Der EU-Ausstieg der Briten bestürzt die deutsche Wirtschaft. Das gilt für Industrie und Handel gleichermaßen. Vor allem die E-Commerce-Branche befürchtet massive Probleme, schließlich sorgt Großbritannien bisher für enorme Umsätze im Onlinehandel.

Die deutsche Wirtschaft ist fassungslos über das Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union. Die Industrie fürchtet harte Folgen für den Handel mit der Insel. Dort arbeiten fast 400.000 Beschäftigte in Niederlassungen deutscher Firmen. "Der Brexit ist für die deutsche Wirtschaft ein Schlag ins Kontor", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, am Freitagmorgen. 

Auch die Exportwirtschaft sprach von einer Katastrophe für Großbritannien, Europa und Deutschland. "Es ist bestürzend, dass die älteste Demokratie der Welt uns den Rücken kehrt», meinte der Chef des Außenhandelsverbandes BGA, Anton Börner. "Die Briten werden die Ersten sein, die unter den wirtschaftlichen Folgen leiden werden." 

Ein Schwergewicht des deutschen Handels

Beunruhigt ist auch Handelsbranche. Jens Nagel, Hauptgeschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE), nennt sie eine Katastrophe für den deutsch-britischen Außenhandel. "Der folgende mindestens zweijährige Abnabelungsprozess wird nicht schmerzlos von statten gehen." Nagel befürchtet neue technische Handelshemmnisse, unterschiedliche Normen und Standards und eventuell sogar neue Zölle. Auch die Vorschriften zum Umwelt- und Verbraucherschutz würden perspektivisch immer weiter auseinanderdriften, mit der Folge, dass neue, aufwendige Prüfpflichten auch auf deutsche Unternehmen zukommen, die Geschäfte mit Großbritannien machen.

"Großbritannien ist ein Schwergewicht für den deutsche Handel: Das Land steht an fünfter Stelle unserer wichtigsten Handelspartner und ist der Markt, mit dem wir nach den USA unseren zweithöchsten Außenwirtschaftsüberschuss erwirtschaften", betont Nagel. 

Probleme für kleine Onlinehändler befürchtet

Speziell der Onlinehandel befürchtet negative Folgen durch den EU-Austritt der Briten. "Der Brexit bedeutet einen Rückschritt für den europäischen E-Commerce, der mit einem Anteil von 60 Prozent die stärksten Umsätze in Großbritannien, Frankreich und Deutschland verzeichnet. Die Konsequenzen für Onlinehändler wären weitreichend", klagt Florian Seikel, Hauptgeschäftsführer im Händlerbund, der 50.000 geschützte Onlinepräsenzen vertritt.

Seikel sieht die Last vor allem auf den kleinen- und mittelständischen Onlinehändlern, die es schwer haben könnten, eventuelle höhere Versandkosten zu tragen und bürokratische Hürden, wie mögliche Wiedereinführung von Zöllen und der Einfuhrumsatzsteuer, zu überwinden. "Im Gegensatz zu Großkonzernen ist es für diese Onlinehändler schwer strategische Partnerschaften aufzubauen, um die Beschaffung und den Vertrieb ihrer Waren weiterhin effizient zu gestalten", befürchtet Pech.

BDI erwartet Rückgang der Geschäfte mit Briten

Nach Einschätzung der Industrie wird der Brexit sich direkt negativ auf die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich auswirken. "Wir erwarten in den kommenden Monaten einen deutlichen Rückgang des Geschäfts mit den Briten. Neue deutsche Direktinvestitionen auf der Insel sind kaum zu erwarten", sagte der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes BDI, Markus Kerber. Die Beschäftigten in deutschen Niederlassungen stünden vor unsicheren Zeiten. Besonders betroffen vom Brexit seien die Branchen Auto, Energie, Telekom, Elektronik, Metall, Einzelhandel und Finanzen.

Kurzfristig ist laut DIHK-Chef Schweitzer zu befürchten, dass der Absatz deutscher Produkte in Großbritannien schwächer wird. Sicherlich sei in den nächsten Wochen mit einer weiteren Abwertung des Pfunds zu rechnen. Insgesamt werde der deutsch-britische Handel schwieriger. "Großbritannien muss Handelsverträge weltweit, aber auch mit der EU komplett neu aufsetzen", sagte er.

Druck auf die politschen Entscheidungsträger wächst

Die EU-Verträge sehen einen Zeitraum von zwei Jahren vor, um die künftigen Handelsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich zu regeln. Führende Chefvolkswirte von Banken und Versicherungen sowie der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Clemens Fuest, mahnte an, dass Wirtschaft und Märkte rasch Klarheit bräuchten: "Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen."

Die deutschen Banken sind zuversichtlich, dass die Aktienmärkte sich rasch von den Schockwellen des Referendums erholen. "Die Lage an den Finanzmärkten dürfte sich nach dem ersten Schock rasch beruhigen", sagte der Präsident des Bankenverbandes, Hans-Walter Peters, der dpa.
Die Notenbanken hätten zudem alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um nach dem "schwarzen Freitag" eingreifen zu können.

Peters geht davon aus, dass die Finanzplätze Kontinentaleuropas wie Frankfurt mittelfristig nach dem Brexit an Bedeutung gewinnen: "Auch wenn Frankfurt zu Lasten der City Marktanteile gewinnen würde, so wäre mir ein politisch geeintes Europa mit dem Vereinigten Königreich weitaus lieber." 

Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater vergleicht den Brexit mit dem Fall des so genannten Eisernen Vorhangs vor fast dreißig Jahren. Es sei ein "politisches Beben gleicher Größenordnung". Er rechnet mit einer Konjunkturdelle in Euroland und einer Rezession in Großbritannien. Schließlich liege der EU-Anteil des britischen Außenhandels bei 45 Prozent.