Mit brutalen Einschnitten und einer radikalen Unternehmensneuausrichtung soll Schlecker gerettet werden. Kleiner, schöner und billiger soll die Drogeriekette daherkommen. Für einen Mann ist dabei kein Platz mehr.

Die Rede dauerte exakt 32 Minuten. Mehr Zeit brauchte Arndt Geiwitz nicht, um das Lebenswerk eines Mannes in Grund und Boden zu reden. Selten zuvor in der deutschen Wirtschaftsgeschichte hat ein Insolvenzverwalter unverblümt ein derart vernichtendes Urteil über das Unternehmen, das ihm unterstellt ist, abgegeben. Und jedes Wort war wie ein Pfeil in die Richtung des Mannes, der dieses Unternehmen in eine desaströse Lage gebracht hat: Anton Schlecker.

Geiwitz sprach von unternehmerischen Fehlern, auf ständiges Wachstum zu setzen, von falscher Mitarbeiterbehandlung, einer patriarchischen Führung, Unkenntnis der eigenen wirtschaftlichen Lage, und er sprach von Imageverlust einer Drogeriemarktkette, die in Spitzenzeiten europaweit gut 10.000 Filialen betrieb und nichts daraus gemacht hat. "Diese Versäumnisse haben dem Unternehmen geschadet", resümierte Geiwitz.

3.000 Standorte bleiben

Der Insolvenzerwalter glaubt trotzdem, Schlecker retten zu können - aber zu einem hohen Preis. Experten hatten die Zahl schon früh vermutet, an diesem Mittwoch, in einem tristen Konferenzraum eines Frankfurter Hotels wurde sie von Geiwitz bestätigt: Das derzeitige Filialnetz von genau 5.410 Filialen wird fast um die Hälfte ausgedünnt, übrig bleiben sollen 3.000 Standorte.

Von noch rund 25.000 Beschäftigten sollen 11.750 sollen ihre Jobs verlieren, der Insolvenzverwalter hat wenigstens die zarte Hoffnung, dass diese Zahl noch etwas nach unten korrigiert wird. "Wenn wir diesen Einschnitt nicht vornehmen, dann hat Schlecker keine Überlebenschance", sagte der Insolvenzverwalter. Nicht betroffen von diesen Maßnahmen sind die Töchter im Ausland sowie die 670 IhrPlatz-Filialen. Zu der Drogeriekette aus Osnabrück will Geiwitz am Freitag Zahlen vorlegen.

Nicht nur die Wucht der Sanierungsmaßnahmen ist immens, auch das Tempo ist hoch. Noch im März soll der Sozialplan für die Beschäftigten verabschiedet werden, schon an diesem Mittwoch sprach Geiwitz mit der Gewerkschaft Verdi. Bereits Ende März müsse Schlecker operativ schwarze Zahlen schreiben, betonte der Insolvenzverwalter mit Bezug auf das Insolvenzrecht. "Menschenwürdig und sozialverträglich" sollen die Entlassungen vollzogen werden, versprach Geiwitz. Schlecker-Finanzchef Sami Sagur sprach angesichts der Massenentlassungen von einem "Supergau" für das Unternehmen.

Schlecker soll der gute Nachbar bleiben

Trotzdem versuchte Geiwitz, Hoffnung auf den Fortbestand der Kette zu machen. Doch dafür benötige es mehr Einsatz als das bisherige Erneuerungs-Programm "Fit for Future". So sollen so schnell wie möglich die Preise von 1.000 Top-Artikel reduziert werden, weil Schlecker hier gegenüber den Wettbewerben einen großen Nachteil habe.

Schlecker-Konzern, Foto: Schlecker
Schlecker-Konzern, Foto: Schlecker
Die Logistikzentren sollen sich von 13 auf 5 verringern, das Sortiment soll kundenorientierter gestaltet werden, bei Filialen an Bahnhöfen gar mit Convenience-Charakter, ein umfassender Ladenbau stehe an. "Und wir werden uns von Randsortimenten trennen", sagte Thorben Rusch, Schlecker-Vorstand für Einkauf, Vertrieb und Marketing.

Zudem will Geiwitz eine neue Führungskultur im Unternehmen aufbauen, mit zusätzlichen Managern, mit denen er bereits in Gesprächen stehe. Die Onlineaktivitäten soll Schlecker beibehalten, weil diese im Zusammenspiel mit den verbleibenden 3.000 Filialen für Gewitz "ein klarer Wettbewerbsvorteil" sind. Der zweite Vorteil für den Verwalter: das Konzept der Nachbarschaftsläden.

Ein Investor wird weltweit gesucht

Wie hoch der Investitionsbedarf für Schlecker ist, wollte Geiwitz nicht sagen. Gleichwohl sprach er davon, derzeit mithilfe einer international agierenden Bank "weltweit" Investoren anzusprechen.

Der Finanzbedarf ist freilich immens. In den vergangenen Jahren habe Schlecker laut Geiwitz hohe Verluste eingefahren, allein 2011 seien es rund 200 Millionen Euro gewesen. Pro Monat habe die Kette zuletzt "etwas über 20 Millionen Euro" Verlust eingefahren. Mit Blick auf die branchenüblichen Bruttoumsatzzahlen habe Schlecker 2011 noch rund fünf Milliarden Euro erlöst. Netto waren es laut Geiwitz aber nur knapp vier Milliarden Euro.

Der Name Schlecker soll bleiben

Doch wer soll ein Interesse haben, so ein abgewirtschaftetes Unternehmen zu retten? Geiwitz hat in der Industrie, dem Hauptgläubiger, viel Sympathie dafür ausgemacht. Kein Wunder, immer noch 3.000 Filialen sind gut doppelt so viele wie die Hauptkonkurrenten Rossmann und dm-Drogeriemarkt zusammen. Die Idee, den Namen Schlecker gegen einen neuen zu ersetzen, hat Geiwitz auch geprüft - und verworfen. Es sei besser, ein negatives Image in ein positives zu drehen.

Anton Schlecker wird nicht mehr gebraucht

Bankenfinanzierung, Investorenlösung, neues Konzept - Geiwitz' Schlecker-Rettungsplan hat viele Facetten. Und was ist mit der Familie, die das Unternehmen gegründet hat? Er habe seit Aufnahme seiner Tätigkeit vor rund fünf Wochen "keine signifikanten Vermögenswerte" bei den Schleckers finden können, sagte er. Meike und Lars Schlecker, die Kinder des Firmengründers Anton, stünden aber den Veränderungen positiv gegenüber. Wie beide auch künftig das Unternehmen mitgestalten sollen, ist noch offen.

Für einen Mann allerdings gibt es für Geiwitz keinen Platz mehr bei Schlecker - das ist Anton Schlecker. Auf die Frage, ob der alte Patriarch beim Aufbruch in die Zukunft gebraucht werde, antwortete der Insolvenzverwalter kurz, aber bestimmt: "Nein."