Er war ganz oben und fiel tief: Das Drogerieimperium von Anton Schlecker existiert nicht mehr. Trotzdem soll er täglich weiter zur Arbeit gehen. Genaues weiß man nicht. Wie man ohnhin nicht viel weiß über diesen merkwürdigen Mann.

Wenn Anton Schlecker den Fernseher eingeschaltet hat, dürfte ihm zuletzt so gar nicht zum Feiern zumute gewesen sein. Egal ob im Privat-TV oder bei den Öffentlich-Rechtlichen: Mehrere Beiträge beschäftigten sich in den vergangenen Wochen mit der Pleite seiner gleichnamigen Drogeriemarktkette.

Er selbst feiert dieser Tage den ersten runden Geburtstag seit dem Untergang seines Lebenswerks. An diesem 28. Oktober wird der Metzgersohn Anton Schlecker 70 Jahre alt. Den Schatten seines einstigen Unternehmens, das er 1975 gegründet hatte, abschütteln kann er allerdings nicht.

"Es ist für ihn sicher kein Vergnügen, permanent mit der Insolvenz konfrontiert zu werden", sagt einer, der ihn kennt. Zuletzt hatte etwa das ZDF das von Schlecker inspirierte Drama "Alles muss raus - Eine Familie rechnet ab" gezeigt.

CML - eine schrecklich nette Familie

Der ehemalige Firmenpatriarch geht noch heute, so erzählen es Beobachter, regelmäßig in der früheren Zentrale in Ehingen bei Ulm ein und aus. Ob aus Nostalgie oder aus Geschäftssinn, sei dahingestellt: Die Schlecker-Familie residiert noch immer im einstigen Chefbüro, um von dort aus Geschäfte zu betreiben. Offiziell sitzt dort die CML Schlecker Immobilienverwaltung GmbH - seine Frau heißt Christa, die Kinder heißen Meike und Lars.

Würde Schlecker selbst etwas erwirtschaften, ginge es direkt an den Insolvenzverwalter. Als eingetragener Kaufmann haftete er persönlich für sein Unternehmen. Die Schlecker-Pleite machte ihn "privatinsolvent". Dreißig Mitarbeiter von Schlecker sind noch mit der Abwicklung betraut, zehn sind es bei der Insolvenzverwaltung.

"Damals brach eine Welt für ihn zusammen", sagt ein Insider. Er war der festen Überzeugung: 'Ich kriege das schon noch hin.'" Er bekam es nicht hin, 25.000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Ist einem da nach Prickelbrause und Geburtstagsparty? Nach Öffentlichkeit zumindest nicht. Oder genauer: noch immer nicht.

Niemand durfte ihm reinreden

Schon zu den guten Zeiten scheute Schlecker öffentliche Auftritte. Sogar die einstige Gesamtbetriebsratschefin Christel Hoffmann bekam ihn in all den Jahren nie zu Gesicht. "Wir haben ihn mehrmals zu Betriebsratsversammlungen eingeladen", erinnert sie sich. "Er ist nie gekommen."

Bei der Gewerkschaft Verdi wundert man sich darüber nicht. "Es ging offenbar gegen seine Ehre, andere Leute mitreden zu lassen", sagt Verdi-Handelsexperte Bernhard Franke, der Schlecker selbstredend auch nie persönlich getroffen hat, aber einräumt: "Er hat gelebt für sein Unternehmen, da bin ich mir sicher." Einen Blick auf den Chef erhaschen konnten einzig die Mitarbeiter, in deren Filialen Schlecker bei seinen samstäglichen Kontrollbesuchen Station machte.

Dann wird von skurilen Auftritten berichtet von einem Mann mit einer großen Sonnenbrille und merkwürdigen Hemden. Oft begleitet von seiner Frau Christa. Die Mitarbeiter sollen dann dem Paar eine heile Welt vorgespielt haben, mit vollen Regalen und vielen Kunden.

Dass Anton Schlecker sogar zu Glanzzeiten seines Unternehmens eher einem Phantom glich, hat einen traurigen Hintergrund. 1987 wurden die Schleckers überfallen und beide Kinder entführt. "Vielleicht war es ihm deswegen besonders wichtig, seine Person und seine Familie zu schützen", sagt Franke.

Geschäftssinn in jeder Lage

Selbst in dieser dunklen Stunde zeigte Schlecker allerdings schwäbischen Geschäftssinn - und handelte die Lösegeld-Forderung herunter. Beobachter erzählen aber von einem engen Zusammenhalt in der Familie, auch während der Insolvenz.

Auch künftig dürfte Schlecker diese Unterstützung brauchen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt noch immer gegen ihn. Es geht dabei um den Verdacht der Untreue, der Insolvenzverschleppung und des Bankrotts. Ob und wann die Behörde Anklage erhebt, ist einer Sprecherin zufolge noch nicht absehbar. Gestraft sei er aber schon jetzt, wie ein Insider sagt: "Sein Schicksal war eng an das des Unternehmens gekoppelt."