Der neue Karstadtbesitzer Nicolas Berggruen wird in der Öffentlichkeit gefeiert. Doch Handelsexperten sagen voraus, dass seine Investitionssumme viel zu gering ist - und dass das dicke Ende für das Warenhaus noch kommt.

Man konnte es Ursula von der Leyen ansehen, wie sehr sie es genoss, an der Seite dieses gut aussehenden Mannes die Rettung von Karstadt zu feiern. Als Bundesarbeitsministerin hat man es schließlich nicht alle Tage mit einem Kosmopolit wie Nicolas Berggruen zu tun - dem Kunstsammler, Besitzer einer Reisfarm und neuerdings Retter von Karstadt.

Den Deutsch-Amerikaner umweht im Gegensatz zu vielen anderen Investoren eine popstarhafte Aura, er kommt als Gegenentwurf zu einer "Heuschrecke" daher. Nach seiner Karstadtübernahme schmiss er nicht öffentlich mit Begriffen wie Rendite, Synergieeffekte oder Benchmarks um sich, sondern sagte, "dass ich jetzt eine aufregende Zeit habe". Das klingt sexy und nach Abenteuer.

Und was ist hinter dem Glamour?

Einen wie Berggruen hätten die ehemaligen Mitarbeiter der zerschlagenen Kaufhauskette Hertie wohl auch gerne gehabt. Aber dort regierte die britische Investmentfirma Dawnay Day - und deren Leute sind im Prinzip alles Gegenentwürfe zu Berggruen.

Doch was steckt hinter dem Glamour von Berggruen, der aus Karstadt "eine junge Dame" machen will? 70 Millionen Euro für Investitionen hat er dafür vorgesehen. Und in der Branche gibt es es viele Experten, die diesen Betrag für einen Witz halten.

Der ehemalige Karstadt Geschäftsführer Peter Wolf beziffert im "Handelsblatt" die notwendige Investitionssumme auf 400 Millionen Euro. Der Unternehmensberater Ulrich Eggert (früher bei der BBE Handelsberatung) hält sogar die doppelte Summe für angemessen.

Bestände aus D-Mark-Zeiten

Das Geld ist aber knapp. Und Zeit hat Berggruen eigentlich auch nicht. Und womit will er seine "junge Dame" ankleiden, wenn in deren Schrank noch Kleider aus der alten Karstadt-Zeit hängen?

Die Läger sind voll mit Beständen, die bestens dokumentieren, wie bisher bei Karstadt Ware eingekauft wurde: Nach Informationen von derhandel.de gab es hier keine erkennbare Saisonplanung, es mangelte an klar definierten Zielgruppen, Preisgruppen und Sortimenten. Einen Kreativpool, der Trends nachging oder bestenfalls eigene setzte, hatte Karstadt ebenfalls nicht.

Dafür stapelten sich vor gut zwei Jahren noch in den Lagern Waren aus D-Mark-Zeiten, wie ein ehemaliger Karstadt-Manager zu derhandel.de sagte.

"Das dicke Ende kommt erst noch"

Für Professor Jörg Funder sind die anvisierten 70 Millionen Euro von Berggruen allenfalls eine Finanzspritze für Karstadt, um einen Zeitraum von zwei, drei Jahren zu überbrücken, "um dann die richtige Restrukturierung anzugehen".

Der Hochschullehrer vom Institut für Internationales Handelsmanagement an der Fachhochschule Worms ist fest davon überzeugt, dass die Karstadthäuser in kleinen Städten wie Memmingen, Gummersbach und Landshut in einem großen Warenhauskonzern nicht dauerhaft zu halten sind.

"Ich schätze Berggruen als rational agierenden Investor ein. Aus dem Grunde wird er das sehr genau wissen. Die Dummen werden am Ende die Beschäftigten und die Gewerkschaft sein", urteilte Funder.

Funder arbeitete von 2006 bis 2008 im Arcandorkonzern und war dort Leiter der Neustrukturierung beim Versender Neckermann.

Es wird aufregend

In drei Jahren läuft der Sanierungstarifvertrag aus, in dem die Gewerkschaft Verdi mit dem Insolvenzverwalter ausgehandelt hatte, dass die Mitarbeiter einen Beitrag von 150 Millionen Euro zu Rettung des Unternehmens leisten (Verzicht auf Teile von Urlaub- und Weihnachtsgeld) - und dafür für diesen Zeitraum Beschäftigungsgarantie erhalten.

Wie sein Lörracher Kollege Jochen Strähle betont auch Funder, dass Karstadt mit den alten Strukturen, zu denen auch das Personal gehört, nicht erneuerungsfähig sei. Deswegen hält der Hochschullehrer beispielsweise eine Rückkehr von Peter Wolf als Unternehmenschef für ungeeignet.

"Karstadt braucht jetzt einen Mann aus dem Handel, der nicht unbedingt Warenhauskenntnisse mitbringen muss. Was er aber braucht ist Turn-around-Erfahrung und eine gute Managementausbildung", betont Funder.

Dass Berggruen diesbezüglich bereits mit Personalberatungen Kontakt aufgenommen habe, ist für Funder klar. Sicher ist auch, dass der Neue auf der Schlüsselposition vor allem eines zu tun hat - ein schwerfälliges, veränderungsresistentes Unternehmen in eine neue Zeit führen. Aufregend wird diese Zeit allemal.