In der Schadowstrasse 93, am ehemaligen Standort des Karstadt Warenhauses, befindet sich aktuell Deutschlands spannendste Permanent-Ausstellung digitaler Technologien für den Einzelhandel. Man kann die meisten Exponate sogar anfassen, nur funktionieren tun sie leider nicht (mehr).

Julia und Thomas können einem schon ein bisschen leidtun. Sie müssen herhalten als Protagonisten einer Videoserie, die sich mit der Digitalisierung des Einzelhandels beschäftigt. Genauer: Mit der Digitalisierung einer kleinen Ausstellungsfläche im ersten Stock von Karstadt Düsseldorf, die man aber gut finden kann, weil überall zwischen bunten Dreiecken der Schriftzug "#ichimmerüberall" von den Decken und Wänden baumelt und außerdem könnte man sich theoretisch den Weg auch von der Karstadt-App zeigen lassen.

Julia und Thomas sind Kunden auf Kundenreise. Sie braucht dringend einen Koffer, er braucht dringend Winterklamotten. Beide lieben es, im stationären Einzelhandel gemütlich zu bummeln, auch wenn sie natürlich schon mal bei Amazon einkaufen – sie sind ja nicht von gestern – und auch Preise vergleichen. „Es muss nicht unbedingt teuer sein“, sagt Julia und Thomas nickt dazu. Die Sprecherstimme – in Englisch: The Voice of God – verortet Julia bei den Individualistinnen und Thomas bei der smarten Mitte, also irgendwo links von der FDP.

Julia und Thomas sind zu bedauern, weil sie so komische Dinge tun müssen, um zu beweisen, dass sich digitale Technik im Einzelhandel wirklich ganz doll lohnt. Julia zum Beispiel merkt am Freitagabend, dass sie keinen Koffer hat für ihre Reise am Sonntag. Da sie aber auch nicht weiß, ob alle Klamotten in den Koffer passen, kann sie nicht einfach online bestellen, sondern muss ihn in echt anfassen. Warum sucht sie ihn dann trotzdem online? Ach so ja, damit sie ihn via Google auf Karstadt.de findet, und sie ihn online reservieren kann, um ihn tags darauf abzuholen.

Click and Pray

Wenn Julia wüsste. Sie ist ja nur ein digitaler Charakter und deswegen gegen Frustration gefeit. Tatsächlich hat Karstadt (Stand 24. März 2018) keine Anzeige der Filialverfügbarkeit im Onlineshop. Man kann bei ausgewählten Produkten die Verfügbarkeit prüfen, aber der umgekehrte Weg ist nicht vorgesehen, also sich zum Beispiel nur Produkte anschauen zu können, die es auf jeden Fall in Düsseldorf gibt. Warum auch: Das Ganze ist ja ein Onlineshop.
Hat man ein Produkt gefunden und reserviert, schickt das Onlinesystem eine Anfrage an den Laden. Julia hätte erfahren, dass sie spätestens in einer Stunde eine Antwort von der Filiale bekommt und dann losfahren kann oder eben nicht. Aber leider kam die Antwort nicht. Auch nach drei Stunden nicht. Wenn Julia dann aber auf Verdacht in den Laden gefahren wäre und den freundlichen Filialleiter um Hilfe gebeten hätte, wäre Minuten später die Reservierungsbestätigung auf ihrem Smartphone eingetrudelt. So zumindest ging es dem Autor, der sich auf den Weg machte, Julias und Thomas digitale Kundenreise nachzuvollziehen.

Windowshopping

Julia lässt sich im Film auch von „großen bewegten Bildern“ im Schaufenster verführen und „hätte dort direkt online ordern können“. Interaktives Windowshopping heißt das und es soll eigentlich auf einem großen Touchscreen stattfinden, der im Schaufenster neben dem Eingang steht.
Naja, Windowshopping heißt ja Schaufensterbummel und das funktioniert eben ohne Interaktion. Das hat Karstadt perfekt in Szene gesetzt. Der riesige Touchscreen entpuppt sich als großer Monitor in einem ansonsten abgehängten Schaufenster. Darauf läuft eine PowerPoint-Präsentation mit ein paar Angeboten und mit exakt vier zu besichtigenden Produkten, zwei für Männer und zwei für Frauen. Bedient werden die bunten Bilder mit einer metallenen Drückleiste, die außen auf das Schaufenster aufgeklebt ist. „Wir haben zu viel Metall in den Fenstergläsern, da funktioniert der Touchscreen nicht richtig“, sagt der freundliche Filialleiter. Schade. Obwohl: Zur Bezahlung hätte man sich auf dem Touchscreen mit seiner Karstadt-Kundennummer identifizieren sollen, um dann den Kaufabschluss direkt auf dem Riesenmonitor zu tätigen. Der tosende Applaus der umstehenden Menge wäre Julia sicher gewesen.

