Über die Finanzierungssituation in der Branche und die positiven Effekte der Krise sprach die Redaktion von Der Handel mit einer hochkarätigen Expertenrunde.

Kämpft die Handelsbranche gegen eine investitionsfeindliche Kreditklemme oder findet lediglich eine Konzentration auf tragfähige Konzepte statt?

Über diese Frage diskutierte die Redaktion von Der Handel mit:  Stefan Genth Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland HDE, Klaus Striebich Geschäftsführer Vermietung der ECE Projektentwicklungsgesellschaft. Christoph von Guionneau, Vorsitzender der Geschäftsführung in der Ludwig Görtz GmbH. Lothar Schäfer, CEO der Adler Modemärkte GmbH sowie David Cayet Managing Partner und Thomas Goslich Director bei der Beratungsgesellschaft Accuracy.

Herr Genth, in der aktuellen Befragung der KfW Mittelstandsbank berichtet rund die Hälfte der Handelsunternehmen von einer Verschlechterung der Finanzierungssituation. Gibt es für die Branche keine Kredite mehr?

Genth: Man muss genauer hinschauen. Wir führen diese Befragung seit zehn Jahren zusammen mit der KfW durch. Sie liefert eine solide Datenbasis über den breiten Mittelstand. Ein Großteil der befragten Unternehmen hat weniger als neun Mitarbeiter und in diesem Segment zeigt sich in der Tat, dass viele der kleineren Betreibe im Handel immer noch eine Eigenkapitalschwäche haben. Es sind insbesondere diese Unternehmen, inhabergeführte Fachgeschäfte, die einen erschwerten Zugang zu Krediten beklagen. Man muss aber auch fragen, was die Ursachen hierfür sind. Es ist nicht nur das fehlende Vertrauen der Banken in die Branche, das zu Ablehnungen von Kreditanträgen führt. Finanzierungen scheitern häufig, weil es an tragfähigen Konzepten, einer Nachfolgeregelung oder einem zukunftsfähigen Standort fehlt.

Herr von Guionneau, Görtz hat kürzlich Pasito-Fricker, die Schweizer Einzelhandelstochter der Garant Schuh und Mode AG, übernommen. War die Finanzierung eine Hürde?

von Guionneau: Das war kein Problem, weil es nur ein überschaubares Finanzierungsvolumen war. Es hat sich aber gezeigt, dass es etwas anderes ist, als Hamburger Unternehmen in die Schweiz zu gehen, als hierzulande ein Projekt zu finanzieren. In Hamburg nehme ich den Telefonhörer in die Hand und bekomme die Summe, die ich brauche ...

 ... schön, wenn man das sagen kann ...

Foto: Mario Vedder
Foto: Mario Vedder
... ja, aber dafür muss man auch die Voraussetzungen schaffen. Eine davon ist eine zu jeder Zeit tragfähige Bilanz. Das bedeutet aber auch, sich Restriktionen zu unterwerfen. Bei uns darf die Eigenkapitalquote nicht unter 30 Prozent fallen. Um dies einzuhalten, verzichten wir auch schon mal auf eine Expansionschance. Zudem pflegen wir mit unseren Banken eine stabile Informations- und Geschäftspolitik. Bei Görtz wird in Generationen gedacht. Unser Ziel lautet nicht, 20 Filialen in einem Jahr zu eröffnen, sondern auch in 20 Jahren noch Filialen zu eröffnen. Wenn man eine solche Grundhaltung besitzt und sich daran hält, was die Hamburger als hanseatisches Geschäftsgebaren bezeichnen, dann hat man auch in der derzeitigen Situation keine Probleme.

Ein solide geführtes Familienunternehmen kennt also keine Kreditklemme. Wie sieht die Situation für ein Unternehmen aus, das einem Sanierungsfonds gehört?

Schäfer: Wir haben Adler im vergangenen Jahr mit einer tiefroten Bilanz übernommen. 2008 hat das Unternehmen mehr als 50 Millionen Euro Verlust gemacht. Wenn man damit zu einer Bank geht und eine Kreditlinie oder ein Darlehen will, dann wird es schwierig. Mit den Nachwirkungen der bisherigen Ratingnote konnten wir wenig anfangen. Aus diesem Grund war es nicht leicht Fremdkreditmittel zu erhalten, wir haben bis heute keine Bankschulden. Wir arbeiten von Beginn an allein mit dem im Unternehmen vorhandenen Kapital und finanzieren uns aus dem Cashflow.

