Die Verhandlungen waren noch einmal in die Verlängerung gegangen, jetzt steht der Termin fest. Ab 1. Juli gilt die Vereinbarung, wonach ein Großteil der Handelsunternehmen keine kostenlosen Plastiktüten mehr anbieten wird.

Die kostenlose Plastiktüte wird in Deutschland zum Auslaufmodell. Mehr als 260 Handelsunternehmen haben sich dazu verpflichtet, von Juli an Geld für die umweltschädlichen Tragetaschen zu verlangen, um so den Verbrauch zu drosseln.  Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und Josef Sanktjohanser Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE) haben an diesem Dienstag in Berlin eine entsprechende Vereinbarung unterschrieben, nach der innerhalb von zwei Jahren 80 Prozent der Kunststofftüten im Einzelhandel kostenpflichtig sein sollen.

Nach den Vorgaben der EU-Richtlinie muss der Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststofftüten (15 bis 50 Mikrometer Wandstärke) in den Mitgliedstaaten bis Ende 2019 auf 90 Tüten und bis Ende 2025 auf 40 reduziert werden. Deutschland liegt aktuell bei jährlich 71 Tüten je Einwohner und Jahr.

"Der Handel steht bereit, seinen Beitrag zum Umwelt- und Ressourcenschutz zu leisten“, so Sanktjohanser. "Zum Start der Vereinbarung beteiligen sich etwa 260 Unternehmen." Diese stünden für über 60 Prozent der Tüten im Handel, die von der EU-Richtlinie erfasst werden. Er sei zuversichtlich, dass die vereinbarte Zielquote von 80 Prozent der Kunststofftüten innerhalb von zwei Jahren erreicht werden könne. Entscheidend sei, dass weitere Branchen die Vereinbarung unterzeichneten. Denn über die Ladentheken des Einzelhandels gehen in Deutschland nur gut zwei Drittel aller Tüten.

Den Preis legt jeder Händler selber fest

Über die Höhe des Tüten-Entgelts entscheiden die Händler aus kartellrechtlichen Gründen individuell, schreibt der HDE. Ein Teil der Einnahmen soll Umweltprojekten zugutekommen. Bereits heute werden damit verschiedene Initiativen gefördert.

Ursprünglich hätte der Beginn der Vereinbarung zwischen Ministerium und HDE am 1. April sein sollen, wurde aber dann verschoben. Unklar ist, auf wessen Betreiben.

Praxiserfahrungen zeigen, wie eine Tütengebühr wirkt. Etwa bei C&A: Bei der Textilhandelskette kosten Plastiktüten seit dem 1. April pro Stück 20 Cent - egal ob klein oder groß. "Wir treffen auf eine erstaunlich hohe Akzeptanz", meint Unternehmenssprecher Thorsten Rolfes. Und die Neuerung erreiche ihr Ziel. Bereits in den ersten Wochen sei die Nachfrage nach Plastiktüten um über 50 Prozent gesunken. "Das heißt die freiwillige Selbstverpflichtung des Handels erreicht ihr Ziel", meint Rolfes.

Bei Media-Saturn ging der Verbrauch um 80 Prozent zurück

Auch bei den Elektronikketten Media-Markt und Saturn müssen die Kunden seit Jahresanfang für Plastiktüten bezahlen. Je nach Größe variieren die Preise zwischen fünf und 50 Cent. Bevor Deutschlands größte Elektronikmärkte den Schritt wagten, gab es allerdings Testläufe in einigen ausgewählten Märkten. "Das Ergebnis war mehr als beeindruckend. Der Tüten-Verbrauch hat sich um mehr als 80 Prozent reduziert. Auch seitens unserer Kunden haben wir sehr positives Feedback erhalten", sagt eine Unternehmenssprecherin.

Auch die Mayersche Buchhandlung wagte zum 1. April den Schritt und erntete dafür auf ihrer Facebook-Seite durchweg Lob. "Ich glaube, ich warte schon seit über 15 Jahren darauf, dass sich auch der Buchhandel traut, für Tüten Geld zu nehmen... Endlich!", schrieb eine Kommentatorin.

Textilhandel auf einer Gratwanderung

Der Textildiscounter Kik hat seit Oktober 2015 keine klassischen Plastiktüten mehr im Angebot. Bringt der Kunde keinen eigenen Beutel zum Einkaufen mit, hat er lediglich die Wahl zwischen Baumwollbeuteln zu Preisen ab 75 Cent und sogenannten Permanenttaschen aus PET zum Preis von einem Euro, um seine Einkäufe nach Hause zu tragen. "Die Umstellung war ein voller Erfolg und wurde von den meisten Kunden sehr positiv aufgenommen", zieht Kik-Chef Patrick Zahn nach sechs Monaten Bilanz. Insgesamt seien durch den Verzicht auf Plastiktüten allein bei KiK im vergangenen halben Jahr rund 315 Tonnen Plastik eingespart worden.

Mindestens ein Drittel der Textilhändler setzte schon seit längerem auf Papiertüten, statt auf Plastik, berichtet Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE). Gerade für den Textilhandel sei der Umgang mit Bezahl-Tüten eine schwierige Gratwanderung, meint er. Einerseits reagierten einige Kunden verärgert, wenn sie nach Bekleidungskäufen im Wert von einigen hundert Euro auch noch für eine Tüte zahlen sollten. Andere Kunden nähmen dagegen Anstoß, wenn ihr Einkauf ungefragt in eine kostenlose Plastiktüte verpackt werde.

Bei den meisten Bundesbürgern rennen die Vorreiter der Plastiktütengebühr ohnehin offene Türen ein. Bei einer kürzlich veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov erklärten 80 Prozent der Befragten, sie fänden es "sehr gut" oder "eher gut", dass immer mehr Geschäfte Geld für Kunststofftaschen nehmen. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) plädierte sogar dafür, dass die Ausgabe von Plastiktüten in Geschäften komplett verboten werden sollte. Die Zahl der Gegner der Plastiktüten-Gebühr war dagegen mit 15 Prozent eher gering.