Für Eva-Lotta Sjöstedt gibt es nur Lob für ihre Arbeit als neue Karstadt-Chefin. Doch die Lage des Warenhauskonzerns bleibt schlecht. Experten sagen daher Filialschließungen vorher.

Krisenmanagerin, Motivationstrainerin und Sparkommissarin: All das muss die neue Chefin der angeschlagenen Warenhauskette Karstadt, Eva-Lotta Sjöstedt, zurzeit sein. Seit knapp 100 Tagen versucht die Schwedin, das deutsche Traditionsunternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Es ist der wohl schwierigste Job, der im deutschen Einzelhandel im Augenblick zu vergeben ist. Denn viel Zeit bleibt ihr dafür nicht.

Seit die ehemalige Ikea-Managerin am 24. Februar offiziell das Ruder in Essen übernommen hat, weht ein frischer Wind im Konzern. Die 1966 geborene Schwedin ist ganz anders als ihr eher steifer Vorgänger Andrew Jennings. "Sie ist sehr natürlich, geht auf die Menschen zu und kommt bei den Mitarbeitern gut an. Das macht sie wunderbar", berichtet der Karstadt-Betriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt und fügt dann noch hinzu. "Sie hat das Vertrauen der Mitarbeiter, und das ist wichtig in schwierigen Zeiten."

Lokales Denken

Schon vor ihrem offiziellen Amtsantritt hatte Sjöstedt in 47 Filialen selbst an der Kasse gestanden, mit den Mitarbeitern gesprochen und Kunden bedient, um sich aus erster Hand ein Bild von der Lage im Konzern zu machen. Ihre ersten Sofortmaßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit beruhten ganz wesentlich auf den damals gemachten Erfahrungen, schrieb sie kürzlich in einem Brief an die Mitarbeiter.

Systematisch versucht die Managerin außerdem, das Wissen der Beschäftigten über die Kunden und ihre speziellen Bedürfnisse für den Konzern nutzbar zu machen. Denn stärker als bisher sollen sich die Filialen künftig lokale Gegebenheiten anpassen.

Sanfte Maßnahmen, rote Zahlen

Doch stellt sich die Frage, ob diese vergleichsweise sanften Maßnahmen auf Dauer ausreichen, um das Steuer beim Essener Konzern herumzureißen. Nach Informationen des "Handelsblatts" ging der Umsatz in den Karstadt-Warenhäusern in den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres erneut deutlich zurück. Gleichzeitig schrieb das Unternehmen unverändert rote Zahlen.

Das ist Sjöstedt kaum anzulasten. Schließlich lässt sich ein Warenhauskonzern nicht im Handumdrehen ummodeln. Doch es verringert ganz sicher auch nicht den Druck, unter dem die Managerin steht. Die Zeit drängt. Karstadt-Aufsichtsratschef Stephan Fanderl hat dem neuen Führungsteam rund um Sjöstedt in einem Interview kurz vor deren Amtsantritt aufgegeben: In nur zwei bei drei Monaten müsse der Plan für die Neuausrichtung der Filialen stehen. Alle 83 Warenhäuser müssten auf den Prüfstand gestellt werden, forderte er damals und schloss auch Filialschließungen nicht aus.

Zu viele Filialen?

Das sorgte für Unruhe in der Belegschaft und Sjöstedt bemühte sich danach erst einmal, die Ängste der Mitarbeiter zu dämpfen. Es gehe dem Management nicht um Schließungen, "sondern darum Karstadt als Ganzes profitabel zu machen", sagte sie.

Doch stellt sich die Frage, ob Karstadt wirklich ohne harte Einschnitte zu sanieren ist. Der Handelsexperte Gerd Hessert glaubt das nicht. Der Lehrbeauftragte für Handelsmanagement an der Universität Leipzig war früher Karstadt-Manager und ist heute im Immobiliengeschäft tätig, aber nach eigenen Angaben nicht geschäftlich mit Karstadt befasst. Er ist überzeugt: "Man muss sich von Teilen der schlecht laufenden Warenhäuser trennen. Auch Frau Sjöstedt wird darum nicht herumkommen." Von den derzeit noch 83 Karstadt-Warenhäusern seien angesichts der harten Konkurrenz auf dem deutschen Markt wohl auf Dauer nur rund die Hälfte überlebensfähig.

H&M, Primark - und Zalando: Es wird schwer für Karstadt

Auch nach Einschätzung des Handelsexperten Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg steht die Handelskette "massiv unter Druck". Im höherwertigen Segment machten Konkurrenten wie P&C oder Breuninger dem Warenhaus die Kunden streitig, im Billigsegment H&M, Zara und Primark. Außerdem machten dem Warenhaus die Erfolge der Internethändler wie Zalando und die wachsende Zahl der Markenstores von Esprit, s.Oliver und Co. zu schaffen. Die Zukunft der Warenhauskette scheint auch ihm deshalb ungewiss. "Frau Sjöstedt sollte den Fallschirm griffbereit halten", sagt er.

Betriebsratschef Patzelt sieht die Herausforderungen. Dennoch zeigt er sich optimistisch. "Ich gehöre nicht zu denen, die den Kopf hängen lassen", sagt er. Es sei ganz natürlich, dass Sjöstedts Strategiewechsel nicht von heute auf morgen Ergebnisse zeige, meint er. "Wenn sie das alles ruckzuck erledigen könnte, müssten wir sie mit Gold aufwiegen."

Erich Reimann, dpa