Einzelhandel in der Region Cham verbanden Auswärtige lange mit "Vietnamesenmärkten". Doch die Händler im Bayerischen Wald haben die Tschechen als Nachbarn und Konsumenten entdeckt.

Wenn Jürgen Kögler von dem Land redet, das zwei Kilometer hinter seiner Ladentür beginnt, dann spricht er immer von der Tschechischen Republik. Nicht von Tschechien, schon gar nicht von der Tschechei. Diese Formulierung zeugt von Respekt vor den Nachbarn, die immer noch aufschauen zu Deutschland, und zu denen es wegen des Eisernen Vorhangs lange nur spärliche Kontakte gab.

Seit 15 Jahren lernt Kögler die tschechische Sprache, in seinem kleinen Elektrogeschäft in Furth im Wald beschäftigt er regelmäßig Auszubildende aus dem Nachbarland - und im Laden hängt ein Schild, auf dem steht: "ZDE MLUVIME CESKY." Das heißt: "Wir sprechen tschechisch."

Furth als Grenzstation

Kögler sagt, dass die östlichen Nachbarn das kleinstädtische Flair von Furth im Wald (9.200 Einwohner) lieben, "denn so etwas gibt es bei ihnen nicht". 45 Jahre lang war diese kleine Stadt im Landkreis Cham für Tschechen und Deutsche nur eine Grenzstation im Bayerischen Wald, über die man in ein jeweils fremdes Land einreisen durfte.

Region ohne Hinterland

Die Menschen in der Region um die Kreisstadt Cham (17.200 Einwohner) in der Oberpfalz lebten in einem Zonenrandgebiet mit allen Nachteilen: strukturschwach und dünn besiedelt. "Uns hatte eine Himmelsrichtung gefehlt. Wir besaßen kein Hinterland", beschreibt Richard Brunner von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg die Lage damals.

1990 fielen die Grenzen und der Ostblock zerbrach. Zu dem allgemeinen Durcheinander damals gehörten auch die berüchtigten "Vietnamesenmärkte" auf tschechischem Gebiet mit Billigangeboten und Fälscherware für die Lustbefriedigung deutscher Konsumenten - von Alkohol bis Zigaretten. Gleich hinter der Grenze bei Furth im Wald wuchert so ein Markt mit Spielcasinos, Tabakshops und Erotikcentern.

Grandios entwickelt

Richard Brunner redet lieber von angenehmeren Dingen auf deutscher Seite. "Die Region hat sich grandios entwickelt", sagt er, der für die IHK Regensburg in der Außenstelle Cham das Aufblühen des einst verödeten Ostbayerns begleitet. Bei nur 4 Prozent lag die Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt 2008, meldet die Arbeitsagentur für Cham. In der Nachbarstadt Bad Kötzting waren es 4,5 Prozent. Firmen wie das CDax-Unternehmen Mühlbauer oder Siemens haben hier investiert und Jobs geschaffen.

Von diesem Aufschwung hat auch der Einzelhandel profitiert. Zwischen 1997 und 2007 stieg der Umsatz der Branche im Landkreis Cham um stolze 26,6 Prozent - bei einem bescheidenen Bevölkerungswachstum von 1,1 Prozent. Trotzdem liegt die Kaufkraft im Kreis mit 17.192 Euro pro Einwohner um fast 2.000 Euro unter dem Bundesdurchschnitt. Ganz offensichtlich profitiert die Region von einem Land, das lange verschlossen war: Tschechien.

Wer Cham und Umgebung besucht, merkt schnell, wie sich Menschen aus einst unterschiedlichen Systemen annähern. Josef Mühlbauer, Bezirksgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Oberpfalz gerät daher in Rage, wenn er auf eine Diplomarbeit zu sprechen kommt, in der dem Einzelhandel im Landkreis Cham im Umgang mit tschechischen Kunden erhebliche Versäumnisse unterstellt wird. Die Verfasserin Veronika Loibl hat gar "Grenzen in Kopf der Einzelhändler" ausgemacht.

Tschechischer Verkäufer

Jürgen Kögler kann damit nicht gemeint sein. Der Sprecher der Einzelhändler in Furth im Wald besucht die tschechische Großstadt Pilsen öfter als Regensburg, er ist dort Mitglied im Lions-Club und organisiert deutsch-tschechische Wanderungen. In seinem Elektrogeschäft akzeptiert er Bankkarten des Nachbarlandes, präsentiert sich jenseits der Grenze auf Messen und vermittelt in jedem Satz das Bestreben, aktiv zu einem freundschaftlichen Verhältnis zweier lange fremder Staaten beizutragen. Dass der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber nie offiziell die Tschechische Republik besucht hat, empfindet Kögler immer noch als empörend.

Doch was sind die Tschechen für Kunden? Jürgen Kögler sagt, dass die Nachbarn sehr gut vorinformiert in seinen Laden kommen. Elektronikartikel gehören traditionell zu den Verkaufsschlagern, doch auch Lebensmittel sind sehr beliebt. "Denn Auswahl und Qualität liegen über dem tschechischen Niveau."

