Verdi ist wütend, Benko beruhigt - und Middelhoff meldet sich. Karstadt bleibt ein Problemfall. Von dem Millioneninvestment nach dem Signa-Einstieg sollen laut "Spiegel" vor allem Premium und Sport profitieren.

In den Tarifkonflikt bei Karstadt kommt Bewegung. Verhandlungskommissionen des Unternehmens und der Gewerkschaft Verdi trafen am Montag in Düsseldorf zusammen, um über den umstrittenen Ausstieg der Warenhauskette aus dem Flächentarifvertrag zu verhandeln. Der Hintergrund: Karstadt will mit einer zweijährigen "Tarifpause" Kosten in Millionenhöhe sparen. Die Ankündigung, für zwei Jahre aus der Tarifbindung auszusteigen, hatte jedoch bei der Belegschaft zu heftigen Protesten geführt.

Außerdem will die Gewerkschaft bei den auf zwei Tage angesetzten Gesprächen einen Standort- und Beschäftigungssicherungsvertrag für die 20.000 Karstadt-Mitarbeiter durchsetzen, wie eine Verdi-Sprecherin bekräftigte. Denn der Verkauf wichtiger Teile des Konzerns an den österreichischen Immobilieninvestor René Benko hat bei Verdi die Alarmglocken läuten lassen.

Rüdiger Wolff, Mitglied der Verdi-Verhandlungskommission, betonte am Wochenende, der Schritt Berggruens komme "faktisch einer Zerschlagung des Konzerns" gleich. Ein Tarifvertrag über die Standort- und Beschäftigungssicherung der Belegschaft sei deshalb dringender denn je.

Benko will Personal einstellen

Benko, der künftig Mehrheitseigentümer der Karstadt Premium- und Sporthäuser ist, hatte sich am Wochenende bemüht, die Sorgen vieler Beschäftigter zu zerstreuen. In einem Interview der "Bild am Sonntag" sagte er, die Karstadt-Mitarbeiter der Premium- und Sporthäuser müssten keine Angst um ihre Arbeitsplätze haben. "Im Gegenteil: Wir werden in unsere Häuser investieren und gleichzeitig expandieren - und dazu weiteres Personal einstellen."

Die Frage ist nur, ob von diesem angekündigten Engagement auch die 83 Warenhäuser profitieren. Laut "Spiegel" sollen die Filialen von Berggruens angekündigtem Investment in Höhe von 300 Millionen Euro nur 150 Millionen Euro erhalten, wovon gerade einmal nur 10 Prozent, 15 Millionen Euro, innerhalb der nächsten fünf Jahre investiert würden. Der Rest stehe zur freien Verfügung, schreibt das Blatt weiter. 75 Prozent des 300 Millionen-Investments komme von Benko.
Von diesem Geld sollen laut "Spiegel" 100 Millionen Euro in die drei Premiumhäuser, 50 Millionen Euro wiederum in die Sporthäuser fließen. Fällig werde das Geld innerhalb der nächsten 18 Monate, die Hälfte davon bis Ende 2013.

Eine Anfrage von derhandel.de an die Berggruen Holding in Berlin, ob die Zahlen stimmen, blieb unbeantwortet.

Middelhoff redet der Fusion das Wort

Der frühere Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor, Thomas Middelhoff, hält dagegen die bislang eingeleiteten Maßnahmen noch längst nicht für ausreichend, um ein Überleben der Warenhäuser zu sichern. Er drang in einem "Tagesspiegel"-Interview auf einen Zusammenschluss von Karstadt mit dem Rivalen Galeria Kaufhof. "Es ist nicht genug Platz am Markt für zwei Warenhauskonzerne", sagte er. Deshalb müsse es nach seiner Einschätzung zu einem Zusammenschluss beider Unternehmen kommen.

Middelhoff hatte Arcandor bis kurz vor der Pleite geleitet. Der Manager wies erneut jede Verantwortung für den Zusammenbruch von sich. Mit Blick auf Karstadt sagte Middelhoff: "Es ist hart mit anzusehen, wie die Erosion des Unternehmens fortschreitet, ohne dass die Wende absehbar ist."

"Es gibt keine Wachstumsimpulse mehr"

Die These der Fusion ist nicht neu, der Warenhausexperte Gerd Hessert hatte sie bereits vor Monaten im Gespräch mit derhandel.de deutlich formuliert. Auf die Frage, ob an der Fusion von Karstadt und Kaufhof noch ein Weg vorbei führe, hatte Hessert geantwortet: "Dieser Schritt ist überfällig. Es muss ein Weg gefunden werden, sich von vielen Standorten zu trennen. Es gibt keine Wachstumsimpulse mehr, mögliche Expansionsstrategie für die Sporthäuser von beiden Unternehmen wird ebenfalls nicht mehr verfolgt."

Der ehemalige Manager von Karstadt und Hertie arbeitet heute als Berater sowie als Lehrbeauftragter für Handelsmanagement an der Universität Leipzig und hat in einer Studie die Zukunftsfähigkeit sämtlicher Warenhausstandorte in Deutschland untersucht. Fazit: "Es gibt keine Wachstumsimpulse mehr für die Betriebsform Warenhaus." Und: "Je kleiner die Stadt, je unattraktiver der Branchenmix - umso schwerer hat es ein Warenhaus."

Für ihn ergibt es daher keinen Sinn, wenn Karstadt-Besitzer Nicolas Berggruen in Standorte wie Gummersbach, Dessau oder Bremerhaven investiert. "Diese Investitionen rechnen sich nicht", ist der Experte überzeugt.