Früher gab es Menschen, die sich genierten, mit Fairtrade in Zusammenhang gebracht zu werden. Heute gilt das Siegel als sexy Marke. Der Handel mit Produkten aus fairer Herstellung boomt - und ist trotzdem nur ein Nischenbereich.

So ändern sich die Zeiten. Als Renate Künast Anfang des neuen Jahrtausends erstmals über Nahrungsmittelmesse Anuga ging und den Stand von Fairtrade aufsuchen wollte, da gab es Verbändevertreter, die Scheu hatten, sich öffentlich in die Nähe des Fairtrade-Logos zu begeben. Fairtrade war vor acht Jahren noch nicht sexy.

Heute dagegen brüsten sich laut Künast dieselben Personen damit, schon immer für fairen Handel und Nachhaltigkeit eingetreten zu sein, wenn Fotos vom besagten Messetermin auftauchen. Fairtrade ist heute sexy.

Drei Krisen - eine Ursache

Für Renate Künast war der Auftritt bei der 3. Internationalen Fairtrade-Conference am Mittwoch in Berlin ein Heimspiel. Für die frühere Ministerin und heutige Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen sind nachhaltige Produktion und Handel nicht nur von Lebensmitteln Herzenssache und probates Mittel gegen die drei großen Weltkrisen:

Eine Milliarde Menschen weltweit hungern, immer mehr Agrarland wird zudem wegen des Klimaawandels für Landwirtschaft unbrauchbar werden und letztlich ist für die Grünen-Politikern die Weltwirtschaftskrise noch lange nicht ausgestanden. "Unsere Art des Wirtschaftens stößt an ihre Grenzen", mahnt Künast.

Die Produktion von Lebensmitteln dürfe nicht weiter auf Kosten anderer Menschen betrieben werden. Faire Produkte würden deshalb in Zukunft eine neue Leitindustrie markieren, sagt die Politikerin vorher. Denn der Verbraucher wolle nicht nur gesünder leben, sondern auch wissen, wo und wie die Produkte hergestellt werden und wie diese den Klimawandel beeinflussen. 14 Prozent der Treibhausgase seien von der industrialisierten Landwirtschaft verursacht, mahnt die ehemalige Ministerin.

Fairer Kaffee geht vor

Gemessen an den Zahlen ist der deutsche Verbraucher seit Jahren auf einem guten Weg - wenngleich er freilich immer noch mit kleinen Schritten vorangeht. Im Jahr 2009 stieg der Absatz von Produkten mit dem Fairtrade-Siegel zum sechsten Mal in Folge, diesmal gar um 26 Prozent. Das macht einen Wert von 267 Millionen Euro - im Vergleich zum gesamten Umsatz im Lebensmitteleinzelhandel ist das ein Anteil im niedrig einstelligen Prozentbereich.

Besonders beliebt war beim deutschen Konsumenten wie immer fair gehandelter Kaffee, hier wurden 2009 5.620.000 Kilogramm abgesetzt. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 13 Prozent. Eine regelrechte Explosion gab es allerdings bei Textilien. Der bisherige Nischenbereich wuchs um sagenhafte 141 Prozent auf 2.034.000 abgesetzte Stück. Ebenso wuchs der Absatz mit Blumen aus fairer Produktion - um 40 Prozent auf 65.300.000 verkaufte Stiele.

"Wir brauchen die Big Player"

„Fairtrade ist heute in der Lage, den Absatz von hohen Volumen zu organisieren", sagt Dieter Overath, der 1992 die Zertifizierungsorganisation TransFair gegründet hat und heute die Geschäfte des gemeinnützigen Vereins führt.

In etwa 30.000 Geschäften werden heute in Deutschland Produkte mit dem Fairtrade-Siegel verkauft, Produkte, deren Erzeuger in der Dritten Welt eine Existenzgrundlage sichern, die nicht in Kinderarbeit, aber oft auch nach biologischen Gesichtspunkten hergestellt werden.

Am Ziel seiner Arbeit fühlt sich Overath noch lange nicht. "Wir brauchen die Big Player, um die weltweite Armut zu bekämpfen", mahnt er in Richtung der großen Handelsketten. Seine Gleichung: Je mehr Unternehmen faire Produkte in ihre Regale stellen, umso mehr werden dadurch die Lebensbedingungen in der Dritten Welt verbessert. Renate Künast sagt: "Der Handel ist ein Teil der Lösung, nicht des Problems."

Spar in Österreich kommt dieser Aufforderung schon lange nach. 200 Fairtrade-Produkte gibt es im Sortiment des Händlers. 10 Prozent dieser Produkte sind Eigenmarken, mit denen rund 90 Prozent des gesamten Faitrade-Umsatzes erzielt werde, sagt Carmen Wieser, bei Spar Managerin für Corporate Social Responsibility (CSR).

Stabile Preise

Die österreichischen Verbraucher sollen mit regelmäßigen Verkostungen für diese Produkte begeistert werden, Nachhaltigkeit steht sogar im Lehrplan für die eigenen Auszubildenden. "Fairtrade darf keine Alibigeschichte sein", sagt CSR-Managerin Wieser.

Ein umfassendes Fairtrade-Konzept verfolgt auch der Hersteller der britischen Eiscreme-Marke Ben&Jerry's, der mittlerweile zu Unilever gehört. Seit 2006 stammen die Zutaten der gefrorenen Süßspeise größtenteils aus fairer Produktion. Bemerkenswert ist, dass Ben&Jerry's trotzdem die Preise stabil gehalten hat, wie Managerin Philippa Marshall betont.

Auch Wal Mart, weltgrößter Einzelhändler, hat das Thema Nachhaltigkeit entdeckt, was in Unternehmen in den Vereinigten Staaten nicht eben an erster Stelle steht. Der Händler verschickte jüngst an 60.000 seiner wichtigsten Lieferanten Fragebögen, um deren Beiträge zum Treibhauseffekt zu erforschen.

Nach Auswertung werden die Firmen künftig bevorzugt, je positiver deren Klimabilanz ausfällt. Unterstützt wird Wal Mart dabei von dem Beratungsunternehmen McKinsey, das für den US-Händler in einer Studie ermittelte, dass in 15 bis 20 Jahren die Kosten für nachhaltige Lebensmittelproduktion geringer sind als für industrielle Herstellung mit überdüngten Böden und vielem mehr.