Walmart treibt das E-Commerce-Geschäft immer massiver voran und verabschiedet sich dabei auch von liebgewonnenen Strategien. Die Wahl der Waffen für mehr Wachstum im digitalen Handel könnte als Blaupause für andere Unternehmen dienen. Mit welchen Werkzeugen versucht Walmart, Amazon auf Abstand zu halten?

 

Es war nur die Spitze des Eisberges als Walmart vor wenigen  Wochen tief in die Taschen griff und den Discount-Onliner Jet.com für rund 3 Milliarden Dollar aufgekaufte. Was sich Walmart damit aber vor allem holte, war weniger eine Plattform als Gehirnschmalz – vom Jet-Team und von Gründer Marc Lore, der nun über das E-Commerce-Reich des Online-Riesen herrscht. Interessant dürfte es gleichwohl werden, wie und ob es Walmart gelingt, flexible Pricing-Modelle und Prozesse zur Warenkorboptimierung von Jet.com auf die eigenen Strukturen zu übertragen.

Walmart und Jet.com

Vielleicht der elementarste Kursschwenk für einen Händler mit stationärer DNA: Walmarts CEO Doug McMillon will Wachstum nicht mehr durch das klassische Rezept weiterer Filialeröffnungen erreichen, sondern mit E-Commerce: “This company, over time, is going to look like more of an e-commerce company. Customers want a seamless relationship. That's in our favor. But we've got to build this e-commerce business in this country and in others to be there in the future.” (Die Präsentation des Walmart-CEO als pdf)

Walmart Investment Community Meeting

Das Bekenntnis des CEO zum digitalen Handel ist dabei auch entscheidend für den kulturellen Wandel im Haus.

11 Milliarden Dollar für die digitale Infrastruktur

Guter Wille allein reicht aber nicht. Wer einen Space Shuttle in die Umlaufbahn bringen will, der braucht einen vollen Tank. 2017 plant der US-Riese 11 Milliarden Dollar für die digitale Infrastruktur ein.

Wer derart gigantische Summen investieren will, der denkt auch an Kostenersparnis. Dabei kann auch die Vernetzung helfen. Vor allem mit Blick auf die letzte Meile: “Leveraging the store capabilities with in-store pickup, I think, is a huge advantage because it avoids last-mile delivery costs, which is about 70-80% of total delivery cost. So if you're able to fulfill stuff in an e-commerce warehouse and you have enough volume to line-haul stuff directly to the store, your cost to ship is $1 a package. It's an incredibly powerful asset”, rechnet Marc Lore laut Internet Retailer vor.

Mehr Logistikzentren

Gleichzeitig denkt Walmart groß. So soll die Zahl der Logistikzentren bis zum Jahresende verdoppelt werden, was dem Unternehmen helfen wird, seine Liefergeschwindigkeit weiter zu verbessern. Die Lagerhallen werden zudem digital hochgerüstet.

Die schlagkräftigere Waffe gegen Amazon sind aber gerade die rund 4600 Filialen, die eine nahezu uneinholbare Nähe zum Kunden und Schnelligkeit bei der Lieferung und beim Pick-up bieten.  Die Click-Collect-Lösungen bis hin zur Warenübergabe an der Bordsteinkante bietet Walmart aber gegenwärtig gerade einmal an etwa jedem zehnten Standort.  

Paketstation in einem Walmart-Store
© Walmart
Paketstation in einem Walmart-Store

Besser gut kopiert als schlecht neu erfunden: Walmart tüftelt laut Medienberichten an einem Fulfillment-Programm nach dem Vorbild von Amazon-FBA (Fulfillment by Amazon) und will so seinen Marktplatz-Anbietern unter die Arme greifen und sich ein lukratives Geschäft sichern. Walmart bietet auf dem Marktplatz inzwischen rund 20 Millionen Artikel an.

Wer gegen Amazon bestehen will, muss auch eine Antwort auf das Prime-Programm finden. Bei Walmart ist das unter anderem der Shipping Pass. Der garantiert Kunden für 49 Dollar Jahresgebühr eine kostenlose Lieferung binnen zwei Tagen.


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Wal-Mart kauft sich übrigens nicht nur Knowhow bei Jet ein. Eine der großen Brutstätten in Sachen E-Commerce - und Körbchen für digitale Akquisitionen -  ist bei der Handelskette das Wal-Mart-Lab.  Bessere Suchmaschinentechnologien, Social Shopping, Mobile - das sind nur einige der Kernfelder über denen dort intensiv gebrütet  wird. Um Silo-Denke zu vermeiden, wurden die Labs zudem jüngst mit der klassischen IT zu einem übergreifenden Geschäftsbereich zusammengeführt. Die neue Struktur soll die Entwicklung von Omnichannel-Lösungen fördern.


Alle Anstrengungen lassen aber einige Kernproblem nicht verschwinden.  Walmart muss immer noch eine Fülle von Multichannel-Prozessen aufeinander abstimmen, trotz weniger neuen Flächen immer noch Beton modernisieren und kann bei Preis und Profitabilität nur schwer mit Amazon mithalten. Denn der Online-Riese besorgt sich sein Geld in immer größerem Umfang bei den FBA-Händlern und Prime-Kunden.  Hinzu kommt: Die gegenwärtigen Anstrengungen zeigen nur auf, wo Walmart zu Amazon aufschließen will, nicht aber, wo es besser und mehr bieten will. Womöglich konzentriert sich Walmart bei der Wahl der Waffen zu sehr auf den Gegner und zu wenig darauf, die eigenen Stärken auszubauen.