Noch vor einem Jahr gab es wenige Experten, die dem Warenhaus eine Zukunft geben wollten. Das ist Schnee von gestern. Heute werden Hymnen auf die Branche gesungen. Warum, ist nicht ganz klar.

Den lustigsten Satz hat dieser Tage Thomas Fox gesagt: "Ich sehe bereits, dass es gelingen kann, auch die Kurzwaren zu erotisieren." Sexy Reißverschlüsse? Aufreizende Druckknöpfe? Ob das der Noch-Karstadt-Geschäftsführer gemeint hat?

Jedenfalls passen solche Sätze in die Zeit, in der die Zukunft des Warenhaus ganz anders gesehen wird, als noch zu Beginn dieses Jahres. Was damals allenthalben zu Grabe getragen wurde, ist heute die "Auferstehung von den Toten" wie das "Handelsblatt" das Zukunftskonzept von Woolworth bezeichnet.

Es wirkt, als ob es mit der Rettung von Karstadt und der überraschend guten Konsumstimmung eine Neujustierung der öffentlichen Meinung gegeben hätte, die alle eilfertig zu Grußadressen nötigt: "Wir sind fest der Auffassung, dass das moderne Warenhaus auch künftig das Bild der Innenstädte bestimmen wird", sagt etwa Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE).

Ökostrom und Hundehalsbänder

Aber was ist eigentlich passiert? Karstadt präsentiert mit Andrew Jennings einen neuen Chef, der kein Deutsch kann. Ein bisschen andere Mode - aber sonst? Woolworth will Deutschland überschwemmen mit Nachbarschaftskaufhäusern, in denen fair bezahltes Personal Hundehalsbänder und Wirkwaren verkaufen soll und die Lampen mit Ökostrom zum Leuchten gebracht werden.

Nachbarschaftskaufhäuser, die gut laufen, gibt es in Deutschland schon längst. Aber wer hat beispielsweise Ter Veen in Hamm wahrgenommen? Oder hat jemand bemerkt, dass das ehemalige Hertie-Haus in München-Fürstenried unter der neuen, eigenständigen Führung gut über die Runden kommt?

Jenseits des soliden Nachbarschaftsgedankens gedeihen "local heroes" ebenfalls prächtig: In Minden ist Hagemeyer eine vorzügliche Adresse. Und in Cham und Umgebung geht man zu Frey einkaufen.

Das Prinzip Warenhaus war nie tot. Aber nun wissen es alle. Als vor einem guten Jahr Dirk Richter einen Bankkredit haben wollte, um das Hertie-Haus in Fürstenried zu übernehmen, reagierten die Geldinstitute fast phobisch, als sie die Begriffe Einzelhandel und Warenhaus hörten. Die Raiffeisenbank München Süd gewährte ihm dann läppische 150.000 Euro Darlehen. Es wäre interessant zu testen, welchen Erfolg bei den Banken Richter heute hätte.

Die Konkurrenz schläft nicht

Wenn nun allenthalben festgestellt wird, dass der Konsument wieder zurück in die Städte kommt, weswegen die Zukunft der Warenhäuser goldig schimmert, sollte daran erinnert werden, dass die Shoppingcenter sich diese Trendwende nicht tatenlos ansehen werden. Und die vertikalen Händler schon gar nicht.

Ein myteriöser anonymer Experte sagte dem "Handelsblatt", dass es in Deutschland immer noch 60 Warenhäuser zuviel gäbe. Der Wormser Handelsprofessor Jörg Funder verkauft seine Meinung ohne Gemeiniskrämerei und schätzt die Lage im Gespräch mit derhandel.de etwas anders ein: "Es gibt in Deutschland Platz für nur noch 60 bis 70 Warenhäuser."

Nichts anderes hat Funder vor schon vor einem halben Jahr gesagt. Es besteht einfach keinen Bedarf mehr für zwei konkurrierende Warenhauskonzerne von der Größe Karstadts und Kaufhof.

Mittelfristig droht es nach wie vor eine Warenhausfusion, womöglich mit internationaler Ausrichtung, wofür bei Karstadt bereits die Besetzung von Jennings als Chef spricht.

Auch das neue Woolworth-Konzept ist keine deutsche Erfindung: Der Anbieter Kohl's macht in den Vereinigten Staaten vor, wie man den Durchschnittskunden in die Läden zieht. Das Unternehmen betreibt derzeit in den USA 1.089 Filialen - 21 weitere sind bereits geplant.

Bei Woolworth gibt es übrigens jetzt Dessous von Playboy. "Vom Weihnachtsmann empfohlen", seien diese. So sexy werden Reißverschlüsse nie werden. Vielleicht ist das auch ganz gut so.