Die Bundesregierung stellt 100 Millionen Euro für Mikrofinanzierungen zur Verfügung. Vor allem Gründer und Kleinstunternehmer sollen profitieren. Ein Gespräch mit den Mikrokredit-Experten der GLS Bank.

Mikrokredite haben durch Muhammad Yunus eine Berühmtheit erlangt. Der Gründer der Grameen Bank ist einer der Väter der Mikrofinanzierungsidee und erhielt dafür im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis. Seit einigen Jahren findet das Konzept der Kleinstkreditvermittlung seinen Weg aus den Entwicklungsländern auch nach Westeuropa.

Die GLS Bank aus Bochum legte bereits 2004 einen ersten Fonds für Mirkrofinanzierungen in Deutschland auf. Anfang dieses Jahres erhielt das Institut, das sich auf sozial-ökologische Geldanlagen und Finanzierungen spezialisiert hat, 100 Millionen Euro von der Bundesregierung und der Europäischen Union für den „Mikrokreditfonds Deutschland".

Mit dem Fonds sollen Kleinkredite von maximal 20.000 Euro vergeben werden, mit einer Laufzeit von bis zu drei Jahren und einem Zinssatz von 7,5 Prozent. Die Redaktion von Der Handel sprach mit Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank und Falk Zientz, Leiter Mikrofinanz der GLS Bnak, über das Konzept und den Weg zum Mirkokredit.

Was unterscheidet den Mikro­kredit von einem normalen Bankkredit?
Zientz: Zunächst einmal natürlich die Höhe. Wir bewegen uns in einem Bereich, der für die Geschäftsbanken aufgrund des Aufwands und des geringen Kreditvolumens uninteressant ist. Bislang konnten wir Erfahrungen mit rund 500 Mikrokrediten sammeln, die durchschnittliche Finanzierungssumme betrug dabei 7.000 Euro.

Foto: GLS Bank
Foto: GLS Bank
An welche Zielgruppe richtet sich der Mikrokreditfonds?
Jorberg: An Existenzgründer und Kleinstunternehmer, die bisher keine Möglichkeit haben einen Kredit zu ­erhalten. Wir wollen nicht in Wettbewerb zu Banken oder staatlichen Förderinstituten treten, die Gründungs­finanzierungen anbieten, sondern zum Beispiel auch Menschen erreichen, die bislang keine Kreditbiografie haben und sich etwa im handwerklichen Bereich mit einem Hausmeisterservice oder im Handel mit ­einem Kiosk selbstständig machen wollen oder für ihre Unternehmung eine Finanzierung benötigen.

Wie erfolgt die Vergabe der Mikrokredite?

Jorberg: Wir arbeiten mit einem Netzwerk von Mikrofinanzinstituten, die jeweils in der Region vor Ort tätig sind und über die Kreditvergabe entscheiden. Sie begleiten den gesamten Finanzierungsprozess und das damit verbundene Projekt vom Anfang bis zum Ende. Die GLS Bank führt nur eine Plausibilitätsprüfung durch. Die enge, vertrauensvolle und beratende Beziehung zwischen Kreditnehmer und Vermittler ist ein ganz zentrales Element des Konzepts.

Wer kann so ein Mikrofinanzpartner sein?

Zientz: Das ist sehr unterschiedlich. Wir sind derzeit dabei, ein bundesweites Netz aufzubauen. Es gibt Berater oder Gründerzentren, die sich mit Mikrokrediten befassen, oder Institute wie die Nordhand, die als klassische Kreditgenossenschaften ihren Mitgliedern Kapital zur Verfügung stellen. Einige Akteure sind auch ausschließlich in einem spezifischen Migrantenmilieu tätig. Unser Ziel ist eine möglichst vielschichtige Struktur. Um dauerhaft ein flächendeckendes Angebot zu gewährleisten, wollen wir zudem ein Filialnetz von Mikrofinanzpartnern aufbauen, die sich nur auf diese Tätigkeit konzentrieren und sich allein durch die erfolgsabhängigen Vermittlungsprovisionen finanzieren können.

Wie hoch sind diese Provisionen?
Jorberg: Derzeit, in der Aufbauphase, erhält der Finanzierungspartner 800 Euro pro Vermittlung. Hinzu kommen 10 Prozent der Kreditsumme, wenn der Kredit zurückgezahlt wird. Im letzten Jahr lag die Ausfallrate bei 2,8 Prozent. Langfristig muss die erfolgsabhängige Provision ausreichen, sodass der Mikrokreditfonds wirtschaftlich tragfähig ist.

Foto: GLS Bank
Foto: GLS Bank
Kommen wir zum Kreditnehmer. Was muss er tun, um an einen ­Mikrokredit zu gelangen. Welche ­Sicherheiten sind erforderlich?

Zientz: Er muss den Mikrofinanzpartner persönlich überzeugen. Dazu gehören vielleicht Basics wie ein Businessplan oder ein Finanzierungs­konzept, wichtiger ist aber die Ein­schätzung der Persönlichkeit. Als Sicherheiten kommen beispielsweise Bürgschaften aus dem Verwandschafts- oder Freundschaftskreis in Betracht, aber auch Kunden oder Lieferanten, die von der Geschäftsidee überzeugt sind, können als Bürgen auftreten. Hier muss immer individuell abgewogen werden, was machbar und zumutbar ist, damit eine verantwortliche Kreditvergabe erfolgt. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass eine Stufenkreditvergabe sinnvoll sein kann, bei der nach und nach höhere Darlehen vergeben werden. Auch Ansparvarianten haben sich bewährt, bei denen der Kreditnehmer zunächst einmal einen festgelegten Betrag in Raten anspart, um dann das Doppelte oder Dreifache dieser Summe als Kredit zu erhalten.

In welcher Phase der Gründung werden Mikrokredite nachgefragt?
Jorberg: Wir haben festgestellt, dass es weniger die Existenzgründer sind, die Kapitalbedarf haben. Die Gründung selbst erfolgt oft aus eigenen Mitteln ohne Fremdkapital. In der Nachgründungsphase, wenn das Geschäft anläuft, besteht aber oft Finanzierungsbedarf.

Was geschieht, wenn die 100 Millionen Euro aus dem Mikrokreditfonds vergeben sind?
Jorberg: In diesem Jahr wollen wir rund 900 Kredite vermitteln, bis 2015 sollen es 15.000 werden. Wir sind aber überzeugt, dass es einen dauerhaften Bedarf für Mikrofinanzierungen in Deutschland gibt. Der Fonds muss sich daher langfristig wirtschaftlich selbst tragen. Mikrokredite sollen ein Teil der Finanzierungskultur in Deutschland werden, wie es auch in anderen westeuropäischen Ländern wie etwa Großbritannien oder Frankreich bereits der Fall ist.

Interview: Hanno Bender

Dieses Interview erschien in der März-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel. Klicken Sie hier um ein kostenloses Probeexemplar anzufordern.