Das Zeitalter der Bits und Bytes hat die Welt radikal verändert. Wir schauen nach vorne und stellen sieben Trends für die Welt von morgen vor, die auch für den Handel relevant sind.

Die Kreativ- und IT-Branche wie auch die gesamte Wirtschaftswelt stehen unter dem Eindruck der weltweiten Finanzkrise. Doch Unternehmen können sich für die Herausforderungen der Zukunft stählen - zumindest, wenn sie immer wieder versuchen, die großen Trends neu zu bestimmen und zu verstehen. Die MFG Baden-Württemberg, Innovationsagentur des Landes für Informationstechnologie und Medien, hat sieben Trends für die digitale Zukunft ausgemacht - die auch für die Handelsbranche nicht nur im E-Commerce Relevanz besitzen.

Trend 1: Internet in Realtime
Das Internet muss zum intelligenten Medium der Millisekunde werden. Denn die Gegenwart dauert nur etwa drei Sekunden: In dieser Zeitspanne nimmt der Mensch Informationen auf, bewertet sie und versucht sie zu verstehen. Ungefähr so lange braucht auch eine E-Mail heute, um einmal den Globus zu umkreisen.

Doch um diese Potenziale zu nutzen, muss das Internet intelligenter werden: „Semantic Web" ist das Schlagwort. Das Internet der Bedeutungen versteht Informationen in ihrem Zusammenhang. Denn das Surfen im World Wide Web wird künftig mehr und mehr zur Nebensache. Die direkte Kommunikation mit Rechnern über Webservices und das Mieten von Softwareprogrammen über das Internet verändern die Nutzung. Das Internet wird noch mehr als bisher die zentrale Plattform, das zentrale Medium, die zentrale Technologie für die Wirtschaft und die Verbindung von Menschen und Systemen weltweit.

Trend 2: Internet der Dinge
Die digitale und reale Welt verschmelzen. Das Internet bekommt zunehmend neue Teilnehmer - und zwar nicht nur Menschen und Computer, sondern auch andere Dinge. Jeder Gegenstand - vom Kühlschrank über den Stromzähler und das Auto zu Kleidungsstücken und Sportschuhen - kann eine eigene Internetadresse haben und Informationen entgegennehmen, neue pro­duzieren und versenden.

Gegenstände kommunizieren untereinander, aber auch mit den Nutzern. Sportschuhe können künftig Leistungsdaten messen und zur Analyse übermitteln. Autos werden Verkehrsinformationen austauschen, der Autoreifen wird Informationen über Profildicke, Luftdruck und Geschwindigkeit weitergeben.

Trend 3: Bilder erleben
Die Bildqualität bei Fotos und Videos wird immer besser: dreidimensional im Internet, holografisch bei der Simulation und beim Fernsehen über das World Wide Web. Die Dynamik im Bereich von bewegten Bildern, Video und Internet-TV ist gigantisch. Heute werden zum Beispiel bei YouTube etwa zehn Stunden Videomaterial in der Minute hochgeladen. Mittlerweile ist allein YouTube für gut 10 Prozent des weltweiten Internet-Datenverkehrs verantwortlich. Und dieser Boom wird sich fortsetzen: Die Qualität wird sich verbessern und immer mehr Nutzung auf Internetportalen stattfinden. Hinzu kommen neue Visualisierungs- und Simulationsmethoden

Trend 4: Interaktion Mensch-Maschine
Wii ist derzeit die erfolgreichste Spielekonsole von Nintendo. Das Besondere: Statt auf einen statischen Spielecontroller reagiert sie auf die Bewegungen des Spielers. Die eingebauten Bewegungssensoren erkennen, in welcher Lage sich der Spieler gerade befindet, in welche Richtung und mit welcher Geschwindigkeit er sich gerade bewegt. Die Bewegungen des Spielers werden dann in Bewegungen von Spielfiguren oder Elementen auf den Bildschirm übertragen.

