Gab es früher Kunden, die beim Lebensmitteleinkauf die Welt retten wollten, regiert heute Pragmatismus. Ethisch soll es sein, aber nicht ohne Qualität.

Ob Kaffee, Schokolade oder Blumen - längst stehen fair gehandelte Produkte nicht mehr nur in den Regalen von Weltläden. Supermärkte und Discounter werben mit Waren, die bessere Lebensumstände für Kleinbauern oder den Verzicht auf Kinderarbeit versprechen. Ethischen Konsum nennen Wissenschaftler und Experten das - und laut einer am Freitag veröffentlichten Trendstudie im Auftrag der Otto Group legen mehr als die Hälfte (56 Prozent) der Deutschen beim Einkaufen Wert auf diese Kriterien.

Nachhaltigkeit ist in Mode. Das beobachten auch Verbraucherschützer, Verbände und Organisationen. Dennoch: Im Kaufverhalten der Verbraucher spiegelt sich dieser Trend aus ihrer Sicht kaum wider. "Im Durchschnitt werden in Deutschland pro Jahr 6,20 Euro für fair gehandelte Produkte ausgegeben. Es ist eine Nische", sagt Claudia Brück vom Verein Transfair, der seit 1992 das Fairtrade-Siegel für Handel in Deutschland vergibt.

Häufig fänden Verbraucher die Produkte nicht oder der Preis sei ihnen zu hoch, so Brück. Nur zwei Prozent des verkauften Kaffees stammten beispielsweise aus fairem Handel. "Es gibt eine Lücke zwischen Aussagen und Handeln der Menschen", erklärt Jürgen Knirsch von Greenpeace.

Manche Käufergruppen sind nur schwer erreichbar

Wer doch zu fair gehandelten Produkten greift, gehört häufig einem kleinen Milieu an: "Bestimmte Teile der Gesellschaft sind dafür offen, andere Gruppen sind hingegen nur schwer erreichbar", berichtet Christoph Albuschkat vom Weltladen-Dachverband Deutschland. Die Kunden seien im Durchschnitt 30 bis 50 Jahre alt, einkommensstärker, meistens Frauen oder hätten Familie.

Während in der Anfangszeit häufig die Solidarität mit den Produzenten das Motiv für den Weg in den Weltladen war, ist den Verbrauchern heute Qualität wichtig, so Albuschkat. Der faire Handel sei quasi der Bonus. "Früher wollten Kunden die Welt retten - heute wollen sie ein gutes Produkt mit Mehrwert", hat auch Claudia Brück beobachtet. Da spielten emotionale Argumente wie Kinderarbeit, aber auch die Verbindung von "Fairtrade" mit Bio eine Rolle.

Bei dem Versuch, sich und anderen Gutes zu tun, sind besonders Produkte wie Bananen, Kaffee, Rosen und Kleidung gefragt. Die allerwenigsten sind im Bezug auf nachhaltigen Konsum jedoch sehr konsequent, weiß Christoph Albuschkat: "Ethischer Konsum ist ein breites Feld. Jeder sucht sich seine Nische und Produkte aus." So achte einer mehr auf Lebensmittel, der andere verzichte beispielsweise auf ein Auto.

Verkauf bei Discountern lässt Standards aufweichen

Dass fair gehandelte Produkte mittlerweile auch beim Discounter zu finden sind, wird von den Verbänden und Vereinen auch kritisch beobachtet. "Das ist eine zweischneidige Entwicklung", sagt Albuschkat. Auf der einen Seite sei es begrüßenswert, dass der Zugang zu den Waren leichter werde. "Der Übergang vom exotischen Nischenprodukt zum Massenmarkt bringt aber auch Probleme", erklärt Achim Valet vom Verbraucherschutz Hamburg. So würden zum Beispiel Standards aufgeweicht: Mischprodukte wie Kekse oder Säfte müssen seit 2011 nur noch zu 20 statt 50 Prozent aus fairen Produkten bestehen.

Es zähle, auch bei ethischen Produkten bewusst zu kaufen, betont Jürgen Knirsch. "Die Menschen fühlen sich gut, weil sie fair gehandelten Kaffee und Bio-Bananen konsumieren und fliegen dann mit gutem Gewissen am Wochenende nach Rom", so der Sprecher von Greenpeace. "Ethischer Konsum muss aber mit der Perspektive verbunden sein, weniger zu konsumieren - dann kann er auch erfolgreich sein."

Britta Kollenbroich, dpa