Schlechtes Image, zu niedrige Umsätze pro Filiale, starke Wettbewerber: Für Handelsexperten ist es um die Zukunft von Schlecker schlecht bestellt. Ob es gelingt, das Unternehmen als Ganzes zu retten, bleibt fraglich.

Im Süden des Darmstädter Stadtteils Eberstadt ist Schlecker noch konkurrenzlos. Aber was heißt das hier schon in einem Wohnviertel, das Darmstadt als "Süd 3" kennt und das als Hochhausquartier den wenig anheimelnden Titel "sozialer Brennpunkt" trägt.

Die Schlecker-Filiale residiert hier in einem kleinen Ladenzentrum in brachialer Betonarchitektur der siebziger Jahre. Wer hier einkauft macht das oft nur, weil er kein Auto hat, um woanders hinzufahren, wo alles schöner ist.

Das Erstaunliche: Trotz des großen Einzugsgebiets von Eberstadt-Süd mit mehreren tausend Einwohnern, trotz der fehlenden Konkurrenz - in der Schlecker-Filiale im Ladenzentrum muss man nie Schlange stehen.

Warum sollte man hier einkaufen? Das Allerweltssortiment gibt es auch nebenan bei Edeka oder Aldi. Dramatisch billiger ist es hier auch nicht. Und vom Begriff Wareninszenierung dürfte hier noch niemand etwas gehört haben.

Unter dem Niveau der Wettbewerber

"Schlecker ist überall deutlich unter dem Niveau der Wettbewerber: beim Standort, beim Sortiment, Personal, äußeres und inneres Erscheinungsbild und nicht einmal mehr beim Preis", sagt Joachim Stumpf, Geschäftsführer der Handelsberatung BBE München zu derhandel.de

Diese Fülle an Nachteilen erschwert beispielsweise die Suche nach einem Investor, der ein ganzes Unternehmen, das zudem einen miserablen Ruf in der Öffentlichkeit hat, umkrempeln muss.

"Ich weiß nicht, wer jetzt das strategische Interesse haben soll, hier einzusteigen, außer, dass er an einigen wenigen guten Standorten interessiert sein könnte", schätzt Stumpf ein. Seine Prognose für die schwäbische Drogeriekette? "Extrem düster."

"Ein Unternehmen ist nicht über Nacht zu sanieren", gibt auch der Geschäftsführer des EHI Retail Institute, Michael Gerling, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa zu bedenken. Der erste Schritt müsse sein, Filialen mit roten Zahlen zu schließen. 

Mitarbeiter haben "kleine Ruhephase"

Für die Zehntausenden Schlecker-Beschäftigten ist das auf lange Sicht keine gute Nachricht. Das die Jobs kurzfristig sicher sind, ist da nur ein schwacher Trost.

Denn zunächst habe sich die Drogeriekette mit dem Weg zum Insolvenzgericht Luft für eine Verschnaufpause verschafft, sagte der Vorsitzende des Verbandes der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID), Christoph Niering, der dpa in Stuttgart. "Der Antrag zur Planinsolvenz sorgt jetzt zwei bis drei Monate lang für eine gewisse Ruhephase."

Niering zufolge kann der am Montag bestellte vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz nun an Stellschrauben drehen, die das Unternehmen mit seinen europaweit Zehntausenden Mitarbeitern stützen könnten. Dazu zählten beispielsweise Verhandlungen mit der Arbeitnehmerseite über mögliche Standortschließungen oder über Lohnverzicht genauso wie Gespräche mit Vermietern und Lieferanten.

"Das Insolvenzverfahren ist aber kein Freibrief, die Löhne zu drücken", erklärte Niering. Die Rechte der Arbeitnehmer genössen auch im Falle der Insolvenz starken Schutz. Es gehe eher darum, gemeinsam mit allen Beteiligten einen Weg in die Zukunft zu finden, der viele Jobs erhält und wirtschaftlich vertretbar ist.

