Werner Otto, der Gründer des Otto-Versands, wird 100 Jahre alt. Längst hat sich das Handelsunternehmen zu einer internationalen Firmengruppe entwickelt. Dabei war Ottos Start als Unternehmer holprig.

Der Unternehmer und Mäzen Professor Dr. h.c. Werner Otto feiert am 13. August seinen 100. Geburtstag. Der Gründer des Otto-Versands - der heutigen Otto Group - und zahlreicher weiterer Unternehmen in der gesamten Welt gilt als eine der markantesten und erfolgreichsten Persönlichkeiten der sozialen Marktwirtschaft.

Werner Otto kam nach dem Zweiten Weltkrieg als mittelloser Flüchtling mit Ehefrau und zwei kleinen Kindern zuerst nach Schleswig-Holstein, dann nach Hamburg. Hier gründete er 1949 nach einem missglückten Anlauf als Schuhfabrikant im Alter von 40 Jahren den Otto-Versand - und legte so den Grundstein für einen weltweiten Handels- und Dienstleistungskonzern mit Zehntausenden von Arbeitsplätzen. Als einer der letzten noch lebenden großen Unternehmensgründer der Nachkriegszeit wird Werner Otto am kommenden Donnerstag (13. August) 100 Jahre alt.

Der Otto-Katalog ist fast schon Legende

Die Geschichte liegt so lange zurück und wurde so oft erzählt, dass sie sich inzwischen zum Mythos verdichtet hat. Der erste Katalog von 1950, handgebundene 300 Exemplare mit 14 Seiten und eigenhändig eingeklebten Fotos, ist heute im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen. Doch Otto erinnert sich noch lebhaft daran. "1950 gab es ein paar hundert Versandhandelsfirmen; davon war mindestens die Hälfte größer als mein Betrieb." Sie sind entweder verschwunden oder gehören mittlerweile zum Otto-Imperium. Der letzte große Konkurrent Quelle kämpft ums Überleben.

Otto suchte immer neue Herausforderungen. Er begreift Unternehmertum bis heute als schöpferischen Prozess, als das Betreten von Neuland. "Wer statisch denkt und aus Angst vor Fehlern keinen Schritt nach vorn wagt, der sollte kein Unternehmer werden", lautet seine Überzeugung. In den 50er Jahren verdoppelte sich der Umsatz seines Versandhandels in manchen Jahren; die einsetzende Konsumwelle nach den Entbehrungen der Nachkriegszeit war der Motor des raschen Wachstums. Strategisch setzte Otto mehr auf die Qualität der Waren als auf niedrige Preise und erschloss so neue Käuferschichten.

Nachfolge früh geregelt

Schon 1966 übergab Werner Otto die Leitung des Unternehmens an den familienfremden Manager Günter Nawrath, behielt aber bis 1981 die Zügel als Aufsichtsratsvorsitzender in der Hand. Dann übernahm sein Sohn Michael die Otto Group. Der Senior hatte sich schon vorher neuen Geschäften zugewandt. In einem Alter, in dem andere an den Ruhestand denken, investierte Werner Otto in nordamerikanische Immobilien und in das zukunftsträchtige Feld der Entwicklung von Einkaufszentren.

Daraus entstand die ECE, heute das führende Spezialunternehmen der Branche. Sie wird von seinem jüngsten Sohn Alexander geführt.

Werner Otto und Ehefrau Maren. Foto: ECE
Werner Otto und Ehefrau Maren. Foto: ECE
Auch privat blieb Otto dynamisch. Drei Ehefrauen schenkten ihm fünf Kinder, die teils unternehmerische und teils künstlerische Neigungen und Talente entwickelten. Nachdem er schon 20 Jahre in seinem Altersruhesitz in Garmisch verbracht hatte, zog er mit 90 Jahren in die Millionen-Metropole Berlin. "Hier werden außergewöhnliche Ideen verwirklicht", schwärmt er. Und seine Frau Maren ergänzt: "Wir schätzen die Museen, Opern, Theater. Schon unsere Hochzeitsreise hat uns vor 46 Jahren hierher geführt."

Als Wohltäter gründet er Stiftung

Neben seinen unternehmerischen Glanztaten hat sich der gebürtige Brandenburger aus der Uckermark vor allem als Wohltäter einen Namen gemacht. 1969 gründete er die medizinisch ausgerichtete Werner-Otto-Stiftung, die dort einspringt, wo staatliche Mittel fehlen. Über die Jahre flossen viele Millionen von Otto für medizinische, soziale und kulturelle Zwecke, aber auch in den Städtebau. In seinem Geburtsort Seelow ließ Otto den Kirchturm wieder aufbauen, der durch schwere Kämpfe in den letzten Kriegstagen zerstört wurde.

Für seine Leistungen ist Otto, laut Bundeskanzlerin Angela Merkel
"ein Titan der Marktwirtschaft", vielfach ausgezeichnet worden. Zwei Tage vor seinem Geburtstag erhält er von Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit die Ehrenbürgerwürde der Stadt. In einem kleineren Kreis wollen später auch Kanzlerin und Bundespräsident gratulieren, wenn es der Gesundheitszustand des Hochbetagten zulässt.

Bei guter Gesundheit 100 Jahre alt

"Schon mit 60 Jahren hat mein Vater gesagt, dass er gern 100 Jahre alt werden möchte", berichtet sein Sohn Michael. "Wir sind alle dankbar und glücklich, dass ihm dieser Wunsch nun bei guter Gesundheit in Erfüllung geht und er sich am Leben erfreuen kann."

Die Familie Otto, die vor 60 Jahren beim Start in den Versandhandel bitterarm war, gehört heute zu den reichsten Familien Deutschlands. Das wirtschaftliche Imperium des Clans ruht auf drei Standbeinen.

Am bekanntesten ist die Hamburger Unternehmensgruppe Otto mit Millionen von Kunden, die 26 Jahre lang von Michael Otto geleitet wurde und ihm auch mehrheitlich gehört. Das Unternehmen hat sich vom Versandhandel zu einem weltweiten Handels- und Dienstleistungskonzern entwickelt.

Das Otto-Imperium

Neben dem Hamburger Stammhaus gehören dazu Versandhändler wie Heine, Schwab und Baur, Einzelhandelsketten wie SportScheck, der Finanzdienstleister EOS und die Logistik-Gruppe Hermes. Zu den vielfältigen und verzweigten Konzern-Aktivitäten zählen weiterhin Tourismus sowie Bank-, Inkasso- und Versicherungsdienstleistungen. Insgesamt umfasst die Gruppe 123 Unternehmen in 20 Ländern.

Im Geschäftsjahr 2008/09 (28. Februar) erreichte die Otto Group einen Umsatz von 10,1 Milliarden Euro und beschäftigte rund 50 000 Mitarbeiter. Der Gewinn vor Steuern betrug 129 Millionen Euro. Die Eigentümerstruktur ist vielfach verschachtelt zwischen den Mitgliedern der Familie Otto und diversen Holdings, Zwischenfirmen und operativen Gesellschaften. Über mehrere Jahrzehnte waren die Eigentümer der WAZ-Zeitungsgruppe bei Otto beteiligt, doch mittlerweile hat die Familie wieder allein das Sagen.

Shoppingcenterbetreiber ECE zweites Standbein

Als zweiter großer Block im Otto-Reich gilt die ECE-Gruppe. Sie wird von Alexander Otto geführt und entwickelt vor allem innerstädtische Shoppingcenter. Gegenwärtig managt des Unternehmen mit rund 3000 Mitarbeitern 112 Einkaufszentren in Europa; weitere 22 sind im Bau oder in Planung. Damit ist die ECE-Gruppe das führende Unternehmen in dieser Branche. Die ECE ist in 15 Ländern aktiv.

Schließlich verfügen die Ottos über großes Immobilienvermögen in Nordamerika. Die US-Firma Paramount hält und verwaltet Immobilien im Wert von rund zehn Milliarden Dollar überwiegend an der US-Ostküste - unter anderem New York und Washington, aber auch San Francisco. Der kanadischen Firma Park Property gehören im Großraum Toronto rund 7000 Wohneinheiten sowie rund 150 000 Quadratmeter Gewerbeflächen, die Werner Otto teilweise schon in den 70er Jahren erwarb. Die Nordamerika-Immobilien werden ebenfalls von Alexander Otto verwaltet.