einem Überfall gelte für die Fahrer die Regel, nicht das eigene Leben zu riskieren. Die Werte seien schließlich versichert. Und wenn der Transporter in falsche Hände gerät, "werden wir ihn dank GPS-Ortung auch in Afrika wiederfinden", betont Brockmeyer.

Wer bei SecurLog Werttransporte fahren will, muss per Schufa-Eintrag nachweisen, dass er nicht in finanziellen Schwierigkeiten steckt, zudem benötigt er eine polizeiliche Selbstauskunft. Beides muss jährlich erneuert werden. Jemand, der im Beruf Action sucht oder mit dem Habitus eines Türstehers auftritt, ist hier fehl am Platz.

Fahrer und Läufer

Grusic und Schweller, beide 54 Jahre alt, arbeiten derart geräuschlos und zuverlässig, dass man sich nur schwer vorstellen kann, dass diese beiden Männer jemals die Kontrolle verlieren. Ein Arbeitstag ist stets klar unterteilt: Wenn Grusic an der Reihe ist, das Auto zu steuern, dann stellt er die täglich anders verlaufende Route zusammen, auf der die Kunden angefahren werden. Schweller ist in diesem Fall der sogenannte Läufer. Er bringt entweder Wechselgeld oder holt die jeweilige Tageseinnahme.

Die 81.000 Euro aus dem SB-Warenhaus transportiert er dann in einem speziellen Metallbehälter, der durch das ETS gesichert ist, zum Auto: Sollte Schweller die Kiste aus der Hand gerissen werden, wird nach einigen Sekunden eine Rauchbombe aktiviert, die das Geld unbrauchbar macht. Für Diebe ist die Beute damit wertlos, Kunden ersetzt die Bundesbank den Schaden. Die Rauchbombe wird immer aktiviert, sobald Schweller seine Hand vom ETS nimmt.

Bei einem Sturz hat er aber genug Zeit, den Zerstörungsmechanismus außer Kraft zu setzen. Sollte er den dafür notwendigen Schlüssel verloren haben, bliebe ihm noch die Möglichkeit, mit der Wertkiste zum Kunden zurückzulaufen, der einen identischen Schlüssel besitzt.

Die Ein-Mann-Logistik: Der Einzelkämpfer

André Seldiz ist an diesem Tag viel auf den Beinen. Vier Geschäfte muss er allein im Frankfurter Einkaufszentrum "MyZeil" aufsuchen, um Geld abzuholen - jedes einzeln. Viermal muss er den rund fünf Minuten langen Weg vom Keller des Centers bis etwa in die vierte Etage zurücklegen. Seldiz verkörpert den Versuch, Sicherheitstransporte profitabler zu machen in einem erbarmungslosen Geschäft.

Foto: Steffen Gerth
Foto: Steffen Gerth
Während Schweller und Grusic zu zweit in einem teuren Fahrzeug mit gepanzertem Führerhaus unterwegs sind, fährt Seldiz allein. Sein Softcar genannter Kleinlaster ist auch nicht gepanzert, nur eine spezielle Schließautomatik sichert die Türen. Und er hat einen Revolver.

11,8 Kilogramm Leergewicht wiegt Seldiz' Koffer, in dem er das Geld transportiert. Muss er Hartgeld ausliefern, dann geht das nur mit einer Sackkarre: Münzrollen im Wert von 5.000 Euro wiegen genau 26,13 Kilogramm. Da ist die ganze Muskelkraft des Mannes gefragt. Einen Sammeltransport verbietet die sogenannte Drop-Case-Technik.

Jedes Safebag wird hierbei in einem Koffer separat zum Auto getragen, der Bote hat dabei niemals Zugriff aufs Geld. Bei Diebstahl des Transportkoffers wird das Geld durch auslaufende Farbe unbrauchbar gemacht. Die jeweiligen Plastiktüten mit dem Geld plumpsen dann aus dem Koffer in einen Safe im Auto - bei Diebstahl oder Verlassen der Route wird die Ware ebenfalls zerstört.

Im Hochsicherheitstrakt

Seldiz' Tag ist strapaziöser als der von Schweller und Grusic, er ist Fahrer und Läufer in einem. Die Anspannung legt sich bei ihm erst in der für ihn zuständigen Niederlassung in Neu-Isenburg. Wer hinein will, muss ein Schleusensystem überwinden - denn hier lagert nicht nur viel Geld, sondern auch Wertgegenstände wie Uhren oder Edelmetalle. Jede Niederlassung ist ein Hochsicherheitstrakt mit Stacheldraht und dicken Betonmauern.

Bis Softcar-Fahrer Seldiz in Feierabendstimmung kommt, vergehen einige Minuten. Theoretisch kann kein Safebag auf seiner Fahrt in die Niederlassung abhanden gekommen sein. Praktisch beruhigt ihn erst die Quittung des Kollegen aus dem Kassenraum, die den Eingang jedes Geldpakets bestätigt, das Seldiz bei den Kunden abgeholt hat.

Dank Scannertechnik ist das ein Akt von nicht einmal einer Minute.
Seldiz beendet dann seinen Arbeitstag, doch das Geld geht noch durch einige Hände. Jede Lieferung wird bei SecurLog nochmals gezählt, sicher aufbewahrt und am nächstmöglichen Arbeitstag zur Deutschen Bundesbank nach Frankfurt gefahren, wo es dann dem Kunden gutgeschrieben wird.

Ob ein Mann wie Seldiz ein besonderes Verhältnis zu dem vielen Geld entwickelt hat, das er seit Jahren durchs Rhein-Main-Gebiet fährt? „Nein", sagt er. „Ich beschäftige mich nicht damit, wie viele Millionen ich im Auto habe. Das würde mich nur von der Arbeit ablenken." Für ihn sei das, als würde er Kartoffeln ausfahren.

Steffen Gerth

Dieser Artikel ist in der Januar-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel
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Alle Fahrernamen aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert