In Endingen hat der inhabergeführte Fachhandel überlebt. Das Erfolgsgeheimnis des südbadischen Städtchens: Service mit Zertifikat.

Vor dem Fremdenverkehrsbüro sitzt ein Ehepaar mittleren Alters und blinzelt in die Frühlingssonne. Ihre Räder stehen an der Sandsteinwand. Nach kurzer Diskussion haben sie sich entschieden, eine Pause einzulegen, und erst mal in einer der Altstadtgassen einen Salat zu essen.

„Die beiden", verrät die freundliche Frau im Tourismusbüro, „wollten eine Essensempfehlung und haben spontan vorbeigeschaut." Häufig nehme sie aber auch Anrufe entgegen, die sich nach der örtlichen Geschäftswelt erkundigen. Die hat in den letzten Monaten auch überregional für Schlagzeilen gesorgt

Die 9.000-Seelen-Gemeinde am Kaiserstuhl liegt in der wärmsten, sonnenreichsten Region Deutschlands, ihre historische Altstadt ist unzerstört. Nicht nur das: Die prächtigen Fassaden sind nicht Kulisse für Billigläden oder Filialisten.

Eigene Stärken betonen

Verödete Innenstädte? In Endingen hat der inhabergeführte Einzelhandel überlebt. Nicht nur der Bäcker, der Metzger und die Eisdiele. Auch der Schuhladen, der Herrenausstatter und das Buchgeschäft. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass man in der ganzen Innenstadt kostenlos parken darf.

Glaubt man Ingo Fuchs, liegt das auch an einem Konzept mit dem Titel „König Kunde". Man habe den Discountern, die auch vor den Toren Endingens auf der Grünen Wiese stehen, etwas entgegensetzen wollen.

„Da betont man am besten seine Stärken", weiß Fuchs, der am Ort ein Modehaus betreibt. Er ist der Vorsitzende der „Gewerbe- und Handelsvereinigung", der fast alle Gewerbetreibenden am Ort angehören. „Freundlichkeit, Service, Werben um Unterstützung der Kommunalpolitiker", umschreibt Fuchs die Ziele des Verbandes.
Der Textilhändler gibt zu, dass sie mit diesen Zielen das Rad nicht neu erfunden haben. „Wer mit Kunden zu tun hat und unfreundlich ist, hat den Beruf verfehlt."

Echte Aufmerksamkeit

Vor nunmehr zehn Jahren wurde „König Kunde" ins Leben gerufen. Rund 20 Betriebe sind zertifiziert. Sie verpflichten sich, ihr Personal regelmäßig in den Bereichen Kundenbetreuung, Service und Höflichkeit schulen zu lassen. Die Seminare muss der Arbeitgeber zahlen. Doch der Erfolg spricht für sich: Entlang der malerischen Altstadtgassen steht kein Ladengeschäft leer.

Fuchs muss jetzt weiter, der Erfolg seiner Initiative hat sich herumgesprochen. Anfang Mai kommt eine Unternehmerdelegation aus Luxemburg, um das Endinger Erfolgsmodell zu begutachten. Es gibt Anfragen aus Österreich und der Schweiz, wo man wissen will, wie der hiesige Einzelhandel dem Trend zum Discounter trotzt.

Der Rundgang durch den Ort scheint die Worte der Vereinsvorsitzenden zu bestätigen. Sowohl bei der „Metzgerei Dirr" als auch im „Eis & Café am Marktplatz" oder bei „Zeiser Zigarren" - überall wird man von Menschen bedient, deren Freundlichkeit echt wirkt.

Persönliche Empfehlungen

Foto:Jörg Eberl
Foto:Jörg Eberl
Seit 1856 gibt es den Buchladen „Vollherbst-Koch", und wer sich dort umschaut, hat nicht den Eindruck, dass die Tradition bald abreißen könnte. Meist sind es Einheimische, die hereinkommen, oft aber auch Touristen, die von März bis Anfang Oktober in Südbaden und dem nahen Elsass für Betrieb sorgen.

Buchhändlerin Monika Bohn hat gerade einem Kunden ein Mitbringsel für eine Jugendliche empfohlen - das Buch hat sie natürlich selbst gelesen. Sie wirft einen Blick auf die Kopfsteinpflaster-Gasse vor der Ladentür: Eine Schulklasse geht in die „Spieltruhe" gegenüber. „Ins Spieli", verbessert Monika Bohn. „So nennen die Kinder hier den Laden."

Auch „Spieli"-Chefin Margot Löffler und ihr Mann Roland haben ihre vier Angestellten zu den Seminaren geschickt. Bereut haben sie es nicht - trotz der Kosten. „Für uns geht es nicht um Expansion, sondern darum, uns am Markt zu halten. In welcher Kleinstadt gibt es noch einen Spielwarenladen?" Über­leben, sagt Roland Löffler, könne man nur mit fachkundiger Beratung. Und mit der Portion Pfiffigkeit, die die Filialisten nicht im Businessplan haben.

Steine fürs "Torli"

Löffler denkt sich mit seiner Frau immer wieder neue Aktionen aus. Analog zu den bundesweit bekannten Hochzeitstischen gibt es in der „Spieltruhe" Kindergeburtstagstische. „Nach anfänglicher Skepsis sind die Eltern darüber heute heilfroh." So bekommt jedes Endinger Kind zum Geburtstag eine Glückwunschkarte und kann sich im Laden ein kleines Geschenk abholen.

Für jeden Kauf gibt es kleine dem örtlichen Stadttor nachempfunden Klebesteinchen. Wenn das „Torli" vollgeklebt ist, gibt es 2,50 Euro Rabatt auf den nächsten Einkauf. Auch das ist eine Aktion des „Spieli-Clubs", der nicht weniger als 2.000 junge Mitglieder hat.

Doch wichtiger als all diese Aktionen sei das Grundsätzliche. „Man will dem Kunden einfach das Gefühl geben, dass er willkommen ist", sagt Roland Löffler und überlegt einen Moment. So sehr er mit „König Kunde" zufrieden ist - ganz glücklich findet er die Namensgebung nicht. Als Kunde wolle man doch nicht wie ein König behandelt werden. Sondern wie ein Gast. „Wenn ich jemanden einlade, freue ich mich, wenn er kommt. Ein Gast ist willkommen. Man will, dass er sich wohlfühlt."

Christoph Ruf

Dieser Artikel ist in der Mai-Ausgabe von Der
Handel erschienen. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier.