Die Redaktion von Der Handel sprach mit Günter Althaus, Vorstandschef der anwr-Verbundgruppe und Geschäftsführer der DZB Bank, über die aktuelle Finanzierungssituation für Händler.

Günter Althaus ist gestandener ­Banker und Händler zugleich. Im ­April dieses Jahres übernahm der 42-Jährige den Vorstandsvorsitz der Ariston-Nord-West-Ring-Verbundgruppe, der rund 2.500 Schuh- und Sporthändler angehören. Bereits 2003 trat Althaus in die Geschäftsführung der zur anwr-Gruppe ge­hörenden DZB Bank ein.

Zur diesjährigen Buchmesse erschien der Ratgeber „Die Eigenkapital-Lüge", in dem der gelernte Banker nützliches Hintergrundwissen zur Unternehmensfinanzierung vermittelt und Mittelständlern sieben handfeste Tipps zum Umgang mit der Bank an die Hand gibt.

Ihr Buch trägt den Titel „Die Eigenkapital-Lüge". Was ist damit gemeint?
In den Medien wird immer wieder behauptet, der Mittelstand in Deutschland habe eine zu geringe Eigenkapitalausstattung. Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen.

Aber auch Banken und Verbände bemängeln die unzulänglichen ­Eigenkapitalquoten bei kleinen und mittleren Unternehmen.
Die Frage ist doch, was man unter ­Eigenkapital versteht. Es ist schon recht schwierig, das Eigenkapital eines Unternehmens exakt zu bestimmen, weil dabei viele Bewertungs­fragen eine Rolle spielen. Was ist zum Beispiel der Warenbestand oder die Ladeneinrichtung wirklich wert? Eine Bank wird hier im Zweifel großzügige Sicherheitsabschläge machen.

Hinzu kommt aber ein ganz entscheidender Punkt: Das bilanzielle Eigenkapital ­allein liefert nur ein unvollständiges Bild. In aller Regel haften mittelständische Unternehmer auch mit ihrem Privatvermögen für die Bankverbindlichkeiten ihres Geschäftsbetriebs. Wenn man diese Vermögenswerte hinzurechnet und damit das gesamte haftende Eigenkapital zur Grundlage nimmt, dann steht der Mittelstand gar nicht so schlecht da.

Können Sie das mit Zahlen untermauern?
Wir haben die Daten von rund 500 Schuh-, Sport- und Spielwarenhändlern analysiert, das bilanzielle Eigenkapital betrachtet und dann Gesellschafterdarlehn und „harte Sicher­heiten" aus dem privaten Vermögen wie Grundschulden oder Lebensver­sicherungen hinzugerechnet. Im Schnitt verfügen die Unternehmen unabhängig von ihrer Rechtsform über ein bilanzielles Eigenkapital von 36 Prozent. Betrachtet man das gesamte haftende Vermögen, dann kommen wir im Durchschnitt auf eine Eigenkapitalquote von 61 Prozent.

Nun wissen auch die Banken um das tatsächliche Haftungspotenzial. Warum beklagen dennoch viele ­Unternehmen die restriktive Finanzierungspolitik oder sprechen von einer Kreditklemme?

Von einer Kreditklemme kann meines Erachtens nicht die Rede sein. Unternehmen mit guter Bonität erhalten derzeit exzellente Finanzierungskonditionen. Problematisch ist die Situation für mittlere und schwache Bonitäten. Aufgrund der Finanzkrise wollen viele Banken keine zusätzlichen Risiken mehr tragen und gehen bei der Kreditvergabe daher sehr selektiv vor.

Was können Händler tun, die dennoch eine Finanzierung in Anspruch nehmen wollen?
Für bonitätsschwache Unternehmen können die staatlichen Bürgschaften aus dem Konjunkturpaket eine Hilfe sein. Generell gilt für Finanzierungsverhandlungen, dass Transparenz das A und O ist. Der Unternehmer sollte für sich und seine Bank einen langfristigen Finanzierungsplan aufstellen und sich dafür gegebenenfalls auch professionelle Unterstützung holen.

Langfristige Planung, das heißt ...
... fünf Jahre. Viele Händler sagen zwar, „ich kenne ja nicht einmal die Umsätze der nächsten vier Wochen", aber darum geht es auch gar nicht. Ein Unternehmer muss die Frage ­beantworten können, wo er in fünf ­Jahren stehen will - die großen Linien sind wichtig. Wer beispielsweise eine Expansion finanzieren will, muss ­wissen, wie sich die Investition dauerhaft auf die Eigenkapitalquote und Liquidität auswirkt. Die meisten In­solvenzen im Mittelstand resultieren aus fehlender Liquidität.

Welche Fehler führen in diese Liquiditätsfalle?
Häufig werden bei Expansionen zum Beispiel die Anlaufschwierigkeiten unterschätzt. Die einkalkulierten Mehreinahmen lassen auf sich warten, und währenddessen fressen Zinsen und Tilgung die Liquidität des Unternehmens auf. Wenn dann die Kreditlinien überzogen werden hat dies negative Auswirkungen auf das Rating, das sich ohnehin aufgrund der neuen Eigenkapitalsituation verschlechtert hat. So kann, was als Investition in die Zukunft geplant war, schnell existenzbedrohlich werden.

Helfen denn die 40 Milliarden Euro, die der Staat mit den Konjunkturpaketen für Unternehmenskredite zur Verfügung stellt, nicht weiter?
Bislang sind davon erst rund 13 Milliarden Euro bei den Betrieben angekommen. Meines Erachtens gibt es bei den KfW-Programmen drei Kernprobleme: Der bürokratische Aufwand ist für die Unternehmen zu hoch, die Hausbanken haben zu wenig Interesse an der Durchleitung und auch bei den Förderkrediten wird nach Risiko - also Bonität - bepreist, was die Zinsen in die Höhe treibt.

Was sollte Ihrer Meinung nach geschehen, damit die Fördergelder auch bei den Unternehmen ankommen?
Gerade im Bereich der Mikrofinanzierung wäre es vielleicht sinnvoll, das Hausbankprinzip aufzugeben. Kleinere Kreditvolumina sollten unbürokratisch direkt bei der KfW beantragt werden können.

Interview: Hanno Bender

Dieses Interview erschien in der November-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel.