Rabatte bis zu 70 Prozent sind kein gutes Zeichen - denn dann werden Händler die Ware nicht los. Das erleben gerade die Textiliten. Die Konsumenten kaufen weniger, zudem hat die Branche ein Grundsatzproblem.

"Sale", "Bis zu 70 Prozent reduziert", "Schlussverkauf": Wer in diesen Tagen in die Innenstädte geht, wird geradezu erschlagen von den roten und neon-orangenen Rabattversprechen, mit denen der Handel die Kunden in die Textilgeschäfte locken will. Viele Händler stehen unter Druck. Denn das Geschäftsjahr 2014 sorgte bei zahlreichen Boutiquen und Fachgeschäften für lange Gesichter.

Als erster große Textilhändler berichtete am Donnerstag Karstadt von einem enttäuschenden Weihnachtsgeschäft mit Umsatzrückgängen von sechs Prozent. Doch die angeschlagene Warenhauskette ist nicht das einzige Unternehmen, das unter mangelnder Kauflust der Konsumenten - speziell bei Textilien - leidet. Die Fachzeitschrift "Textilwirtschaft" (dfv-Mediengruppe) malt die Situation der gesamten Branche in düsteren Farben.

Die Wintersachen stapeln sich in den Geschäften

Die Umsätze seien 2014 zum dritten Mal in Folge geschrumpft, berichtet das Fachblatt unter Berufung auf seine wöchentlichen Umfragen unter Modeanbietern. Die Herbstsaison sei "eine der schlechtesten seit langem" gewesen. Auch der Bundesverband des Textileinzelhandels (BTE) urteilt: "Es war kein gutes Jahr". Das viel zu warme Wetter der vergangenen Monate habe dazu geführt, dass sich in vielen Geschäften nach wie vor warme Wintersachen stapelten.

Für den Modeexperten Bernd Lochschmidt von der GfK ist das Wetter allerdings nur einer der Gründe für die Kaufzurückhaltung. Wesentlich ist für den Nürnberger Konsumforscher auch ein zweiter Punkt: "Der modische Impuls fehlt". Er gibt gleich ein Beispiel. Seit fünf Jahren hingen jetzt in jedem Winter Daunenjacken in den Geschäften. "Es gibt sie natürlich in allen möglichen Varianten. Aber es sind immer wieder Daunenjacken. Es kommt nichts Neues."

Ein neues iPhone ist wichtiger als eine schicke Hose

Auch Experte Peter Frank von der Handelsberatung BBE ist überzeugt, dass die Branche ein viel grundsätzlicheres Problem hat als die Wetterkapriolen. "Bekleidung hat an Stellenwert verloren", meint er. Wer heute seinen Status demonstrieren wolle, investiere sein Geld lieber in ein neues iPhone als in teuere Garderobe. Der schleichende Bedeutungsverlust zehre seit Jahren an den Umsätzen der Branche.

GfK-Experte Lochschmidt sieht in den Verkaufszahlen deutliche Belege für den Bedeutungsverlust. Heute werde in Deutschland ungefähr so viel Kleidung gekauft wie 1970, sagt er - fügt jedoch hinzu: "Aber damals war Ostdeutschland in den Zahlen noch nicht enthalten.»

Unter der Kaufzurückhaltung leidet vor allem der mittelständische Fachhandel, Boutiquen und Fachgeschäfte. Die großen Filialisten wie H&M oder Primark, die alles vom Design bis zum Verkauf selbst machen, wachsen dagegen nach wie vor durch immer neue Geschäftseröffnungen. Auch der Onlinehandel setzt seinen Siegeszug bislang fort - wenn auch vielleicht etwas langsamer als früher.

Besser wirds nicht

Ob 2015 ein besseres Jahr für den Textilhandel wird, ist ungewiss. Die GfK kommt in einer aktuellen Umfrage im Auftrag der "Textilwirtschaft" zum Ergebnis, dass in diesem Jahr ein Drittel der Verbraucher mehr Geld für Mode ausgeben will. So viele waren es noch nie seit Beginn der Erhebung vor 15 Jahren. Doch die Sache hat einen Haken: Ein noch größerer Teil - nämlich 36 Prozent - gab an, bei den Ausgaben für Kleider, Hosen und Mäntel sparen zu wollen.

Handelsexperte Frank glaubt jedenfalls nicht an eine Trendwende im schwierigen Geschäft mit der Mode. "Ich erwarte 2015 keine große Besserung. Denn die Rahmenbedingungen werden sich nicht verändern."