Der E-Commerce hat ein Problem. Es ist sein Wachstum. Selbst wenn man nicht jeder 80-Prozent-Marktanteil-Vision und jedem Hockeystick glauben schenken darf, wird nicht erst eine Verdopplung der heutigen Marktanteile in allzu ferner Zukunft, alle Akteure vor die wohl gewaltigste Frage stellen: Wie bringen all die zusätzlichen Lieferfahrzeuge die Pakete in die dann ohnehin noch verstopfteren Ballungszentren? Und zwar so zeitig wie eh und je?  Welche Antwort man auf diese Frage gibt, hängt auch ein wenig von der Science-Fiction-Leidenschaft der Player ab.

Was also tun, wenn sich bis 2018, so eine DHL-Prognose im Geschäftsbericht, die Paketzahl  pro Kopf von 12 (2012) auf 24 Päckchen pro Kopf verdoppeln wird?

Die Schweizer Post und Swiss Worldcargo wollen ab Sommer 2015 Drohnen des US-Hersteller Matternet testen (Foto: Matternet)
Die Schweizer Post und Swiss Worldcargo wollen ab Sommer 2015 Drohnen des US-Hersteller Matternet testen (Foto: Matternet)


Natürlich kann man Amazons Paketdrohne und die Modelle von DHL und Co als PR-Gag sehen, der eher für die ostfriesische Hallig, die Wüstenoase, Schweizer Berge oder den brasilianischen Busch taugt. Man kann darin aber auch die Option sehen, binnen einer Dekade über den Frankfurter Stau hinweg zu segeln oder so wie Alibaba jetzt schon mit dem Teebeutel über den Stau in Peking zu düsen.

Das deutsche Bedenkenträgertum,  das amerikanische allerdings kaum weniger, legt da die Stirn in Falten.

Ist "Anticipatory Shipping“ die Lösung für die Verkehrsprobleme der Zukunft?

Wer also vor der Vorstellung zurückschreckt, dass die Drohne beim Paketabwurf die dösende Katze erschlägt, der sollte zumindest dem Gehirnschmalz der Daten-Ingenieure vertrauen, die am "Anticipatory Shipping“ tüfteln, wie es sich beispielsweise eine Patentschrift von Amazon vorstellt.
Basis für das „Predictive Logistics“ ist „Predictive Analytics“, also die Kraft der Zukunftsvorhersage auf Datenbasis.  Prognosegestärkt  fahren LKW dann als fahrende Lager in der Gegend herum, um die Produkte dann an den Kunden zu liefern, kaum das die Ware bestellt wurde. Kernsortimente lassen sich so lokal steuern und schnell ausliefern.

Anticipatory Shipping (Grafik: Amazon)
Anticipatory Shipping (Grafik: Amazon)

Das Konzept hat dabei nicht nur seinen Charme als Serviceversprechen, als  Standortvorteil, als womöglich kostensparender Faktor, sondern könnte auch dem Stau auf überfüllten Autobahnen und Innenstadtringen ein Schnippchen schlagen, weil die Ware ohnehin schon im Speckgürtel unterwegs ist. Bei Amazon zumindest die Ware für die Prime-Kunden.

Die LKW darf man sich dann übrigens nicht nur als Zubringer denken, sondern ebenso als Retourenplattform. Denn im Stau-Alltag verdoppelter E-Commerce-Umsätze werden sich auch Zeit und Kosten der Retoure im Stau vervielfachen.

Fernziel dabei: Eine intelligente Software, die hilft, die Transporte wie einen Ameisenschwarm zu steuern. Die kommen sich bekanntlich auch in Massen nicht in die Quere. 

Das unangenehme an der Science Fiction ist aber, dass sie sich mit der (fernen) Zukunft beschäftigt. Voller aber wird es schon jetzt. Und es ist voller Baustellen.

Schon jetzt gehen die Dauer-Baustellen mächtig ins Geld

Allein die Umfahrung der für Lkw gesperrten Leverkusener Rheinbrücke kostet einen Händler wie Rewe einen mittleren sechsstelligen Betrag pro Jahr, hat die Lebensmittel Zeitung erfahren. Kein Einzelfall.

Da ist natürlich die Politik gefordert. Was das heißt, wissen wir. Besser man nimmt das Problem selbst in die Hand. Geht meistens schneller.

Hermes sucht deshalb nach einer pragmatischen Antwort, in dem es räumlich näher an potenzielle Auftraggeber heranrückt und jetzt mit einem 100.000 Quadratmeter großen Warenverteilzentrum in Löhne (NRW) sein Netz verdichtet. Zudem wird das logistische Netzwerk  bis 2019 für rund 300 Millionen Euro ausgebaut.

Das Netz muss feiner werden

Von Amazon darf man dagegen im Rahmen seiner Logistikoffensive eher mehr Mini-Zentren erwarten, hat es doch seine Versandlogistik beispielsweise in Europa ohnehin um Beteiligungen und Kooperationen ausgedehnt (Yodel, Colis Privé), die die Sendungsstruktur insbesondere mit Blick auf die innerstädtischen Gebiete verfeinern helfen.

Zurück also zum Detail und Detailhandel? Ja, wenn lokale Marktplatz-Anbieter das Shipping aus und mit dem Gardinenlädchen managen lassen und Zalando den Markenladen zum Warenhub für seinen Onlinekunden macht von der Multichannel-Vision samt Fahrradkurier bis hin zur Click & Collect-Option.

Entlastung verspricht womöglich das Uber-Prinzip (früher Aal-Prinzip – „andere arbeiten lassen“), dass auf „crowdgesourcte“ Privattransporteure setzt, die sich per App bereit erklären, Waren für Privatpersonen mit auf den Weg zu bringen. Für Logistiker könnte das Mitnehm-Prinzip beispielsweise für Nachfragespitzen interessant sein.  Trotz vieler (teils bereits abgewirtschafteter oder umdefinierter)  fixer, charmanter Startup-Ideen wird ein Mitbring-Vermittlungsdienst wohl auch eher bei den großen Anbietern eine Zukunft haben.

Pragmatismus, das heißt aber auch Flexibilität. Beispielsweise wenn DHL und Audi das Auto in einem Piloten mal eben zur Paketstation machen.

Auch das ist übrigens Pragmatismus. Wenn der Branchenverband BVL in einem aktuellen Positionspapier (pdf) Innovationen bei der Entwicklung branchenspezifischer IT-Werkzeuge und Algorithmen anmahnt - für das Lager und die Straße. Das sollte die Logistik übrigens stärker selbst in die Hand nehmen. Informationslogistik, so der BVL,  müsse als eigenständiges Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsumfeld begriffen werden, mit dem Ziel, Software zu produzieren wie Autos.

Aber Pragmatismus, das ist auch Mühe in der Ebene. Wie viel smarter und zugleich so leicht verständlich ist das Konzept des selbstfahrenden kleinen Pakets, das fernab der Haustür vom LKW abgeladen wird und dann am Stau den Weg ganz autonom findet.

Nur wartet da schon das nächste Problem: Deutschland braucht breitere Fahrradwege.