Netzbetreiber und Einzelhandel haben ganze Arbeit geleistet: Auch mit falsch programmierten Karten kann nun gezahlt werden. Der HDE fordert Konsequenzen aus dem Debakel.

Wenige Tage nach Bekanntwerden des 2010-Bug auf rund 30 Millionen EC- und Kreditkarten haben die EC-Netzbetreiber und der Einzelhandel die Akzeptanzprobleme behoben. Der Handelsverband Deutschland (HDE) gibt in einer Pressemitteilung vom heutigen Freitag Entwarnung: "Die letzten Zahlungsterminals dürften heute umgestellt sein. Nur noch in wenigen Ausnahmefällen könnte es zu vereinzelten Zahlungsabbrüchen kommen", teilt der Verband mit.

Rund 200.000 Händlerterminals, die bereits auf dem neusten EMV-Sicherheitsstandard des Zentralen Kreditausschusses (ZKA) umgerüstet waren, mussten dazu umkonfiguriert werden. Statt des defekten Chips lesen die Geräte zur Abwicklung einer Transaktion nun wieder den Magnetstreifen auf den Karten aus. Für die problematischen Kreditkarten steht eine Lösung aber nach wie vor aus.

EC-Karten werden dennoch umprogrammiert

Um die Akzeptanz der EC- und Kreditkarten an Geldautomaten und Ladenkassen auch im Ausland zu gewährleisten, müssen die EMV-Chips dennoch umprogrammiert werden, wie es der Sparkassenverband (DSGV) für seine rund 20 Millionen betroffenen EC-Karten bereits ankündigte. "Über die Behebung des Programmfehlers auf den Karten entscheiden die jeweiligen ausgebenden Kreditinstitute selbst", schreibt der ZKA in einer ebenenfalls heute veröffentlichten
Jetzt klappt´s auch mit der defekten EC-Karte. Foto: Easycash
Jetzt klappt´s auch mit der defekten EC-Karte. Foto: Easycash
. Dabei komme ein Software-Update oder ein Kartenaustausch in Betracht.

Die Bankkunden sollen zudem eine Entschädigung für etwaige Kosten im Zusammenhang mit dem Kartendebakel erhalten: "Sparkassen und Landesbanken werden ihren Karteinhabern diejenigen Gebühren ersetzen, die durch die Bargeldbeschaffung bei Banken oder die Nutzung alternativer Zahlungsmittel entstanden sind", erklärte DSGV-Präsident Heinrich Haasis. Auch die Privatbanken wollen sich ihren Kunden gegenüber "kulant zeigen", erklärte Kerstin Liesem, Sprecherin des Bundesverbands Deutscher Banken (BdB) gegenüber FTD.de.

Noch keine Entschädigung für Händler in Sicht

Von einer Entschädigung der betroffenen Handelsunternehmen ist freilich noch keine Rede. Die Umsatzausfälle und der Mehraufwand durch den 2010-Bug lassen sich auch nur schwer in Euro und Cent beziffern. "Modernste Infrastrukturen im Handel trafen auf veraltete und zudem fehlerhafte Chip-Technologie der Banken", bilanziert ein Kartenexperte.

Seit Monaten üben die im ZKA vertretenen Banken Druck auf den Handel und die großen EC-Netzbetreiber (Telecash, Easycash, B+S Card Sevice, Intercard, Montrada) aus, sämtliche Terminals auf die neue "TA 7.0"-Software umzurüsten, damit die eigenen Kartenmigrationspläne und -strategien aufgehen. Pech hatten nun ausgerechnet jene Händler, die ihre Systeme bereits auf den neusten Stand der ZKA-Spezifikationen umgestellt hatten.

Handelsverband stellt Forderungen

Der Handelsverband HDE versucht nun, die Gunst der Stunde zu nutzen und erneuert sein Plädoyer für die Beibehaltung des elektronischen Lastschriftverfahrens. Das ELV-Verfahren mit Karte und Unterschrift hat den Jahreswechsel reibungslos überstanden, im Zeitalter der SEPA-Lastschrift gilt es allerdings als Auslaufmodell. Der deutschen Kreditwirtschaft war das von Peek & Cloppenburg entwickelte "wilde Lastschriftverfahren" schon immer ein Dorn im Auge. Im Gegensatz zum EC-Cash-System (girocard) bringt es den Banken keine Autorisierungsgebühren ein.

Das ehemals unsichere Lastschriftverfahren wurde von einige EC-Netzbetreiber mit Hilfe von onlinegestützten Sperrdateiabfragen inzwischen derart weiterentwickelt, dass es in punkto Sicherheit und Schnelligkeit mit dem zahlungsgarantierten PIN-Verfahren konkurrieren kann. Weil das ELV-Verfahren zudem wesentlich kostengünstiger ist, wechselten beispielsweise die rund 2.500 Aral-Tankstellen im vergangenen Jahr komplett vom EC-Cash-Verfahren mit PIN zur unterschriftbasierten Kartenakzeptanz.

EC-Lastschrift als Notfallverfahren

Einen großen weiteren Vorteil konnte das ELV-Verfahren in den vergangenen Tagen nun erneut unter Beweis stellen: Es ist unabhängig von den Autorisierungszentralen der Banken und kann daher als Notfall-System fungieren, wenn die Server der Kreditwirtschaft mal wieder in die Knie gehen oder aus anderen Gründen streiken.

Auf 30 Stunden summierten sich die Ausfallzeiten der Kopfstellen im vergangenen Jahr nach Angaben eines bundesweit tätigen Handelsunternehmens. Das klingt nach verhältnismäßig wenig, betrifft aber auch an normalen Einkaufstagen mehrere Millionen Zahlungsvorgänge pro Stunde. Die großen EC-Netzbetreiber können mehr als 800 Zahlungstransaktionen in der Sekunde verarbeiten.

ELV für Handel "unverzichtbar"

"Das elektronische Lastschriftverfahren ist bei Handel und Verbrauchern nicht nur ein beliebtes und sicheres Zahlungsmittel. Es ist auch unverzichtbar, wie die Ereignisse gezeigt haben", bilanziert HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. "Wir fordern die Banken auf, das alte Lastschriftverfahren trotz der von ihnen favorisierten neuen SEPA-Lastschrift zu akzeptieren und nicht zu behindern".

Nachdem das Krisenmanagement und die Informationspolitik der Kreditwirtschaft im Kartendebakel 2010 in Politik und Medien auf harsche Kritik stieß, hat die Handelsbranche in der öffentlichen Diskussion nun eindeutig die besseren Karten in der Hand. Nun kommt es darauf an, sie auch auszuspielen.