Experience Store – Die besondere Erfahrung

Die Ausstellungsfläche für die Revolution des Einzelhandels ist hübsch gestaltet. Zwar passen nicht so viele Produkte auf die Fläche, aber die Auswahl ist ja jetzt online. Thomas – die smarte Mitte – kann sich also jetzt einen Schuh, der ihm gefällt, nehmen, auf eine mit einem Sechseck bemalte Holzplatte legen und schwups zeigt der Bildschirm, was Thomas da so gewählt hat. Also zumindest in 50 Prozent der Fälle. Erwischt Thomas nämlich den falschen Schuh, den ohne RFID-Anhänger, dann macht der Bildschirm halt nix. Und wenn Thomas unter den drei Paar ausgestellten Schuhen keines gefällt? Pech gehabt, dann gibt’s halt keine Bildschirmunterstützung, denn es sind nur die Ausstellungsstücke mit RFID bestückt, schließlich sind die digitalen Etiketten echt teuer.
Das digitale Etikett verringert drastisch den Aufwand bei der Auszeichnung, aber sind auch dicke rote Streichpreise vorgesehen?
© Frank Puscher
Das digitale Etikett verringert drastisch den Aufwand bei der Auszeichnung, aber sind auch dicke rote Streichpreise vorgesehen?
Freuen wir uns mit Thomas, denn er findet Gefallen an den Schuhen. Er würde sie gerne anprobieren. Wenige Meter rechts von ihm befindet sich eine sechseckige Fläche, an der Decke hängt ein blauer Vorhang. Er stellt sich auf die Fläche, als würde er Scottie bitten wollen, ihn auf die Enterprise zu beamen, und zieht an einer Kordel. Es sollte sich der Vorhang senken, tut es aber nicht. Der freundliche Filialleiter zieht noch zwei Mal mit dem gleichen Nichtergebnis. „Wir haben wohl ein Problem mit dem Strom, denn auch die Kamera funktioniert nicht“. Kamera? Ach ja, auf der Frontseite des Sechsecks steht der soziale Spiegel.

Der ist dazu gedacht, das gewählte Outfit von vier Seiten zu fotografieren und sich von den Freunden auf Facebook oder Twitter das Go für den Kauf einzuholen. Instagram und das vermutlich relevantere Whatsapp fehlen, aber das sind ja auch mobile Anwendungen und es handelt sich um eine Installation im stationären Handel. Doch das spielt heute keine Rolle, denn die Kamera funktioniert ja nicht. „Der Techniker ist informiert“, kommentiert der Filialleiter.

Thomas hat aber noch ein Problem. Als Mitglied der smarten Mitte hat er graue Schläfen und bückt sich nicht mehr so geschmeidig. Er wünscht sich einen Stuhl zur Anprobe der Schuhe, aber der fehlt im Sechseck. Dafür entdeckt er eine andere Umkleidekabine mit schließbarer Tür – Modell Pressspan. Die hat einen Stuhl und einen anderen Spiegel, auf dem halbtransparent eine Art Onlineshop abgebildet ist. Hier kann er sich das Gewählte und ein paar passende andere Produkte anschauen und er kann einen Verkäufer hinzurufen, bei dem er diese Produkte bestellen oder um den Schuh in anderer Größe bitten kann. Er drückt auf den Knopf, aber nichts passiert. Thomas hat Verständnis. Es ist Samstagabend, 19 Uhr. Karstadt schließt in einer Stunde. Morgens um zehn, wenn richtig viel los ist im Laden, hätte der Verkäufer sicher Zeit für ihn gehabt.
Das mobile Bezahlterminal mit angeschlossenem Bon-Drucker spart den Gang zur Kasse
© Frank Puscher
Das mobile Bezahlterminal mit angeschlossenem Bon-Drucker spart den Gang zur Kasse
Auch Julia hat eine solche Kabine entdeckt, in der Dessous-Abteilung. Passend zum neuen Koffer hat sie eine verführerische Kombination aus Slip und BH gewählt, die sogar auf Anhieb passt. Der Spiegel eröffnet ihr die Möglichkeit, das Gewünschte an Ort und Stelle sofort zu bezahlen. Sie bestätigt und der Bildschirm meldet, dass ein zuvorkommender Verkäufer auf dem Weg sei, um sich um sie zu kümmern: „Ich Verkäufer kommt gleich“. In aller Eile streift sich die Individualistin wieder ihr Originaloutfit über, denn auf eine weitere Outfitberatung würde sie im Moment gerne verzichten. Doch der Verkäufer kommt schließlich gar nicht und im Hinausgehen denkt sich Julia: „Habe ich mich gerade vor einer Kamera nackig gemacht“? Sie hofft inständig, dass der Claim „#ichimmerüberall“ von Karstadts Social Media Strategen hier nicht zu wörtlich genommen wird.

Ladenschluss

Thomas und Julia verlassen Karstadt. Sie haben noch digitale Preisschilder in der Jackenabteilung gesehen, die in fröhlicher Eintracht mit klassischen Papierpreisschildern auf Rabatte hinweisen. Sie haben eine Kaffeemaschine gesehen, die beim Vorbeilaufen die App dazu bringt, eine Browserseite mit der Kaffeemaschine anzuzeigen. Und sie haben festgestellt, dass die Indoor-Navigation in der App weder in Thomas Android Handy noch auf Julias iPhone funktionierte. Beim freundlichen Filialleiter hatte es noch geklappt. Vermutlich besitzen sie eben nicht die neuesten Modelle.

Beim Rausspazieren fragt Thomas seine Individualistin, was ihr am besten gefallen hätte. Sie zögert kurz und sagt: „Hast Du gesehen, dass man seine Amazon-Käufe in Schließfächern hinter der Kasse abholen kann?“. Thomas nickt: „Ich fand den Kasten cool, an dem man sein Handy aufladen kann. Aber insgesamt war das doch etwas enttäuschend“.

Julia erklärt dem Herrn von der smarten Mitte, dass es sich doch nur um einen Test handelt, dass Karstadt gerne lernen will und dass der Filialleiter supernett war. Thomas entgegnet, dass man doch nur etwas lernen kann, wenn die Dinge so platziert sind, dass sie bei einem Alltagseinkauf eine Rolle spielen.
So endet also der Spätnachmittag im neuen Technikmuseum zu Düsseldorf. Eine spannende Erfahrung über die Grenzen der Digitalisierung. Vielleicht sollte man den Claim noch einmal prüfen. Statt „#ichimmerüberall“ wäre vielleicht „#nichtsistunmöglich“ besser, oder: „#icheinfachunverbesserlich“.
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