Die Filmemacherin Vera Zimmermann hat mit "Shopping Tour" eine konsumkritische Satire im Supermarkt gedreht. Mit derhandel.de sprach sie über Moral und schlechtes Gewissen beim Einkaufen.

Sie haben den Kurzfilm "Shopping Tour" im Rahmen Ihrer Masterarbeit zusammen mit Alexander Meier geschrieben und umgesetzt. Wie kam die Idee für den Film zustande?
Wenn ich einkaufen gehe, stehe ich fast immer vor dem Dilemma: Was mir schmeckt, macht dick oder ist nicht gesund, oder ich werde von meinem Freund ermahnt, dass das Produkt aus Australien oder sonstwoher kommt und ich solle doch hier angebaute Produkte kaufen... da ist Natriumglutamat drin und hier Weichmacher... und, und, und...

Bestimmt kennen viele das Gefühl, den eigenen Ansprüchen, korrekt und
hochwertig einzukaufen, nicht gerecht werden zu können. Nicht immer ist das
nur eine Frage des Geldes. Und so dachte ich, muss man doch endlich mal einen
Film darüber machen, der dieses Dilemma zum Thema hat - am besten als
Satire.

Eine Satire über Lebensmittel. Wovon handelt "Shopping Tour"?
Linda möchte nur kurz das Nötigste im Supermarkt besorgen. Doch eine nervtötende Ansagestimme zählt die Nachteile der Waren auf: Schokolade macht fett, Alkohol süchtig, und für den Transport des Obstes wurden Tonnen an CO2 in die Luft geblasen. Gibt es das einwandfreie Produkt? Nur mit diesem kann Linda wieder aus dem Horror-Supermarkt entkommen.

Klingt beängstigend. Was ist die Kernaussage des Films?
Es geht um die Zweifel und Nöte, die Menschen beim Einkaufen umtreiben. Der moralische Supermarkt zeigt plakativ die Schwierigkeit, beim Einkaufen korrekt zu bleiben.

Wie kamen Sie auf den Namen "Shopping Tour?"
Eigentlich sollte der Film "Shopping Tortur" heißen, aber das hätte zu viel verraten. Unter einer "Shopping Tour" versteht man eigentlich Spaß am Bummeln, Einkaufen, sich etwas gönnen. Der Film aber handelt gerade vom Gegenteil.

Die Protagonisten des Films -  Maja Beckmann und Jan Sosniok - sind in der Fernsehwelt  nicht unbekannt. Wie ist es Ihnen gelungen die beiden Schauspieler für "Shopping Tour" zu gewinnen?
Wir haben ein Exposé an Agenturen gesendet, nachdem wir uns unsere
Wunschdarsteller dort ausgeschaut hatten. Maja Beckmann und Jan Sosniok,
unsere Traumkandidaten, haben zum Glück angebissen und uns nach persönlichen Gesprächen zugesagt. Ein Glück für den Film.                                                                            
Eine hochkarätige Besetzung. Was war Ihr interessantestes Erlebnis während des Drehs?

Als wir die "Gefangennahme" von Jan Sosniok gedreht haben, bei der zwei gut durchtrainierte "Securitybeamte" ihn mit Protestgeschrei durch den halben Laden gezerrt haben, hat sich eine ältere Dame heftig erschrocken. Sie wollte fluchtartig das Geschäft verlassen. Doch wir konnten sie noch rechtzeitig aufklären.

Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen. Wie viel Geld haben Sie in "Shopping Tour" gesteckt?
Wir hatten die Nachwuchsmedienförderung Rheinland-Pfalz als Sponsor. Leider ist das für einen Kurzfilm nicht ausreichend - denn mit 3.000 Euro kann man gerade die Materialkosten für Film und Licht finanzieren, wenn das überhaupt reicht. Zum Glück konnten wir viele Mitstreiter für das Projekt begeistern, die uns ihre Arbeitskraft quasi umsonst zur Verfügung gestellt haben. Auch hatten wir Unterstützung von der Acht Frankfurt bei der Postproduktion.

Foto: Vera Zimmermann
Foto: Vera Zimmermann
Wie viel Zeit nahmen die Dreharbeiten in Anspruch?
Wir haben vier Tage im Supermarkt gedreht und einen außen. Aber bis der Film endgültig fertig war, hat es noch mal eine ganze Zeit gedauert, da ich erst mal meine Tochter Helen auf die Welt gebracht habe und Alex in Projekten eingebunden war, so dass wir den Schnitt erst ein halbes Jahr später beginnen konnten. Ein Jahr nach Dreh war der Film dann erst komplett fertiggestellt. Gut Ding will Weile haben. Damit haben wir uns immer beruhigt.

Was möchten Sie mit dem Film bei den Zuschauern bewirken?
Zunächst wollen wir natürlich auf die Schwierigkeiten beim korrekten Einkaufen aufmerksam machen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Humor. Viele Produkte haben Vor- und Nachteile, die oftmals nicht offensichtlich sind, die man auch gerne mal vergisst oder verdrängt. Oder mangels Information wiegt man sich auf der sicheren Seite. Vielleicht nimmt man den Film mit auf seine nächste Shopping Tour und macht sich ein Stück bewusster, was hinter den Produkten steht. Aber wir wollen den Konsumenten auch nicht den Spaß am Einkaufen verderben.

Lesen Sie hier: Studie - was Supermarkt-Kunden frustriert.

Hat sich ihr eigenes Einkaufsverhalten nach dem Dreh geändert?

Ja, das schlechte Gewissen ist auf jeden Fall größer geworden. Aber auch meine Verdrängungsmechanismen arbeiten hervorragend.

Gibt es schon Pläne für den nächsten Film?
Sowohl Alexander Meier als auch ich planen einen Langfilm. Ich schreibe gerade an einem Exposé. Vielleicht findet sich ja ein interessierter Produzent bzw. ein Sender, mit dem ich es verwirklichen kann.

Interview: Annette Sandhop

"Shopping Tour" ist das zweite Filmprojekt, dass Vera Zimmermann gemeinsam 
mit Alexander Meier umsetzte. Der Film wurde 2011 mit dem Publikumspreis beim Kinofest Lünen ausgezeichnet und lief im Rahmenprogramm der Berlinale.