In der zweiten Jahreshälfte will die Telekom ihre mobile Bezahllösung MyWallet auch in Deutschland starten. Ob die digitale Geldbörse ein Erfolg wird, hängt von zwei Faktoren ab.

Konrad Mróz ist ein vielgefragter Mann, unablässig klingelt sein Mobiltelefon. Auch als der Pressesprecher der polnischen T-Mobile-Tochter in einem Kaffee das Bezahlen mit dem Smartphone demonstrieren will, klingelt das Handy. "Telefonieren und bezahlen, beides funktioniert gleichzeitig", freut sich Mróz.

Journalisten aus ganz Europa pilgern derzeit nach Warschau, um sich von Mróz die Zukunft des Zahlens zeigen zu lassen. Seit Ende Oktober vergangenen Jahres können die Kunden der Deutschen Telekom in Polen mit der digitalen Geldbörse "MyWallet" bezahlen. Kreditkartendaten, die auf der SIM-Karte eines NFC-fähigen Smartphones hinterlegt sind, machen es möglich. Mróz ruft die App auf, wählt eine virtuelle Bezahlkarte aus und hält das Handy gegen ein POS-Terminal: "Payment accepted", erscheint auf dem Display.

"Technologieführerschaft, die Kunden begeistert"

Für Claudia Nemat, im Vorstand der Telekom für das Europageschäft verantwortlich, gehört die Lösung zu einer ganzen Reihe von Projekten, mit denen der magentafarbene Riese "Technologieführerschaft, die Kunden begeistert" anstrebt: cloudbasierte IP-Netzarchitektur in Kroatien, All-IP-Technologie in Mazedonien, LTE in Griechenland und Deutschland und eben MyWallet in Polen.

"Wir starten Innovationsprojekte in den Ländern, in denen Infrastruktur und Rahmenbedingungen am besten passen, um sie im nächsten Schritt zu internationalisieren", erläutert Nemat, warum die Telekom mit MyWallet in Polen und nicht im Heimatmarkt gestartet ist. Noch in diesem Sommer soll das Produkt auch in Deutschland, später in Ungarn, der Slowakei, Tschechien und 2014 auch in Rumänien an den Markt gehen.

Polen war für den Start des mobilen Bezahlens prädestiniert, weil dort bereits rund 40 Prozent der Kartenterminals in Handel und Gastronomie mit der NFC-Technik für kontaktlose Datenübertragung ausgestattet sind. Bis Ende 2013 sollen voraussichtlich 200.000 POS-Terminals in Polen berührungslose Karten- und Handyzahlungen abwickeln können. Damit ist eine breite Basis für die Akzeptanz der neuen Bezahlmethode vorhanden. In Deutschland gibt es bislang nur eine Handvoll Händler und Tankstellenketten, deren Kassentechnik die Nahbereichsfunktechnologie flächendeckend beherrscht.

Vier Banken geben in Polen mittlerweile Mastercard-Kreditkarten für MyWallet heraus, gestartet war man mit zwei Instituten. "Bis Jahresende werden es voraussichtlich zehn Banken sein", sagt Grzegorz Bors, Chief Marketing Officer der polnischen Telekom-Tochter. "Noch vor zwei Jahren sah die Kreditwirtschaft unser Vorhaben als eine Bedrohung an, mittlerweile hat ein Umdenken stattgefunden und die Chancen werden erkannt."
 

Kreditkarten, Konzerttickets, Bahnkarten, Zutrittsausweise

Bors leert sein Portemonnaie aus und legt sämtliche Karten auf den Tisch, um die Möglichkeiten der Wallet zu demonstrieren: Kreditkarten, Debitkarten, Kundenkarten, Zugangskarten, Bahn- und Flugtickets, Konzert-, Theater- und Stadionkarten - all das könnte in der digitalen Wallet verschwinden und dank der SIM-Karte als so genanntes "Secure Element" dort sicher aufbewahrt werden, wirbt Bors.

"Wir haben ein Eco-System für alle kontaktlosen Transaktionen geschaffen: Payment, Ticketing, Couponing und Zugangskontrollen", erläutert Bors. Noch ist die virtuelle Geldbörse allerdings weitgehend leer, sieht man von der Kreditkarte ab. Es fehlen noch Partner, um das Versprechen einer universell einsetzbaren, digitalen Geldbörse einzulösen. Man führe Gespräche über Kooperationen, versichert Bors. Die Warschauer Verkehrsbetriebe und eine große Tankstellenkette habe man bereits in der Pipeline. Mit weiteren Verkehrsbetrieben und auch mit großen Fußballvereinen stünde man in Verhandlungen.

Handelsunternehmen stünden häufig noch vor technologischen Hürden, um die Wallet für Loyalty- und Couponinglösungen einsetzen zu können. Es werde daher noch etwas dauern, bis die ersten digitalen Kundenkarten in die MyWallet-App Einzug halten. In diesem Jahr rechnet Bors noch nicht mit Partnern aus dem Handel. Unternehmen, die mit ihren Angeboten und Dienstleistungen in die digitale Geldbörse hinein wollen, müssen eine Gebühr an die Telekom entrichten, eine so genannte "SIM-Rental-Fee". Auch dies mag für manchen potenziellen Partner eine Hürde darstellen.

