Wenn der Anzugsträger plötzlich im Büro steht: So begann für den Online-Store Shoepassion.com die Expansion in die reale Welt. Das umgekehrte Geschäftsmodell funktioniert.

Es begann in einem Berliner Hinterhofbüro. Plötzlich stand ein Mann in Anzug in den Räumen des Start-ups Shoepassion.com. Er war auf der Suche nach dem Laden hinter der Webseite, auf der rahmengenähte, handgefertigte Volllederschuhe angeboten werden. Stattdessen fand er sechs Mitarbeiter in Kapuzenpullis und zerschlissenen Jeans vor. "Wir beäugten uns gegenseitig ungläubig", erinnert sich Tobias Börner, der bei shoepassion.com für die Kollektion und die PR verantwortlich ist.

Dem ersten Kunden folgten mehr. "Sie haben uns über das Impressum gefunden. Und uns wurde klar: Wir sollten vom reinen Online-Angebot in die Offline-Welt gehen", sagte Börner. Es ist die umgekehrte Version der üblichen Expansionsgeschichte.

Berlin, München, Frankfurt, Warschau

Im Jahr 2010 starteten die Gründer Tim Keding und Henry Bökemeier mit eigenem Kapital und der Unterstützung von Familie, Freunden und geförderten Bankkrediten die eigene Schuhmarke. Sie besetzen mit ihren in Spanien handgefertigten Schuhen die Nische zwischen Billig- und Luxusschuh. Der erste "Offline"-Laden, wie die Macher gerne zu ihren stationären Geschäften sagen, war ein Showroom in den Büroräumen.

Es folgte im Dezember 2012 der erste stationäre Laden in der Berliner Ackerstraße, ab Ende 2014 kamen Ableger in München, Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg dazu. Nachdem sie in Polen bereits einen Onlineshop angeboten hatten, eröffneten die Berliner im Oktober in Warschau ihren ersten stationären Store im Ausland. Weitere Ladengeschäfte außerhalb Deutschlands sollen laut Börner jedoch erst einmal nicht folgen, die Warschauer Niederlassung ergab sich aus der physischen Nähe zum Nachbarland und seiner aussichtsreichen wirtschaftlichen Entwicklung.

Seit 2011 profitabel

Die umgekehrte Strategie scheint zu funktionieren, das zeigen die nun zum ersten Mal in der fünfjährigen Firmengeschichte veröffentlichten Unternehmenszahlen, die Der Handel vorab vorliegen: Das Umsatzniveau des einstigen Online-Pure-Players liegt in diesem Jahr bei zehn Millionen Euro, jeder Store sei im ersten vollen Monat profitabel gewesen, sagte Keding. Das gesamte Unternehmen sei seit 2011 profitabel.

Langfristig will das Unternehmen in unterschiedliche Richtungen expandieren: "Der B2B-Markt ist eine Alternative", sagte Keding. Es gebe auch Überlegungen, die Vertikalisierung voranzutreiben und die gesamte Wertschöpfungskette zu vereinnahmen, die Gründer spielen auch mit dem Gedanken, in den asiatischen Raum zu expandieren.

Der Schuhanbieter hat sich in diesem Jahr zur GmbH umstrukturiert und beteiligt nun Management und Beirat am Unternehmen. Shoepassion.com beschäftigt mittlerweile 70 Mitarbeiter.