Bei der Tarifrunde im Einzelhandel geht es nicht nur um Geld. Die Arbeitgeber wollen die Manteltarifverträge modernisieren. Verdi befürchtet einen Angriff auf Standardleistungen für die Arbeitehmer.

Kaum ist ein Tarifkonflikt gelöst, beginnt ein neuer. Für insgesamt 12,5 Millionen Beschäftigte laufen nach einer Übersicht des gewerkschaftsnahen WSI-Tarifarchivs in diesem Jahr die Lohn- und Gehaltstarifverträge aus.

Neben der Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie kommt jetzt auch die Tarifrunde im Einzelhandel in Fahrt. Mit seinen rund drei Millionen Beschäftigen und etwa 400.000 Betrieben zählt sich der Einzelhandel zu den größten Wirtschaftszweigen in Deutschland. Die Vorzeichen deuten auf lange Verhandlungen hin, die regional in den Tarifbezirken geführt werden. Anfang Mai geht es in den bevölkerungsreichen Bundesländern los.

"Generalangriff" auf die Arbeitnehmerinteressen

Verdi läutete bereits heftig die Alarmglocken. Die Gewerkschaft wirft den Arbeitgebern vor, mit dem Kündigen der Manteltarifverträge einen "Generalangriff" auf die Interessen der Beschäftigten im Schilde zu führen.

"Mit diesem Vorhaben legt die Unternehmerseite die Axt an die Existenzsicherung und wesentlichen Schutzregelungen für die Beschäftigten im Einzelhandel", erklärte Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger im Januar. Sie befürchtet, dass Tarifstandards gesenkt werden sollen. Konzerne könnten versuchen, auf dem Rücken der Beschäftigten den Verdrängungswettbewerb im Handel zu verschärfen.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) weist die Vorwürfe zurück. "Wir wollen die Manteltarifverträge modernisieren", sagt Ulrich Köster, Vorsitzender des Tarifpolitischen HDE-Ausschusses. Das habe man über zehn Jahre mit Verdi versucht, ohne sich wirklich näher zu kommen. Im Manteltarifvertrag seien alte Berufsbilder enthalten wie Fahrstuhlführer.

"Auch hat sich die Arbeit der Kassiererinnen durch die modernen Technologien über die Zeit deutlich verändert." Weitere Themen sollen angepackt werden: "Wir wollen flexiblere Arbeitszeit-Regelungen, zum Beispiel die Möglichkeit, Arbeitszeitkonten einzurichten oder Absprachen in den einzelnen Teams zuzulassen."

Die Tarifparteien müssen nun erst einmal am Verhandlungstisch Platz nehmen und Forderungen austauschen. Verdi hat sich deutliche Einkommensverbesserungen auf die Fahnen geschrieben. In einigen Tarifbezirken wie Nordrhein-Westfalen fordert die Gewerkschaft 6,5 Prozent mehr Geld. In anderen Tarifbezirken wie Baden-Württemberg wird ein Euro mehr pro Stunde von den Verhandlungsführern gefordert.

Exorbitante Lohnforderung um bis zu 20 Prozent Plus

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth kritisierte die Forderungen bereits als hoch. "Die Forderungen sind teilweise exorbitant", sagte er vor kurzem. In einem Tarifbezirk gebe es für untere Gehaltsgruppen eine Forderung, die auf ein Plus von bis zu 20 Prozent hinauslaufe.

Beim Thema Mindestlohn kommen die Tarifparteien seit längerem nicht voran. "Wir sollten das Thema als Tarifparteien selbst regeln und nicht auf einen gesetzlichen Mindestlohn warten. Das tarifliche Basisentgelt könnte regional unterschiedlich sein. Damit es von Ministerien für allgemeinverbindlich erklärt werden kann, muss eine Tarifbindung von 50 Prozent nachgewiesen werden", meint Köster.

Verdi will neue Niedriglohngruppe verhindern

Verdi hält das für ein Lippenbekenntnis. Die Arbeitgeber hätten längst den Nachweis führen müssen, wie hoch die Tarifbindung ist. Nutzenberger hofft auf einen gesetzlichen Mindestlohn über alle Branchen hinweg, der auch für Leiharbeiter und Mitarbeiter von Dienstleistern gelte.

Die Arbeitgeberseite betont, ihr Ziel sei eine Stärkung des Flächentarifvertrages. "Viele Händler haben aus Kostengründen einfache Tätigkeiten wie das Auffüllen von Regalen an Dienstleister ausgelagert. Die Tarifverträge des Einzelhandels müssen so gestaltet sein, dass auch einfache Tätigkeiten wieder zu wirtschaftlichen Konditionen mit eigenen Mitarbeitern durchgeführt werden können, anstatt sie auf externe Dienstleister auszulagern", betont Köster.

Damit könnte Unternehmen im Flächentarifvertrag gehalten und andere zurückgewonnen werden. Verdi befürchtet eine neue Niedriglohngruppe, der man nicht zustimmen werde. Zudem sollten die Manteltarifverträge ohne Abstriche wieder in Kraft gesetzt werden, so die Gewerkschaft.

Volker Danisch (dpa)