Sportler-Mentalität

Oldrich Barta hat dagegen festgestellt, dass seine Landsleute kein deutlich anderes Einkaufsverhalten haben als die Deutschen. Seit über zehn Jahren arbeitet Barta im Chamer Elektronikfachmarkt Kappenberger und Braun (K+B), der Tscheche wurde eigens als Verkäufer eingestellt, damit die Kunden aus seinem Heimatland einen Ansprechpartner haben. Und vielleicht mag ihn auch der ein oder andere Sportkenner noch als ehemaligen Volleyball-­Nationalspieler der CSSR kennen.

Für Max Neumeier ist die sportliche Ebene mitentscheidend beim Aufbau deutsch-tschechischer Verbindungen. Der Geschäftsführer von K+B erzählt von vielen CSSR-Nationalmannschaften, die vor ihrer Rückreise über den Grenzübergang Furth im Wald stets in Cham Station gemacht hatten, um mit ihren Devisen Elektronikartikel einzukaufen.

Vom Laster verkauft

Aus dieser Tradition hat K+B mit den Jahren einen strukturierten Handel gemacht. Neumeier erinnert sich noch an die wilden Anfangszeiten nach der Grenzöffnung, als Fernseher und Kassettenrekorder in Cham direkt vom Laster an die Tschechen verkauft wurden, weil der Andrang so gewaltig war. Die enorme Konsumnachfrage der Tschechen bescherte K+P im Jahr 1990 einen Umsatzsprung von 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Seitdem begann das Unternehmen die heutige Tschechische Republik zu erschließen.

1995 wurde die tschechische Gruppe der deutschen Kooperation Expert gegründet - heute betreibt K+B im östlichen Nachbarland 22 eigene Läden. "Aber das Geld, das wir dort verdienen, investieren wir komplett in Tschechien", versichert Neumeier.

"Wir wollen nicht einfach absahnen"

Diese Läden liegen freilich nicht auf grenznahem Gebiet - denn die Kunden aus dieser Region sollen ja zu K+B nach Cham kommen. Dafür wirbt der Händler in Tschechien mit Radiospots und Prospekten in der Landessprache. "Die Tschechen schauen auf den Preis, aber auch auf die Qualität der Auswahl", sagt Max Neumeier.

Einkaufen war und ist bei den Nachbarn kein Vergnügen. Selbst in der Metropole Pilsen (100 Kilometer von Cham entfernt) spielt sich das Shoppingleben größtenteils in vier Centern ab. "Kleinteiligen Einzelhandel kennt man in Tschechien so gut wie gar nicht", sagt IHK-Mann Brunner.

Erst schwimmen, dann einkaufen

Freilich schlagen die neue Kaufkraft der Tschechen (seit 2004 um 50 Prozent gestiegen) und die neue Stärke der tschechischen Krone noch längst nicht überall im Landkreis Cham durch. Nach Waldmünchen (7.100 Einwohner) beispielsweise kommen die östlichen Nachbarn zwar gerne zum Entspannen im Erlebnisbad "Aquafit" - doch danach fahren sie schnell wieder heim.

Harald Herbrig will aber, dass die Touristen auch hier einkaufen. Seit Juli 2008 ist der erfahrene Einzelhandelsprofi und ehemalige Quelle-Manager Geschäftsführer des kleinen Waldmünchener Kaufhauses Reitmeier - und sorgt für Schwung im Handel der verschlafenen Kurstadt. Schließlich weiß er von sächsischen Händlern, die 30 Prozent ihres Umsatzes mit tschechischen Grenzgängern machen.

Defizite in Waldmünchen

Also hat Herbrig die Waldmünchener Händlerschaft aktiviert: Eine Kundenkarte in tschechischer Sprache ist in der Vorbereitung, zweisprachige Preisschilder werden diskutiert, sogar die Annahme der Krone ist für ihn denkbar. In Radiospots in Tschechien soll sich Waldmünchen als Einkaufsstadt positionieren. Aber dafür muss die bescheidene Ladenvielfalt vor Ort wenigstens erhalten bleiben.

Viele Unternehmen sterben, weil es keine Nachfolger gibt, die die Betriebe weiterführen wollen. "Aber wenn ein Drittel der Geschäfte geschlossen ist, dann sagen sich die Tschechen: Hier sieht es ja aus wie bei uns", befürchtet Herbrig.

Sprachbarriere "muss weg"

Für den Kaufhauschef ist die Sprachbarriere das größte Hindernis, das viele Tschechen davon abhält, in Deutschland einzukaufen. "Und die muss weg", sagt Herbrig. Er selbst tut sich mit dieser slawischen Sprache schwer. Als Berliner habe er vorerst damit zu tun, den bayerischen Dialekt zu verstehen, sagt er fröhlich.

IHK-Mann Brunner betont, "dass in einer Grenz­region niemand auf Kosten des anderen ­leben kann". Sein Bemühen um Annäherung ist auf der Visitenkarte ­abzulesen: Die ist zweisprachig beschriftet.