Die Spielkonsole ist ein gutes Beispiel für radikales Innovationsverhalten: Das „Haptic Computing" hat den Nerv der Zeit getroffen. Die Entwicklungen um die schier grenzenlose Mensch-Maschine-Schnittstelle schreiten voran. Der Erfinder Ray Kurzweil hat die Vision, dass man eines Tages das Gehirn komplett downloaden und damit für immer speichern kann. Wir sind schon heute in der Lage, mit sogenanntem Neuro-Controller, einer Art Headset mit eingebauten Sensoren, Computerspiele zu steuern. Die Zukunft gehört den biologischen Computern: Britischen Wissenschaftlern ist es gelungen, einen kleinen Roboter über eine Petrischale voller Ratten-Nervenzellen zu steuern. Damit nähern sich Natur und Computertechnologie immer weiter an.

Trend 5: Öko-Effizienz der IT
Rechenzentren sind die Fabriken des Informationszeitalters und fressen dabei sogar mehr Strom als alte Industrieanlagen. Die Informations- und Kommunikationswirtschaft ist bereits heute für 2 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Die vernetzte und intelligente digitale Welt bietet aber weit mehr Möglichkeiten als nur in den Rechenzentren Energie zu sparen: Der Trend heißt Öko-Effizienz.

In der Zukunft „ernten" wir beispielsweise aus der Umgebungstemperatur, aus Bewegung oder aus Luftströmungen Energie für die Stromproduktion. Thermogeneratoren werden künftig die Körperwärme umwandeln und den iPod mit Strom versorgen, Bewegungssensoren erzeugen Strom bei Sport und Arbeit. So wie die Uhr sich früher automatisch durch Handbewegungen aufgezogen hat, wird sie in Zukunft Strom erzeugen.

Trend 6: Offene Zusammenarbeit
Open-Source-Software wurde zur Metapher für die Öffnung des Internets und führte Bewegungen wie Open Content, Open Access, Open Innovation an. 2005 führte Tim O'Reilly das Konzept der offenen Zusammenarbeit im Internet unter dem Kürzel Web 2.0 zusammen. Die weltweit vernetzte Produktion wird zunehmend auch in anderen Bereichen als bloßer Software angewandt. Prominentestes Beispiel ist sicher Wikipedia, aber es könnte auch die Konstruktion einer Maschine oder eine Filmproduktion sein.

Eine interessante Perspektive liegt in den Möglichkeiten der kundenspezifischen, individuellen Onlineproduktion von physischen Gegenständen. Heute sind es schon zum Beispiel Fotobücher, T-Shirts oder Müslis. Bald können es Prototypen für Maschinenbau und Architektur oder selbst entworfenes Geschirr und Kunstgegenstände sein - wobei die Pläne im Web verfügbar sind und von verschiedenen Nutzern bearbeitet werden können.

Trend 7: Offenes Wissen
Offene und geschlossene Welten verbinden sich. Die geschlossene Welt ist eine Welt des geistigen Eigentums. In ihr werden Erfindungen, Ideen und Konzepte durch Patent- und Urheberrechte geschützt. Denn nur mit dem Bewusstsein, dass ihre Erfindungen und Werke vor Nachahmung geschützt werden, sind Unternehmen heute motiviert für Innovationen.

Anders sieht es in der offenen Welt aus. Sie zeichnet sich durch offene Ansätze aus. Hier steht zunächst nicht der Nutzen des einzelnen Unternehmens im Vordergrund, sondern der Nutzen von Gemeinschaften, die massenhaft Erfahrungen, Wissen, Lebensstile und Erlebnisse teilen wollen. Wer bestehen will, muss in Zukunft Wanderer zwischen den beiden Welten werden: Die geschlossene Welt wird intelligent mit der offenen verbunden. Dazu muss der Mensch partnerschaftsfähiger, lernfähiger und veränderungsbereiter werden. Und er benötigt eine Struktur, in der alle Beteiligten nach neuen Regeln spielen können.

Klaus Haasis
ist Geschäftsführer der MFG Baden-Württemberg, Innovationsagentur des Landes für IT und Medien

Dieser Artikel ist in der März-Ausgabe von Der Handel erschienen