Das Henne-Ei-Problem der Wallet

"Eine zunehmende Marktdurchdringung ist wichtig", sagt Telekom-Vorstand Claudia Nemat im Gespräch mit derhandel.de. Sie ist überzeugt, dass der "Tipping Point" kommen wird, mit dem das Bezahlen per Smartphone zum Durchbruch gelangt und die digitale Wallet zur Selbstverständlichkeit wird. Noch steht MyWallet freilich vor einem Henne-Ei-Problem: Zu wenige Nutzer, um für Partner interessant zu sein, zu wenige Partner, um für die Nutzer durchschlagend attraktiv zu sein. Die Anzahl der Anwendungsmöglichkeiten und die Zahl der Anwender sind die beiden Faktoren, die über den Erfolg der Telekom-Wallet entscheiden. 

Dementsprechend müssen Kunden für das Produkt zunächst angeworben werden. Rund 14.000 Kunden von T-Mobile Polen haben die digitale Geldbörse seit November 2012 aktiviert. In den ersten sechs Monaten erhalten Neukunden, bis zum einem festgesetzten Limit von rund 100 Euro, 10 Prozent der mit dem Smartphone getätigten Umsätze von den Banken zurück vergütet. "Über Transaktionsvolumen oder Durchschnittsbons können wir keine Angaben machen, da nur die Banken diese Zahlen kennen", sagt Bors. Die App selbst ist zunächst kostenlos, zu einem späteren Zeitpunkt könnte sie mit einer geringen monatlichen Gebühr bepreist werden, erläutert der Marketingchef. 100.000 Kunden lautet seine Zielmarke für das Jahr 2013.

Acht NFC-fähige Handymodelle stehen für MyWallet derzeit zur Auswahl. Das iPhone, bekanntlich ein NFC-Verweigerer, ist nicht dabei. Auch dies ist ein Problem für die Breitenwirkung der Telekom-Lösung. Für Bors allerdings kein allzu großer Wermutstropfen, da in Polen Android-Handys einen Marktanteil von 70 Prozent haben. Im Juni dieses Jahres gibt die polnische T-Mobile-Tochter zudem das europaweit erste Handy mit Mozilla-Betriebssystem heraus, das gänzlich ohne GooglePlay und iTunesStore auskommt.

Welche Partner die Telekom für den Deutschlandstart von MyWallet in wenigen Wochen in petto hat, daraus wird noch ein großes Geheimnis gemacht. "Stationäre Händler brauchen Hilfe, um die Kunden ins Geschäft zu bringen, und dabei können wir helfen", ist Georg von Waldenfels jedenfalls überzeugt. "Mit Payment allein wird MyWallet keine Erfolgsstory", sagt der Manager, der für das Partnergeschäft und das Marketing der "Business Unit Payment" der Telekom verantwortlich ist. "Der Schlüssel zum Erfolg im mobile Payment ist die Nutzerfreundlichkeit und der Mehrwert aus Sicht des Kunden", lautet sein Credo.

Investitionen in die Akzeptanz-Infrastruktur

Schon bevor die App auch hierzulande in den Markt kommt, unternimmt die Telekom zunächst einiges, um die Akzeptanz-Infrastruktur für die NFC-basierte Wallet zu verbessern: "Wir investieren in eigene POS-Terminals und eigene Terminalsoftware und haben mehrere tausend NFC-Terminals in den Markt gebracht", zählt von Waldenfels auf. "Über die Tochtergesellschaft Click&Buy bringen wir eine Mastercard-Prepaidkarte heraus und wir kooperieren mit iZettle, um die Akzeptanzseite zu unterstützen." 

Darüber hinaus kooperiere man mit etablierten Zahlungsdienstleistern wie der Wirecard AG, B+S Card Service und Intercard. Die Bonner streben bekanntlich mehr an als nur eine mobile Payment-Lösung:  "Die Telekom bietet nicht nur eine Wallet. Unser Ziel ist es, mit unseren Angeboten die gesamte Wertschöpfungskette des Zahlungsverkehrs abzudecken", erläuterte Peter Vesco, Leiter des Geschäftsbereichs Payment, bereits im vergangenen Jahr im Interview mit derhandel.de.

Einer der ersten Partner von MyWallet ist der Geschäftsreisendienstleister der Lufthansa AirPlus, soviel immerhin verrät Georg von Waldenfels. Das Gerücht, auch der ADAC sei mit an Bord, will der Marketingmann nicht kommentieren.

Konkurrierende Konzepte wie die mobilen Payment-Modelle von Edeka und Netto, begrüßen die Telekom-Verantwortlichen Nemat und von Waldenfels ausdrücklich: "Es gibt derzeit eine ganze Reihe von interessanten Ansätzen, mobile Bezahllösungen im Markt zu etablieren", kommentiert von Waldenfels. "Die Kunden werden sich auf diese Weise zunehmend daran gewöhnen, ihr Smartphone auch für das Bezahlen, für Gutscheine oder Ticketing einzusetzen. Letztendlich entscheidet der Kunde, welches Verfahren für ihn das bequemste ist".

Eine Container-App mit der dezentralen Sicherheitsarchitektur einer SIM-Karte ist nach Auffassung von Nemat dabei klar im Vorteil: "Ich glaube nicht, dass die Kunden auf Dauer für jedes Restaurant oder jedes Handelsunternehmen eine eigene App auf ihrem Smartphone haben wollen. Unser Ziel ist es, eine Wallet zu etablieren, die in möglichst vielen Alltagsituationen als digitale Geldbörse einsetzbar ist."