Die Redaktion von Der Handel sprach mit Thomas Krings, Vorstandsmitglied des Warenkreditversicherers Euler Hermes, über die Bedeutung des Lieferantenkredits und Risiken in der Handelsbranche.

Thomas Krings, Foto: Euler Hermes
Thomas Krings, Foto: Euler Hermes
Welche Erwartungen hat Euler Hermes an die konjunkturelle Entwicklung in diesem Jahr?
Auch 2013 wird ein schwieriges Jahr. Wir gehen von einer langsamen Entwicklung in der ersten Jahreshälfte aus, vielleicht stellt sich in der zweiten Jahreshälfte eine Erholung ein. In der Eurozone erwarten wir weiterhin rezessive Tendenzen - knapp unter einem Nullwachstum. Und auch für Deutschland gehen wir mit einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 0,8 Prozent nur von einem geringeren Zuwachs aus.

Was heißt das konkret für die Handelsbranche?
Der Einzelhandel in Deutschland erweist sich weiterhin als Fels in der Brandung. Das Konsumverhalten ist positiv und auch die jüngsten Ifo-Indikatoren sind gut. Wir rechnen insgesamt mit einem Umsatzplus von 1 Prozent. Aber auch für die Handelsbranche wird 2013 ein schwieriges Jahr.

Und welche Entwicklung erwarten Sie bei den Insolvenzzahlen?
Nachdem sich die Insolvenzen im Handel in den letzten drei Jahren jeweils im Schnitt um 5 Prozent reduziert haben, gehen wir für 2013 von einem stabilen Niveau aus. Wir rechnen also erneut mit gut 5.500 Pleiten. Damit ist der Handel nach dem Dienstleistungssektor die Branche mit den zweithöchsten Insolvenzzahlen.

Rechnen Sie nach Schlecker und Neckermann für 2013 mit weiteren Großpleiten im Handel?
Wir beobachten in der Tat, dass wir zunehmend Großpleiten zu verzeichnen haben - inwieweit sich dieser Trend fortsetzt, müssen wir sehen. Was wir aber jetzt schon feststellen ist, dass die Risiken insgesamt steigen. Wir bleiben wachsam. Denn auch wenn die Insolvenzzahlen in den vergangenen Jahren nicht zugenommen haben, sind die Schäden gestiegen.

Wird die Handelsbranche für die Warenkreditversicherer generell riskanter?
Durch den boomenden Onlinehandel befinden sich die Handelsunternehmen allesamt in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Trotz der Solidität des deutschen Marktes und der Handelsbranche insgesamt sehen wir, dass sich die Risiken erhöhen. Nicht alle Unternehmen sind auf die neue Schnelllebigkeit und diesen Wandel ausreichend vorbereitet.

Wie erkennt Euler Hermes, dass ein Unternehmen in eine Schieflage gerät?
Zum einen verfügen wir über einen immensen Pool an internen und externen Daten. Darüber hinaus haben wir im Markt vermutlich die höchste Anzahl von Analysten, die Eigeninformationen von Unternehmen recherchieren. Auf dieser Basis bewerten wir die aktuelle wirtschaftliche Situation, aber auch die Zukunftsperspektive von Unternehmen, um Kreditlimite und Risikoprämien festlegen zu können. Ganz wesentliche Indikatoren für Krisensituationen sind neben den Finanzdaten auch Veränderungen der Zahlungsgewohnheiten, die die Lieferanten als erste bemerken. Unstetes und volatiles Bestellverhalten ist ebenfalls ein Anzeichen für Schwierigkeiten im Unternehmen.

Welche Bedeutung hat der Lieferantenkredit im Handel?
Der Lieferantenkredit ist volkswirtschaftlich betrachtet wesentlich bedeutsamer als der Bankenkredit. Das gesamte Marktvolumen bewegt sich in Deutschland zwischen 370 und 400 Milliarden Euro, während die Bankkredite unter der 300-Milliarden-Euro-Marke liegen. Zwischen 20 und 25 Prozent unserer gesamten Engagements beziehen sich auf Lieferungen an Groß- und Einzelhändler. Das entspricht etwa 40 Milliarden Euro. Wir stellen fest, dass die Bedeutung der Lieferantenkredite in den letzten Monaten wieder zugenommen hat, weil die Zahlungsziele ausgedehnt werden - in Deutschland allerdings auf einem moderaten Niveau.

Welche weiteren Trends beobachten Sie in der Finanzierung von mittelständischen Unternehmen?
Die Unternehmen gehen aktiv auch an alternative Finanzierungsquellen heran und orientieren sich etwas weg von der klassischen Bankenfinanzierung - seien es Mittelstandsanleihen, Factoring oder Verbriefungen. Der Factoringmarkt etwa ist in den vergangenen Jahren im Schnitt um 20 Prozent gewachsen.

Aber der Verbriefungsmarkt gilt doch nach der Finanzkrise 2008/09 als tot?
Natürlich ist das derzeit kein großer Markt. Sie müssen aber bedenken, dass kein Investor in der Finanzkrise einen Schaden erlitten hat, der mit Asset-Backed-Securities zusammenhing. Das zeugt davon, dass ABS-Transaktionen ein geringes Risiko beinhalten und nach wie vor interessant sind. Der Verbriefungsmarkt kommt zurück, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Wie bewerten Sie den Markt für Mittelstandsanleihen, der auch der Rating-Tochter von Euler Hermes Neugeschäft beschert?
Für einige Unternehmen eröffnet eine Anleihe interessante Chancen, sich unabhängig von einer Bank zu finanzieren. Aber man muss individuell auf die Bedürfnisse des Unternehmens schauen, ob dieses Finanzierungsmittel geeignet ist. Dieser Markt wird sicherlich weiter wachsen, aber es ist kein Boom der Mittelstandsanleihen abzusehen. Die Banken fokussieren sich wieder stärker auf ihre mittelständischen Kunden und wollen auch wieder in den Wettbewerb einsteigen. Ein unabhängiges Rating ist dabei sehr vorteilhaft für die Unternehmen.

Interview: Hanno Bender


Zum Unternehmen
Die Euler Hermes Deutschland AG ist mit einem Marktanteil von rund 45 Prozent der Marktführer unter den Kreditversicherern in Deutschland und gehört wie auch ihre französische Mutter zur Allianz Gruppe. Zum Kerngeschäft gehören Warenkredit-versicherungen, die Lieferanten gegen die Insolvenz des Kunden absichern. In vielen Handelsunternehmen ist der Lieferantenkredit ein wichtiges Finanzierungsmittel.

Dieser Artikel ist in der März-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier.