Über die Finanzierungssituation in der Branche und die positiven Effekte der Krise sprach die Redaktion von Der Handel mit einer Expertenrunde. (2. Teil)

Foto: Mario Vedder
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Genth:
Vielleicht schafft diese Zurückhaltung der Banken aber auch mehr Qualität. Wir hatten in den vergangenen Jahren erstmals seit Langem keinen Zuwachs bei den Handelsflächen. Eine solidere Prüfung der Vorhaben bei der Finanzierung kann ja auch zu mehr Qualität in der Stadt- und Handelsentwicklung führen. In der Vergangenheit war es häufig nicht der Handel, der neue Flächen nachgefragt hat. Gerade im Lebensmittelhandel wurden viele Objekte realisiert, die Händler nur besetzt haben, um Wettbewerber fernzuhalten. Der Markt hatte eigentlich keinen Bedarf. In den nächsten Jahren wird es daher verstärkt leerstehende Handelsobjekte geben - mit schwierigen Folgen für die Standorte.

Striebich: Ich stimme Ihnen zu. Viele Objekte, die in der Vergangenheit finanziert wurden, sind substanziell einfach nicht stark genug und werden deshalb wieder vom Markt verschwinden.

Lässt sich das quantifizieren? Wie viele Shoppingcenter oder Handelsflächen sind Ihrer Meinung nach betroffen?

Striebich: Es gibt hierzu leider keine validen Untersuchungen. Aber der Anteil der Problemimmobilien ist deutlich angestiegen. Wir bekommen viele Anfragen, ob wir uns um solche Objekte kümmern wollen. Eine ganze Reihe von überflüssigen Projekten wurde realisiert. So gesehen hat die Krise eine heilende Kraft, da nicht mehr alles finanziert wird und mehr auf die Qualität und Langlebigkeit geschaut wird.

Foto: Mario Vedder
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von Guionneau: Die spannende Frage ist, wie lange diese Erkenntnis anhält. Vielleicht hält die Krise lange genug an, um auf strukturelle Fragen richtige Antworten zu geben. Für die Infrastruktur in den deutschen Mittelstädten ist es eine gute Zeit, weil nun auch mal darüber nachgedacht wird, wo man mit welchen Konzepten auch Chancen hat. Im Hype der letzten Jahre haben wir alle nur auf die großen Städte und das nächste Centerprojekt geschaut. Deshalb finde ich die Kreditklemme ganz heilsam. Alles, was an unsinnigen Dingen finanziert worden ist, von Bankern, die das nicht beurteilen konnten, fällt nun in sich zusammen. Die Flächenexpansion in Deutschland kommt in geordnete Bahnen, weil es kein schnelles Geld mehr gibt, ich finde das ganz wundervoll. Wenig hilfreich für eine nachhaltige Eigenkapitalbildung ist allerdings die fatale Gewerbesteuerpolitik. Die Hinzurechnung von Mieten zur Gewerbesteuer führt bei Einzelhändlern zu einer Besteuerung des Gewinns von bis zu 100 Prozent oder gar zu einer Substanzbesteuerung im Falle von Betriebsverlusten.

Schäfer: Es ist aber nicht nur das Thema „Nachhaltigkeit", es sind definitiv auch die Ängste der Banken, die zu Ablehnungen von Krediten führen. Ich betreibe das Sanierungsgeschäft nun seit einigen Jahren, früher war es einfacher, nur mit einem guten Businessplan ausgestattet eine Kreditlinie zu bekommen. Heute hält einem die Bank das Rating vor die Nase und sagt, das können wir leider nicht darstellen. Traditionelle Sicherheiten sind wieder wichtiger. Deshalb überlegen wir auch schon mal, eine Immobilie zu erwerben, um unsere Expansion voranzutreiben, denn die bekommt man wenigstens finanziert. 

Cayet: Wir beobachten im Markt vielfach, dass gerade die Finanzausstattung bei mittelständischen Unternehmen ein Problem ist. Jeder wird bestätigen, dass die Anforderungen der Banken bei der Kreditvergabe höher und die Entscheidungsprozesse schwieriger sowie langwieriger geworden sind. Wir werden daher oft von Banken hinzugezogen, um beispielsweise die Businesspläne der Mittelständler auf Potenzial und Plausibilität zu prüfen. Sowohl für die Unternehmen als auch für die Banken ist das eine Win-Win-Situation.

Herr Genth, reichen die öffentlichen Förderprogramme etwa der KfW aus, um tragfähige Konzepte auch finanzieren zu können?

Foto: Mario Vedder
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Die KfW-Kreditprogramme sind sehr nützlich. Dieses Potenzial wird von den Unternehmen zum Teil noch nicht ausreichend genutzt. Wir brauchen aber auch eine Informationsoffensive: Mittelständler müssen in puncto Transparenz umdenken. Häufig sind es nicht die schlechten Zahlen oder die schlechte Verfassung des Unternehmens, sondern die fehlende Transparenz, die zu Schwierigkeiten bei der Finanzierung führt.

Aufgezeichnet von Hanno Bender

Die Teilnehmer des Roundtable-Gesprächs:
Stefan Genth (46) ist Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland HDE.

Klaus Striebich
(43) leitet seit 2003 den Bereich Vermietung in der Geschäftsführung der ECE Projektentwicklungsgesellschaft. Das Unternehmen gehört der Otto-Familie und betreibt 116 Shoppingcenter in 14 Ländern.

Christoph von Guionneau (53) übernahm 2003 den Vorsitz der Geschäftsführung in der Ludwig Görtz GmbH. Der Schuhhändler Görtz wurde 1875 gegründet und verfügt über rund 280 Filialen in mehr als 110 Städten in Deutschland, Österreich, Polen und der Schweiz.

Lothar Schäfer (45) ist CEO der Adler Modemärkte GmbH. Die Textilkette wurde im Februar 2009 von der Metro Group an den luxemburgischen Finanzinvestor bluO verkauft. Schäfer gilt als erfahrener Restrukturierungsexperte. Adler betreibt rund 120 Standorte in Deutschland, Österreich und Luxemburg.

David Cayet (41) ist Managing Partner, Thomas Goslich (41) Director bei der Beratungsgesellschaft Accuracy. Das europaweit tätige Beratungsunternehmen hat sich auf finanzwirtschaftliche Fragestellungen im Kontext von M&A-Transaktionen, Restrukturierungen und Refinanzierungen spezialisiert.

Die Fragen stellten Marcelo Crescenti (Chefredakteur) und Hanno Bender
(stv. Chefredakteur) des Wirtschaftsmagazins Der Handel.

Lesen Sie hier den 1. Teil des "Round Table"-Gesprächs wie Entscheider und Experten die Finanzierungssituation in der Handelsbranche bewerten.

Das "Round Table"-Gespräch wurde im Rahmen der aktuellen Titelgeschichte von Der Handel veröffentlicht. Ein kostenloses Probeexemplar erhalten Sie hier.