Thomas Harms ist Handelsexperte beim Wirtschaftsprüfer Ernst&Young. Mit Der Handel sprach er über Finanzkrise, Konsumverhalten und Gesundbeterei im Weihnachtsgeschäft.

Handelsexperte Harms
Handelsexperte Harms
Herr Harms, ist das Weihnachtsgeschäft in diesem Krisenjahr so wichtig wie selten, weil es als Symbol steht für die Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft?

Ja, dieses Fest ist mehr denn je in aller Munde. Denn das Gerede über die Wirtschafts- und Finanzkrise nimmt mittlerweile hysterische Züge an. Folglich wird Weihnachten entsprechend intensiv vermarktet.

Bisher zeigt sich der Einzelhandel zufrieden. Ist das Zufall?
Josef Sanktjohanser, der Präsident des Einzelhandelsverbandes HDE, spricht immer davon, dass es ein Erfolg wäre, sollte die Branche dasselbe Ergebnis erreichen wie im Vorjahr. Aber das ist das berühmte Pfeifen im Walde. Denn wir beobachten, dass die Verbraucher sehr wohl vorsichtiger einkaufen, der Umsatzrückgang zum Vorjahr liegt bisher bei etwa 10 Prozent. Zudem werden die Weihnachtsgeschenke immer später gekauft, auch die Menge der Geschenkgutscheine nimmt stetig zu. Daher findet ein Teil des Weihnachtsgeschäfts erst nach dem Fest oder sogar Anfang Januar stattfindet, wenn die Gutscheine eingelöst werden.

Regiert Gesundbeterei bei der Bewertung des Weihnachtsgeschäfts?
Mancherorts schon. Sanktjohanser sieht es aber realistisch, wenn er sagt, keine Verschlechterung zum Vorjahr sei schon ein gutes Ergebnis. Es gibt auch Händler, die werden auf jeden Fall auch dieses Jahr wieder wachsen, im E-Commerce wird das Amazon sein.

Trotzdem: Täuscht der Eindruck, dass die Verbraucher von der Finanzkrise gar nicht so stark erschüttert sind?
Nein. Schließlich ist es uns lange nicht mehr so gut gegangen wie in diesem Jahr. Wie haben niedrige Arbeitslosenzahlen, relativ hohe Einkommen, jetzt fallen noch die Energiepreise...

...aber ab Januar 2009 werden Strom- und Gastarife drastisch steigen.
Das mag sein. Wer aber für die Tankfüllung seines Autos zwanzig Euro weniger bezahlen muss als vor einem halben Jahr, der fühlt sich besser. Für den deutschen Verbraucher sind solche Erfolgserlebnisse wichtig. Zudem haben wir in Deutschland eine Sparquote von 12 Prozent. In den Vereinigten Staaten geht die Sparquote gegen Null, schlimmer noch: Die meisten Verbraucher dort haben sich verhalten wie Staatshaushalte, indem sie von den Banken viel zu hohe Kredite erhalten und dieses Geld sofort ausgegeben haben. Wenn man diesen Leuten jetzt neue Kredite verweigert, sie aber gleichzeitig zwingt, die alten Schulden vom Basiseinkommen zurückzuzahlen, muss man sich nicht wundern, wenn der Konsum einbricht und niemand mehr neue Autos kauft.

In Deutschland wird aber das Ersparte vornehmlich zur Altersvorsorge verwendet, weniger für den Konsum.
Das ist richtig. Ein gewisser Teil könnte aber durchaus frei werden für den Konsum. Denn man sieht ja an den hohen Erbschaften, dass die Menschen nicht jeden Euro für die Altersvorsorge benötigen.

Sie wirken, als ob die Finanzkrise gar kein so großes Problem für Deutschland ist.
Derzeit äußern sich täglich selbsternannte Experten zu Wirtschaftsthemen - ohne gescheite Antworten geben zu können. Denn was wirklich auf unsere Volkswirtschaft zukommen wird, weiß niemand. Wir haben in unseren Verbraucherbefragungen zwar eine gewisse Unsicherheit über die Zukunft gespürt, die sich in Kaufzurückhaltung ausgedrückt hat. Aber damals standen die Menschen noch unter dem Eindruck der hohen Preise für Heizöl und Kraftstoff. Vielleicht kommt jetzt noch eine gewisse Angst vor Arbeitslosigkeit dazu. Die ist nicht unbegründet, gerade mit Blick auf die Krise der Autobauer. Dort werden sicher Stellen wegfallen - aber doch nicht in dem Umfang, wie allgemein angenommen wird. Diese ganze Hysterie vor einer furchtbaren Wirtschaftskrise ist schädlich für unsere Ökonomie. Die neuen Arbeitsmarktdaten sowie die aktuellen GfK-Zahlen beweisen, dass die Lage längst nicht so dramatisch ist. Wenn aber auch der letzte Konsument kein neues Auto mehr kauft, weil er von den schlechten Nachrichten eingeschüchtert worden ist, dann brauchen wir bald auch keine Menschen mehr, die Autos bauen. Ich sage, die Leute wollen sich zu Weihnachten etwas gönnen.