Bedeutet das für Sie Einschränkungen in Bezug auf Investitionen, die Sie gerne tätigen würden?

Schäfer: Natürlich, wir sind bei Investitionen von den liquiden Mitteln abhängig. Wir expandieren aber dennoch. Unsere Besonderheit dabei ist, dass wir auf Sanierungen spezialisiert sind und das Unternehmen im ersten Schritt auf den Kopf stellen, um das gesamte Kostengefüge auseinanderzunehmen. Alles kommt auf den Prüfstand: Zeitungsabonnements, Dienstwagen, Personalkosten. Durch die Kostenreduzierung waren wir zum Beispiel in der Lage, den Erwerb der Woolworth Österreich zu finanzieren, um unsere Expansion voranzutreiben - ohne Fremdkapital.

Goslich:
Eine Alternative zu Kreditfinanzierungen wären auch Sale-and-Lease-Back-Transaktionen, die auch ein Thema bei den großen Warenhäusern waren - wie stehen Sie dazu?
 
Schäfer: Wir besitzen keine Immobilien, die hatte die Metro schon vor einigen Jahren in Sale-and-Lease-Back-Transaktionen veräußert. Insofern haben wir eher damit zu kämpfen, dass diese Transaktion nicht zu unserem Vorteil abgeschlossen wurde.

von Guionneau: Bei uns funktioniert es andersherum: Wir kaufen eine Immobilie und schaffen damit Substanz. Wir kämen nie auf die Idee, diese Substanz aus dem Unternehmen herauszuverkaufen. Wenn ich eine Immobilie verkaufe, um das Portfolio umzuschichten, fragen mich die Inhaber, wann ich wieder ein Objekt kaufe. Damit binden wir zwar Kapital, aber das ist eben eine Grundsatzentscheidung. Diese Berechenbarkeit ist ein ganz wesentlicher Wert in volatilen Märkten, wie wir sie heute erleben.

Diese hanseatischen Grundsätze kennt man fraglos auch bei der ECE. Herr Striebich, wie sehen Sie die Situation?

Foto: Mario Vedder
Foto: Mario Vedder
Striebich: Es gab Zeiten, da bekam man für alles billiges und schnelles Geld, so sind die faulen Kredite entstanden. Nun mussten die Banker ihre Geschäftsmodelle überdenken, was zu höheren Anforderungen - neudeutsch „Covenants" - führte. Viele kleine und mittlere Händler haben das noch nicht verinnerlicht und kämpfen daher aktuell mit Schwierigkeiten. Wer aber seine Hausaufgaben gemacht hat, der hat auch keine Probleme. Doch die Banken überlegen sich ihre Geschäftsmodelle neu, und deshalb muss der kleine Händler seine Finanzierung ebenso neu überdenken. Wer heute Geld will, muss auch andere Wege im Blick haben, die Internetplattform Smava oder die Start-up-Finanzierungen für E-Commerce-Händler wie etwa HackFwd oder Ähnliches, da hat sich unheimlich viel entwickelt. Es sind in den letzten Jahren viele Möglichkeiten entstanden, oftmals mit höheren Anforderungen in Bezug auf die Nachhaltigkeit, aber das ist auch gut so.

Spürt denn die ECE selbst eine Zurückhaltung bei den Banken?

Striebich: Alle unsere Projekte sind im dreistelligen Millionenbereich zu refinanzieren, wir sind daher auf den Kapitalmarktzugang angewiesen. Und da nicht mehr so viel Fremdkapital zur Verfügung steht, findet eine Konzentration statt. Das führt zu tiefer gehenden Diskussionen mit Banken, die mehr Informationen wünschen. Es gibt auch Margendiskussionen, aber die sind übersichtlich. Vor fünf Jahren wurde einem von den Banken ein roter Teppich ausgerollt, das hat sich geändert. Heute muss man auch mal mit zwei, drei Banken sprechen und ganz andere Vorgehensweisen und neue Finanzvehikel entwickeln, um die Projekte zu refinanzieren. Auch bei uns sind klassische Bankfinanzierungsmodelle selten geworden.

Aufgezeichnet von Hanno Bender

Lesen Sie im 2.Teil des "Round Table"-Gesprächs warum die Zurückhaltung der Banken auch positive Auswirkungen auf die Entwicklung im Einzelhandel sein könnte.

Das "Round Table"-Gespräch wurde im Rahmen der aktuellen Titelgeschichte von Der Handel veröffentlicht. Ein kostenloses Probeexemplar erhalten Sie hier.