Ob bei neuen Investitionen oder Finanzierung: Der Einzelhandel steht bei solchen Themen im Vergleich zu anderen Branchen oft schlechter da. Anders sieht es hingegen bei der Digitalisierung aus. Hier haben alle Unternehmen Nachholbedarf.

Neue Hard- und Software, digitale Vertriebskonzepte, IT-Sicherheit, Prozessverknüpfungen: Acht von zehn Unternehmen im deutschen Mittelstand haben in den vergangenen drei Jahren Digitalisierungsprojekte umgesetzt, ist das Ergebnis einer Untersuchung der KfW Bankengruppe.

Einzelhandel mit mehr Projekten als der Durchschnitt

Dabei wurde zum ersten Mal in dieser Breite den Stand der Digitalisierung im deutschen Mittelstand untersucht. Interessant: Rund 81 Prozent der befragten Handelsunternehmen gaben an, von 2013 bis 2015 Digitalisierungsprojekte initiiert zu haben. Damit liegt die Branche leicht über dem Durchschnitt.
"Im Handel spielt die Digitalisierung eine große Rolle, da der Onlinevertrieb immer dominanter wird und sich die Geschäftsmodelle ändern", erklärt Vivien Lo, als Leiterin des Mittelstands- und Wettbewerbsfähigkeits-Teams des KfW Research verantwortlich für die Studie.

"In der Breite beschäftigt sich der Mittelstand mit Digitalisierung“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe, mit Blick auf alle Branchen. "Das Ergebnis klingt zunächst gut". Doch der Grad der Digitalisierung ist laut den Studienergebnissen bei den meisten Unternehmen nicht weit fortgeschritten.

Big Data, Cloud Computing, Apps und Industrie 4.0, digital vernetzte Produkte und Dienstleistungen nutzen nur rund 20 Prozent der Firmen – und davon auch nicht alle Elemente. Sie zählen zu den digitalen Vorreitern. "Rund 50 Prozent der Unternehmen haben einen durchschnittlichen Digitalisierungsgrad, 30 Prozent zählen zu den Nachzüglern", kommentiert Zeuner. Die Nachzügler – immerhin knapp ein Drittel – befänden sich noch in einem Grundstadium der Digitalisierung, "selbst grundlegende Anwendungen wie ein eigener Internetauftritt sind unterdurchschnittlich verbreitet", lautet ein Ergebnis der Studie.

Firmen müssen mehr investieren

Dazu kommt: Die meisten Vorhaben hatten meist einen kleinen Umfang, und viele Firmen gehen in kleinen Schritten vor. Vor allem kleine Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten setzen für neue Technologien oder die Verbesserung der IT-Kompetenz weniger als 10.000 Euro im Jahr ein.
Laut der Studie kommt der deutsche Mittelstand im Jahr auf Digitalisierungsausgaben von rund 10 Milliarden Euro. Nach Hochrechnungen der KfW wären aber mindestens 13 Milliarden Euro jährlich notwendig, um den Abstand zwischen den einzelnen Firmen zu verringern. "Die Nachzügler müssen aufschließen", sagt Zeuner. Sonst könnten sie den Anschluss verlieren.

Die größten Hemmnisse für den stärkeren Ausbau der Digitalisierung sind für die befragten Unternehmen die mangelnde IT-Kompetenz ihrer Mitarbeiter, das Problem der Datensicherheit, hohe Investitions- bzw. Betriebskosten und die Geschwindigkeit der Internetverbindung. Dass die Kosten als Hemmnis genannt werden, ist für Zeuner ein Beleg dafür, dass viele Firmen den Nutzen der Digitalisierung noch nicht völlig erkannt haben.

Finanziert werden die Projekte zu 77 Prozent aus laufenden Einnahmen, mit nur 4 Prozent spielen Bankkredite eine untergeordnete Rolle.

"Mittelstand schöpft Potenzial der Digitalisierung nicht aus"

Um den deutschen Mittelstand weiter nach vorn zu bringen, plädiert die KfW an Politik, Verbände und Ausbilder, Möglichkeiten und Nutzen der Digitalisierung noch stärker zu vermitteln, die Umsetzung von Digitalisierungsprojekten stärker zu fördern, Berufsbilder weiterzuentwickeln und die Beschleunigung des Breitbandausbaus.

"Die mittelständische Wirtschaft schöpft das Potenzial der Digitalisierung bisher bei weitem noch nicht aus", zieht Zeuner Fazit. Zwar hinke Deutschland als Standort im internationalen Vergleich nicht hinterher, "doch der Mittelstand befindet sich einer relativ frühen Phase der Digitalisierung". Das stehe im Gegensatz zur öffentlichen Diskussion um das Thema, so der Volkswirt. Das Ziel: "Es geht darum, an die Spitze zu kommen."