Die Chancen für Nicolas Berggruen, den Zuschlag für Karstadt zu erhalten, schwinden täglich. Das Highstreet-Konsortium erweist sich als zäher Verhandlungspartner. Die Gewerkschaft Verdi versucht nun, die Banken unter Druck zu setzen.

Noch vor zwei Monaten war Nicolas Berggruen der gefeierte Retter. Am Abend des 7. Juni bekam der deutsch-amerikanische Investor in Essen vom Gläubigerausschuss den Zuschlag für den Kauf von Karstadt. Er versprach, viel Gutes zu tun für das insolvente Warenhaus - und er wollte alle 120 Standorte und sämtliche der 25.000 Jobs retten.

Mittlerweile ist Berggruens Lage fast aussichtslos. Gutes will er gewiss immer noch tun, die Frage ist aber, ob er noch dazu kommt. Denn die Gültigkeit des Kaufvertrages hängt von einem entscheidenden Punkt ab: der Einigung um die Höhe der Mieten. Und hier beißt sich Berggruen die Zähne am Vermieterkonsortium Highstreet aus.

Verdi verhandelt mit den Banken

Dass der Eigner von 86 Karstadt-Immombilien gestern die Offerte Berggruens, vor Ablauf der Einigungsfrist am 2. September die Mietverträge zu unterschreiben, ausschlug, lässt eines vermuten: Highstreet will keine Einigung im Sinne von Berggruen. Zwei Tage später nach der von Berggruen erhofften Einigung hätten dann am Donnerstag die Highstreet-Gläubiger ihr Einverständnis für die Vereinbarungen geben können.

Eine Unterzeichnung der Verträge unter dem Vorbehalt einer späteren Gläubiger-Zustimmung wäre aber nicht möglich gewesen, begründete Highstreet die Absage des vom Investor gewünschten Treffens in Düsseldorf.

Bis zum Freitag kommender Woche (3. September) muss der Berggruen ein Ergebnis erzielen, sonst kann das Essener Amtsgericht den Insolvenzplan nicht in Kraft setzen. Der 2. September könnte damit zum Schicksalstag für Karstadt werden. Falls die Highstreet-Gläubiger bei ihrer Sitzung ab dem späten Vormittag in London den Vereinbarungen zustimmen, müssten anschließend bis Mitternacht auch noch die Mietverträge zwischen Berggruen und Highstreet unterzeichnet werden. "Das wird sehr eng", sagt ein Beobachter.

Auch bei Verdi ist mittlerweile Nervosität auszumachen. Für die Gewerkschaft ist Berggruen nach wie vor der Wunschkäufer für Karstadt, "und wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass nicht alles auf den letzten Metern scheitert", sagte Sprecherin Cornelia Haß zu derhandel.de

Verdi versucht bei zwei der Banken, die wesentliche Anteile an Highstreet halten, Druck aufzubauen. Goldman Sachs sowie die Deutsche Bank sind jeweils über eigene Immobilienfonds an dem Vermieterkonsortium beteiligt.

Borletti hat Fürsprecher - bei den Banken

Die Gewerkschaft will den Geldinstituten klar machen, dass bei einer Zerschlagung des Warenhausunternehmens nicht nur 25.000 Jobs bei Karstadt, sondern auch rund 30.000 Stellen in Zulieferbetrieben vernichtet werden. "Keine Bank in Deutschland kann es sich leisten, für den Verlust einer solchen Menge an Arbeitsplätzen mitverantwortlich zu sein", glaubt Sprecherin Haß. Zum Stand der Gespräche mit den Banken wollte sie aber keine genaueren Angaben machen.

Verdi dürfte es aber schwer haben, sich durchzusetzen. Vor einigen Tagen soll sich ein Direktor des Deutsche-Bank-Fonds DB Rreef bei Karstadt-Insolvenzverwalter Klaus Huberg Görg für Berggruens großen Gegenspieler ausgesprochen haben. Seit wenigen Wochen bietet auch Maurizio Borletti für Karstadt. Dem Italiener gehören zwei Prozent an Highstreet. Allerdings hat Görg stets betont, dass er nur Berggruen als den potenziellen Käufer von Karstadt sieht.

"Totgesagte leben länger

Doch auch Görg gerät immer mehr unter Zeitdruck. Sein Insolvenzplan sieht für den kompletten Abschluss des komplizierten Verfahrens eine Frist bis zum 30. September vor. Nur mit dem Segen des Essener Amtsgerichts für den Insolvenzplan in den ersten September-Tagen kann dieser Termin noch eingehalten werden.

Fast noch bedeutsamer erscheinen wirtschaftliche Zwänge im täglichen Geschäft. Im Laufe des Septembers müsste die Frühjahrskollektion geordert werden, damit die Karstadt-Kunden nicht im kommenden Jahr vor leeren Regalen stehen.

In diesen Tagen sind die Karstadt-Einkäufer von ihren Dienstreisen zu den wichtigen Lieferanten in Asien zurückgekehrt. Berichte über in Lieferantenkreisen aufkommende Zweifel an der Karstadt-Rettung wurden von dem Sprecher des Insolvenzverwalters zurückgewiesen.

Vielleicht macht ja allen, die für Karstadt kämpfen, eine Studie der Kölner Handelsexperten von IBH Retail Consultants Hoffnung. Denn die Wissenschaftler geben der Warenhausbranche gute Überlebenschancen. "Totgesagte leben länger", lautet der Titel der Studie.

Steffen Gerth (mit Material von dpa)