Ludwigsburg litt jahrelang unter einem verödeten "Marstall". Das Center wurde nun komplett neu gestaltet. Dabei soll vieles daran erinnern, wofür der Begriff "Marstall" steht.

Einkaufen ist zwar erst seit diesem Mittwochmorgen möglich, doch schon beim Festakt am Dienstag war zu spüren, wie stolz die Stadt Ludwigsburg auf ihren neuen "Marstall" ist. Das Center in der Innenstadt (eröffnet 1974)  ist eines der ältesten in Deutschland, aber es war jahrelang auch eines der ödesten. Als im März 2010 Karstadt hier auszog, begann ein rasanter Abwärtstrend. Zuletzt regierte großer Leerstand.

Am Dienstag wurde der "Marstall" nicht nur mit einer komplett überarbeiteten Innenarchitektur symbolisch der Öffentlichkeit übergeben, sondern auch mit einer neuen Ausrichtung mit jungen Menschen als Kundenzielgruppe. Auf 25.700 Quadratmeter Verkaufsfläche hat das Düsseldorfer Designbüro Schwitzke & Partner ein durchgängiges Gestaltungsthema inszeniert: Pferd, weil ja der Begriff Marstall für Pferdestall steht. Im Center dominieren nun gelbe und grüne Farbtöne, Holzoptiken, aus Steigbügel wurden Kronleuchter gefertigt - und die Wände zieren Sinnsprüche wie: "An einem edlen Pferd schätzt man nicht seine Kraft, sondern seinen Charakter."

Ab jetzt darf sich wohlgefühlt werden

Charakter hat das Marstall nun zweifellos. Im Eingangsbereich wurde eine Decke entfernt - entstanden ist hier eine hohe Halle mit Verweilplätzen. Und es dringt dadurch mehr Licht ins Haus. "Der Marstall sollte Wohlfühlcharakter bekommen und kein kaltes Center sein", formuliert der Innenarchitekt und Designer Karl Schwitzke seinen Gestaltunganspruch.

Freilich war der Weg dahin ein steiniger. Dass er erfolgreich bewältigt wurde, ist auch ein Verdienst von Ludwigsburg, was beweist, wie wichtig städtisches Engagement bei der Einzelhandelsentwicklung heute ist. Die Entwicklung des "Marstalls" wurde jahrelang durch die komplizierte Eigentümerstruktur blockiert. Mit drei internationalen Immobilienfonds mit Sitz in Großbritannien, Niederlande und Luxemburg, lokalen Eigentümern aus Einzelhändlern, Banken sowie drei irischen Eigentümern der Tiefgarage war keine Einigung zu erzielen.

Mutige Stadtverwaltung

Die Stadt kaufte kurzerhand die Handelsflächen, gründete eine eigene GmbH, um darüber einen Projektentwickler zu finden. Man wurde mit der Hamburger ECE einig und erzielte nebenbei noch einen Verkaufsgewinn von 2,6 Millionen Euro, der in die Renovierung des "Marstall"-Umfeldes investiert wurde. "Diesen Weg ist so wohl noch keine Kommune in Deutschland gegangen", sagt Oberbürgermeister Werner Spec.

Das Center ist nun innen schöner, hat außen eine attraktivere Umgebung und fungiert dadurch als integraler Bestandteil der Innenstadt. Spec nutzte dies zum Seitenhieb auf die Nachbarn in Stuttgart, wo er das Center "Milaneo" nicht gut an die Umgebung angebunden sieht. "Das ist ein städtebaulicher Fauxpas", wetterte das Ludwigsburger Stadtoberhaupt. Nebenbei: Durch die Ausrichtung auf jüngeres Publikum mit Shops mit Trendmode von Quiksilver oder Snipes-Schuhen dürfte das "Marstall" auch keine Konkurrenz, sondern eher eine Ergänzung zum Center "Breuninger Land" sein, das nur wenige hundert Meter entfernt liegt.

Schwitzke macht die Center schön

Auch die ECE geht mit dem "Marstall" neue Wege. 100 Millionen Euro hat der Center-Krösus hier investiert. Und ein derart pfiffig gestaltetes Einkaufszentrum gibt es bisher kaum im Angebot der Hamburger Centerbetreiber, deren Häuser eher durch kühle Funktionalität auffallen. Pikant ist dabei, dass Schwitzke auch Objekte der Konkurrenz von Unibail Rodamco Deutschland verschönert. So heißt der Projektentwickler mfi mittlerweile, der im vorigen Jahr mit den "Pasing Arcaden" sein "4-Sterne-Konzept" für Center vorstellte. Dieses Haus trägt ebenso die gestalterische Handschrift von Schwitzke wie das "Palais Vest" in Recklinghausen. Von den "Pasing Arcaden" sind seit dem Umbau enorme Umsatzsteigerungen bekannt.

Marstall-Center im Jahr 2011: ödes Haus im Abwärtstrend.
Marstall-Center im Jahr 2011: ödes Haus im Abwärtstrend.
70 Geschäfte hat die ECE im neuen "Marstall" ansiedeln können, es sind die Standardmieter wie Saturn, Tom Tailor, Mister Lady, Nanu-Nana oder Douglas. Freilich ist auch Platz für neue Konzepte wie dem polnischen Modehändler Reserved oder der Manufaktur Heimatliebe. Neu ist ebenso ein Tegut-Supermarkt im Kellergeschoss. Der großzügig gestaltete Food-Court beweist den zeitgemäßen Anspruch an ein Center: Gastronomie zur Steigerung der Aufenthaltsqualität wird immer wichtiger.

Mittagessen für die Nachbarn

Die ECE mitsamt ihrer neuen Center-Managerin Anne Marschner haben sich einen klugen Schachzug einfallen lassen, um den neuen "Marstall" gleich ins Bewusstsein der Ludwigsburger zu bringen. Am Dienstag wurden sämtliche Nachbarn zum Essen in den Food-Court eingeladen. Dazu gehören auch die Menschen, die in dem Wohnblock leben, der auf das "Marstall" aufgepropft ist.

Eine warme Mahlzeit als kleine Wiedergutmachung für die entstandenen Unannehmlichkeiten durch die Bauarbeiten. Der wohl wichtigere Nebeneffekt: Die Menschen sollen bald wiederkommen. Möglichst bald: Denn in Ludwigsburg ist das bevorstehende erste Oktoberwochenende verkaufsoffen.

Steffen Gerth, Ludwigsburg