Zu groß, zu wenig Umsatz

Doch was ist wirtschaftlich vertretbar? Die Rechnung scheint einfach: Rund 7.000 Schlecker-Filialen gibt es, im Durchschnitt machen sie jeweils 46.000 Euro Umsatz, hat das "Manager Magazin" errechnet. Ein absurd schlechter Wert im Vergleich zu den Konkurrenten Rossmann, dessen 1.612 Filialen durchschnittlich 198.000 Euro umsetzen.

Noch größer ist die Lücke zu dm-Drogeriemarkt, der nur 1.256 Standorte unterhält - aber jeder einzelne im Schnitt 297.000 Euro erlöst.

Mit anderen Worten: Schlecker ist zu groß und verdient zu wenig. Das Prinzip der Nachbarschaftsläden ist nicht aufgegangen, weil die vielen Filialen trotz ihrer Nähe keine Gründe mehr boten, dort einzukaufen.

Der Deutsche mag seine Drogerie

Der deutsche Konsument schätzt die Drogeriemärkte nach wie vor, obwohl er so ein Sortiment auch längst in den Discountern oder Supermärkten bekommt: Zwei Drittel der Deutschen wollen Drogerieartikel im Drogeriemarkt kaufen, hat die BBE in einer Verbraucherbefragung ermittelt.

"Supermärkte und Discounter können mit der Sortimentstiefe- und breite eines Fachgeschäfts nicht mithalten", sagt Joachim Stumpf. "Drogeriefachmärkte sind ein beliebtes Format beim Verbraucher. Doch Schlecker hat an Attraktivität verloren." Selbst in Supermärkten werde das entsprechene Sortiment besser präsentiert als den "in die Jahre gekommenen" Filialen von Schlecker, so der BBE-Mann.

Kik hat wenigstens noch etwas zu bieten

Zudem sei das Image bei Schlecker nach etlichen Verstößen gegen gute Mitarbeiterbehandlung miserabel. "Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagt Stumpf.

Allein entscheidend ist für ihn das schlechte Image jedoch nicht - denn auch der Modediscounter Kik etwa gilt nicht als Edel-Arbeitgeber, kann aber durch seine Preisführerschaft für Billigtextilien mit einem Alleinstellungsmerkmal punkten. Kik ist trotz allem eine starke Marke. Schlecker ist es nicht mehr.

"Ein Investor muss eine schwache Marke aufbauen, sich von vielen Standorten trennen und gegenüber dm und Rossmann ein Vorteilsversprechen schaffen", beschreibt Stumpf die Herausforderungen für einen Geldgeber für Schlecker. Es sei "fast ein Wahnsinn", die Image-Lücke zu schließen, die sich etwa zwischen Schlecker und dm aufgetan hat.

Für einen Neuanfang braucht Schlecker nach Einschätzung vom Marktforscher Rainer Pfuhler vom Kölner Rheingold- Institut klare Schnitte. "Es muss für die Kunden klar erkennbar sein, dass sich etwas ändert", sagte er. Die Insolvenz schaffe keine Sympathiewerte, sie schrecke eher ab. 

"Rossmann und dm sind die Gewinner"

Unterm Strich sprechen alle Fakten für das Aus von Schlecker, sagt Berater Stumpf. Für die Wettbewerber stelle sich jetzt die Frage, "wer wieviel vom Kuchen abbekommt". Es gehe also darum, wer die verbliebenen guten Schlecker-Standorte erobern kann. "Ansonsten ist die Situation für den Drogeriemarkt keineswegs dramatisch", betont der BBE-Geschäftsführer. "Rossmann und dm sind eindeutig die Gewinner."

Es wird aber auch Verlierer geben, und das sind die Vermieter jener Schlecker-Filialen, die aufgegeben werden. Stumpf beschreibt den Drogeriehändler aus Ehingen als "unangenehmen Mieter", der seine Position, Standorte anzumieten, die sonst keiner wollte, "über Gebühr" ausgenutzt habe.

Den schönsten Satz für das Scheitern Schleckers lieferte bislang wohl EHI-Chef Michael Gerling: "Schlecker hat es nicht geschafft, sich nachhaltig ins Herz der Kunden reinzuarbeiten."

Bildergalerie: Schlecker - Zerfall eines Drogerieimperiums

Steffen Gerth mit Material von dpa