Jobwunder durch neue Ladenöffnungszeiten? Das behauptet der Einzelhandelsverband - und die Gewerkschaft ist darüber empört.

„Das sind politische Zahlen, die mit der Realität nichts zu tun haben”, sagt Verdi-Sprecher Günter Isemeyer im Gespräch mit Der Handel. „Der Verband macht hier eine Milchmädchenrechnung auf."

Der Einzelhandelsverband HDE behauptet, dass rund 60.000 neue Arbeitsplätze sind im Einzelhandel entstanden seien, seitdem die Ladenöffnungszeiten liberalisiert worden sind. Darunter seien gut 28.000 Minijobs.

Vor allem Lebensmittelmärkte, Warenhäuser und Verbrauchermärkte nutzten die Möglichkeit, ihre Geschäfte länger als früher zu öffnen, teilt der HDE mit. Im September hatte der Verband noch von 40.000 zusätzlichen Stellen gesprochen, die durch den flexiblen Ladenschluss entstanden sind.

Masseneinstellung trotz Umsatzrückgang?

Isemeyer verweist dagegen auf die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach es zwischen 2007 und 2008 gerade einmal einen Beschäftigungszwachs von 0,5 Prozent gegeben habe, das seien lediglich 12.600 neue Jobs. Die Berechungen des HDE bezeichnet der Verdi-Sprecher als unseriös und hält sich an seine Statistik: „Seit 2003 sind im Einzelhandel 148.000 Vollzeitstellen abgebaut worden.”

Außerdem betont Isemeyer, dass im Vergleich zum Vorjahr die Umsätze im Einzelhandel gesunken sind, „und deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass die Unternehmer trotzdem im großen Stil Personal einstellen”. In den rund 410.000 Einzelhandelsunternehmen sind derzeit rund 2,7 Millionen Menschen beschäftigt.

Nur wenige Unternehmen haben länger geöffnet

Die HDE-Daten verblüffen umso mehr, als dass nur nur drei bis vier Prozent der befragten Unternehmen überhaupt nach 20 Uhr geöffnet haben. Mehr als die Hälfte dieser Läden verkauften vor allem Lebensmittel.

Ein knappes Drittel der Betriebe, die abends länger geöffnet haben, berichteten von positiven Umsatzeffekten und neuen Kunden. Seit Anfang 2007 hätten zehn Prozent der Unternehmen die Öffnungszeiten am Abend verlängert, fünf Prozent hätten sie auch wieder verkürzt, hieß es.

Als erstes Bundesland hatte Berlin Ende 2006 per Gesetz die Ladenöffnung von Montag bis Samstag rund um die Uhr sowie an zehn Sonntagen gestattet. Die Gewerkschaft Verdi hatte immer wieder kritisiert, dass die Unternehmen nach 20 Uhr fast nur billige Aushilfen einsetzen.

Was kommt in Hessen?

Das Bundesverfassungsgericht wird voraussichtlich Anfang 2009 über eine Klage der beiden großen Kirchen gegen die Sonntagsöffnung des Handels in Berlin entscheiden.

In Hessen wollen SPD und Grüne in Hessen nach einer möglichen Regierungsübernahme das Ladenschlussgesetz überprüfen. Es gehe um «Auswüchse» und etwaige Wettbewerbsverzerrungen, sagte SPD-Generalsekretär Norbert Schmitt. Eine Rückkehr zum generellen Ladenschluss um 18.30 Uhr sei aber ausgeschlossen. CDU und FDP hatten Hessens Geschäften vor zwei Jahren erlaubt, an Werktagen rund um die Uhr zu öffnen.

(dpa)