Aber vom Weihnachtsgeschäft lässt sich nur schwer ein generelles Konsumverhalten der Verbraucher ableiten. Entscheidend ist der Alltag.
Das stimmt. Aber wir haben festgestellt, dass es auch unabhängig von Weihnachten keine dramatische Verschlechterung des Konsumklimas gibt.

Das sieht der Textilhandel anders.
Die Leute brauchen eben nicht ständig neue Textilien, es sei denn, es gibt einen großen modischen Umbruch. Die Kleiderschränke der Verbraucher sind voll, nur, was wirklich aus der Mode kommt, wird weggeschmissen. Daher hat es der Handel natürlich schwer. Die Menschen kaufen derzeit nur das, was sie brauchen. Das werden auch die Baumärkte spüren, weil die Haushalte Renovierungsarbeiten aufschieben oder den Kauf neuer Gartenmöbel hinten anstellen werden. Branchen mit langlebigen Produkten werden in Schwierigkeiten kommen.

Das klingt noch moderat. Die meisten Vorhersagen für die deutsche Wirtschaft klingen viel schlimmer.
Niemand weiß, mit welchen Verhältnissen wir uns 2009 auseinandersetzen müssen. Das merke ich auch, wenn ich mit Vertretern der Konsumgüterindustrie spreche. Wenn selbst DAX-Unternehmen lieber keine Prognose fürs nächste Jahr geben wollen, zeigt das den hohen Grad der Verunsicherung.

Worauf hat sich der Einzelhandel einzustellen?
Die Unternehmen müssen eine eindeutige Betriebsform haben. Entweder definieren sie sich über den Preis, wie die Discounter. Oder sie bieten eine spezifizierte Auswahl für eine Zielgruppe, die Zeit und Geld hat. Ich spreche dabei nicht von absolutem Luxus. Alles, was dazwischen liegt, wird es schwer haben. Unklare Geschäftsmodelle führen in die Sackgasse - wie aktuell bei Woolworths in Großbritannien.

In den vergangenen Wochen zirkulierten Nachrichten über wahre Jobwunder im Einzelhandel. Rewe und Edeka wollen jeweils 25.000 neue Stellen schaffen. Der HDE sprach gar von 60.000 neuen Jobs seit der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Glauben Sie diese Zahlen?
Das können nicht alles Vollzeitkräfte sein. Der deutsche Einzelhandel leidet bestimmt nicht unter einer zu hohen Umsatzrendite, als das er noch mehr Personalkosten vertragen könnte.

Sanktjohanser fordert eine Steuerentlastung der Bürger, um den Konsum anzukurbeln. Auch der GfK-Vorstandschef Wübbenhorst argumentiert in diese Richtung. Kommt die Bundesregierung an diesen Argumenten noch vorbei?
Zu politischen Themen äußeren wir uns normalerweise nicht. Klar ist aber: Wenn die Leute mehr Geld im Portemonnaie haben, können sie auch mehr ausgeben. Diese Weisheit dürfte mittlerweile auch bei Bundeskanzlerin Merkel angekommen sein. Die Frage ist nur, wie soll das bezahlt werden?

Wie in Großbritannien. Dort wird die Mehrwertsteuer befristet gesenkt. Um das zu finanzieren, steigt der Spitzensteuersatz von 40 auf 45 Prozent.
Dem Konsum würde so eine Maßnahme sicher kurzfristig helfen. Aber was ist auf lange Sicht mit den Arbeitsplätzen? Denn wer in Deutschland investiert, muss Steueranreize bekommen. Schließlich sagen wir ja immer, dass sich Leistung lohnen soll. Ich halte das britische Modell daher eher nicht für nachahmenswert.

Sondern?
Den Menschen hilft, wenn sie darauf vertrauen können, dass ihr Arbeitsplatz sicher ist. Dann geben sie auch mehr Geld aus.

Der Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts Thomas Straubhaar befürchtet wegen der sinkenden Lebensmittel- und Rohstoffpreise eine Deflation in Deutschland.
Diese These halte ich für völlig abwegig. Wenn auf breiter Front die Einkaufspreise sinken ist das volkswirtschaftlich vernünftig, weil sich die Verbraucher dann mehr leisten können. Jeder möchte zu einem möglichst günstigen Preis ein Produkt haben. Daher können sie alle Konsumenten auch schon auf die traditionellen Rabattschlachten nach Weihnachten freuen.

Also gilt das angeblich überholte Motto "Geiz ist geil" weiter?
Aber ja. Der Slogan hat sich vielleicht überholt, aber gedacht wird immer noch so.

Interview: Steffen Gerth


Zur Person: Thomas Harms ist Leiter der Branchengruppe Consumer Products bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.