Die französische Marke Citroen hat sich neu erfunden. Das belegt der mit viel Technik ausgestattete Kompaktvan Grand C 4 Picasso im Alltagscheck. Dennoch gibt es auch Mängel.

Ganz Frankreich klagt über die wirtschaftlichen Nöte des Landes. Nur die Autobauer wollen hier nicht einstimmen und setzen Akzente. So fährt etwa Renault bei der Elektromobilität vorweg, der PSA-Konzern mit seinen Marken Peugeot und Citroen verabschiedet sich mehr und mehr aus der ruinösen Rabattschlacht und setzt stärker auf Produktqualität statt auf Preiskampf.

Hier die deutschen Premiumprodukte, dort die französischen Massenmodelle - diese Einteilung der Autowelt hat ausgedient. Der Peugeot 308 wurde auf dem diesjährigen Genfer Autosalon zum internationalen "Auto des Jahres" gekürt. Und Citroen erntet mit dem unkonventionellen C 4 Cactus, der ab September ausgeliefert wird, so viele Vorschusslorbeeren wie seit den Zeiten der berühmten "DS" in den 50er-Jahren nicht mehr.

Neupositionierung der Marke

"Citroen legt den Fokus auf Komfort. Hier bekommen Sie Ausstattungsdetails, die Ihnen das Leben erleichtern", erklärte der neue PSA-Chef Carlos Tavares unlängst im Interview mit einer Automobilfachzeitschrift die Neupositionierung der Marke. Zum Beleg steht seit wenigen Monaten der Grand C 4 Picasso bei den Händlern mit dem Doppelwinkel im Emblem.

Der 4,60 Meter lange Van ist ein Alltagsbegleiter mit vielen Möglichkeiten, wie sich im Test von Der Handel herausstellte. Der modern gezeichnete Wagen ist immer für eine positive Überraschung gut. Beispiele: Wer die Sonnenblenden zurückschiebt, sitzt hinter der weit ins Dach reichenden Windschutzscheibe plötzlich "unter freiem Himmel".

Massage und Unterschenkelauflage

An den Vordersitzen finden sich in der Kompaktklasse noch wenig verbreitete Knöpfe zum Start der Massagefunktion, die Kopfstützen bieten sogar seitlichen Halt, mit der ausfahrbaren Unterschenkelauflage wird der Beifahrersitz vollends zur Liegefläche. Fast überall tauchen Staufächer für kleinere und größere Utensilien auf, und aus dem bündig mit der Ladekante abschließenden Kofferraumboden lassen sich zwei Zusatzsitze für den Nachwuchs aufklappen.

Für den Besitzer ist letzteres allerdings keine Überraschung mehr, weil er zuvor für die Plätze sechs und sieben 700 Euro Aufpreis zahlen und sich gut überlegen musste, ob er auf einen Teil der ansonsten 645 Liter Stauraum verzichtet. Aber auch mit der dritten Stuhlreihe an Bord bleibt für Händler auf Dienstreisen noch genügend Platz für die Musterkoffer.

Sonderausstattung für Business-Kunden

Überhaupt setzt der Hersteller selbst bei diesem "Familienvan" auf die gewerbliche Kundschaft. So gibt es, aufbauend auf der zweiten Ausstattungsstufe "Seduction", ein eigenes "Business Class-Modell", das ausschließlich mit Dieselmotoren angeboten wird. Navigationssystem (samt zwei kostenlosen Karten-Updates), Klimaautomatik, Notrufsystem, Sitzheizung und Einparkhilfe sind serienmäßig an Bord.

Wer gleich zur Top-Version "Exklusive" greift, erhält die volle Technik-Dröhnung bis hin zum kameragesteuerten Rundumblick über das Fahrzeug, sogar aus der Vogelperspektive. Gesteuert werden sämtliche Assistenzsysteme über das zentrale Touch-Display in der Mittelkonsole mit nachvollziehbarer Menüführung.

Der stärkste Diesel ist erste Wahl

Ob im Berufsalltag alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, müssen Dienstwagenfahrer für sich entscheiden. Am Motor sollte man aber keinesfalls sparen und zum stärksten der Euro-6-Selbstzünder mit 110 kW/150 PS (ab 27.940 Euro) greifen. Der bringt auch den voll beladenen Siebensitzer ausreichend in Schwung, ist leise und selbst mit dem optionalen Sechsgang-Automatikgetriebe (1.200 Euro Aufpreis) noch hinreichend sparsam (siehe Fahrzeugschein). In dieser Konstellation und mit bester Ausstattung liegt der Listenpreis bei 34.590 Euro. Der Testwagen brachte es mit einigen Optionen wie Bi-Xenon-Scheinwerfer und DVD-Unterhaltungspaket auf 39.505 Euro.

Trotz aller sichtlichen Mühen, die sich die Franzosen mit dem Grand C 4 Picasso gegeben haben, bleibt doch noch Potenzial für Nachbesserungen: Die Massage ist praktisch nicht spürbar und daher ihr Geld nicht wert, die gewaltigen Scheibenwischer schlagen bei jedem Wischvorgang an den Rahmen und verursachen so störende Geräusche, der Klappmechanismus der mittleren Sitze funktioniert nur schwergängig und die lang gezogene A-Säule stört den Blick beim Linksabbiegen. 

Bernd Nusser