Als Reaktion auf das 2010-Kartendebakel fordert der Handelsverband Deutschland (HDE) von den Banken Ausfallgarantien für das EC-Cash-System. Der Chip-Fehler wird zum Politikum.

Für jede Kartenzahlung mit PIN-Eingabe zahlen Handelsunternehmen seit Einführung des EC-Cash-Systems im Jahr 1991 eine umsatzabhängige Gebühr in Höhe von 0,3 Prozent. Jährlich summieren sich diese Autorisierungsgebühren nach Berechnungen des EHI Retail Institutes auf rund 230 Millionen Euro.

Aufgrund der 2010-Panne bei Kartenzahlungen durch fehlerhafte Chips wächst nun der Unmut im Handel über die mangelnde Zuverlässigkeit des teuren EC-Cash-Systems. Zumal der aktuelle Vorfall kein Einzelfall ist, wie der Handelsverband Deutschland (HDE) in einer Pressemitteilung vom heutigen Mittwoch betont.

Regelmäßige Ausfälle im EC-Cash-System

"Ausfälle des EC-Kartensystems gibt es regelmäßig", kritisiert Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE. "Die Kreditwirtschaft muss dafür sorgen, dass die von ihr angebotenen Systeme zuverlässig funktionieren. Schließlich zahlt der Einzelhandel hierfür jedes Jahr Gebühren in dreistelliger Millionenhöhe", so der Verbandschef.

Die Banken müssten für Ausfälle des Systems mit Ausfallgarantien und Schadensersatz gerade stehen. "Wir fordern eine entsprechende Regelung, der sich die Banken bisher allerdings widersetzen", erklärt Genth. Laut EHI Retail Institue summierten sich die Ausfallzeiten bei den Autorisierungszentralen der Banken, die bei jeder Transaktion grünes Licht für die Zahlungsgarantie geben, im Jahr 2008 auf insgesamt 71 Stunden.

Aktuellere Daten für die gesamte Branche liegen noch nicht vor, doch auch im vergangenen Jahr gab es regelmäßig gravierende Störungen, wie Kartenexperten aus dem Handel berichten. Ausgerechnet am 29. Dezember 2009 etwa, "einem der Hauptkampftage des vergangenen Jahres", waren die Zentralen des genossenschaftlichen Finanzverbundes beispielsweise fünf Stunden nicht erreichbar, schildert ein Handelsmanager. Zahlungen mit EC-Karten von Volks- und Raiffeisenbanken waren in diesem Zeitraum nicht möglich.

Der Y2K10-Bug zeigt nach Auffassung des HDE zudem, wie unverzichtbar das elektronische Lastschriftverfahren (ELV) für Handel und Verbraucher ist. Viele Einzelhändler und Konsumenten würden auf das Bezahlen mit Karte und Unterschrift vertrauen. Das ELV-Verfahren habe darüber hinaus dazu beigetragen, dass sich die Probleme mit den fehlerhaften Bankkarten "einigermaßen in Grenzen gehalten" hätten. Trotz der von den Banken favorisierten neuen SEPA-Lastschrift halte der Handel daher an dem alten Lastschriftverfahren fest, das sich bewährt habe.

Akzeptanz der EC-Karten wird wieder hergestellt

Inzwischen können eine ganze Reihe der betroffenen Zahlungsterminals im deutschen Handel auch die fehlerhaften Karten verarbeiten. Der Kartenzahlungsdienstleister Telecash, mit rund 215.000 Terminals einer der größten von den mehr als 20 EC-Cash-Netzbetreiber in Deutschland, meldete noch am Dienstagabend, das Problem bei der EC-Kartenakzeptanz bis heute 7:00 Uhr im Griff zu haben. Fehlerhafte Kreditkarten könnten allerdings nach wie vor nicht verarbeitet werden.

Voraussichtlich bis Montag der kommenden Woche sollen sämtliche Terminals im deutschen Handel umgestellt sein, heißt es aus der Branche. Der defekte EMV-Chip wird von den Lesegeräten nach der erfoderlichen Neukonfiguration einfach ignoriert, die Zahlungen über den Magnetstreifen abgewickelt. Für die Banken stellt sich aber nach wie vor das Problem, wie die Akzeptanz der fehlerhaften Karten an Geldautomaten und anderen Akzeptanzstellen im Ausland sichergestellt werden soll - vermutlich wird ein Austausch der rund 30 Millionen Problem-Karten notwendig.

Rewe stellt sich gegen Umrüstung auf TA 7.0

Die Rewe Gruppe nimmt das Debakel zum Anlass, Druck auf den Zentralen Kreditausschuss (ZKA) auszuüben, der als Dachorganisation des deutschen Kreditgewerbes über die Regularien des EC-Cash-Verfahrens wacht. Technische Vorgaben für die Zulassung der Händlerterminals wie die Software TA 7.0, die im Zusammenspiel mit den Seccos5-Chips des Herstellers Gemalto für die aktuellen Akzeptanzprobleme sorgte, stammen vom ZKA. Mit Hilfe der TA 7.0 wollen die deutschen Banken ihr nationales EC-Cash-Verfahren in die Zeit der Single Euro Payments Area (SEPA) hinüber retten, in der nach dem Wunsch der EU-Kommission jede Karte europaweit an jedem Terminal einsetzbar sein soll.

Die Umrüstung der Kartenterminals auf die neue ZKA-Spezifikation verursacht für den Handel allerdings in erster Linie erheblichen Aufwand und Kosten. Der Kölner Handelskonzern erklärte daher nunmehr, zunächst keine Terminals auf die neue Software umzustellen. "Die Märkte der Rewe Group sind vom aktuellen Problem mit EC- und Kreditkarten nicht betroffen, weil sie die fehlerfrei funktionierende EC-Terminalsoftware TA 5.3.1 einsetzen, die zu älteren und neueren Chipversionen von EC- und Kreditkarten kompatibel ist", heißt es in einer Pressemitteilung der Rewe vom heutigen Tage. "Die Rewe Group wird die neue Softwareversion 7.0 erst dann einsetzen, wenn diese einwandfrei funktioniert", so der Handelskonzern.

Für die deutschen Banken eröffnet der 2010-Bug damit einen neues Problemfeld: Kreditwirtschaft und EC-Cash-Netzbetreiber hatten sich im Juni 2009 auf einen neuen Zeitplan für die Umrüstung aller rund 900.000 Kartenterminals im deutschen Handel auf die TA 7.0-Spezifikation geeinigt. Bis zum 30. Juni 2010 sollte diese flächendeckend abgeschlossen sein. Der ohnehin ambitionierte Termin wird nun kaum zu halten sein, was sich wiederum auf die Akzeptanz von EC-Karten auswirkt, die mit dem neuen Betriebssystem Seccos6 ausgestattet sind