Mörder, Vergewaltiger und Diebe erwirtschaften in deutschen Gefängnissen Millionenumsätze. Die JVA Oldenburg zeigt bei der Resozialisierung der Gefangenen Unternehmergeist.

Im Akkord lötet der junge Mann die schwarzen Sicherungsschalter zusammen. "1.120 sind pro Tag vorgegeben", erzählt er und schaut kurz von seinem Lötbrett auf. Weiße Rauchfäden steigen in sein Gesicht. "Aber ich schaffe meist 2.000." An der Werkbank gegenüber stecken drei Arbeiter Metallköpfe auf kleine rote Kabel.
Die Werkstatt ist geschäftig, hell und sauber. Nur die vergitterten Fenster erinnern daran, dass sie im Oldenburger Gefängnis liegt - die Freiheit ist 13 verriegelte Stahltüren und eine 6,5 Meter hohe Steinmauer entfernt.

Nur wenige Straftäter in Deutschland sitzen im Gefängnis bloß ihre Zeit ab. Zehntausende Häftlinge arbeiten hinter Gittern. Sie helfen in der Wäscherei oder in der Gefängnisküche aus. Sie pflanzen Gärten an oder schreinern ihre Zelleneinrichtung. Immer mehr Gefängnisbetriebe arbeiten auch als Zulieferer für die freie Wirtschaft - verpacken Bügelbrettbezüge, verarbeiten Schrauben, legen Papiermappen zusammen.

Lukrativer Umsatzbringer

Die Gefängnisarbeit bringt jedes Jahr hohe Millionenumsätze. Allein Bayern nahm damit im vergangenen Jahr 46,1 Millionen Euro ein. Nordrhein-Westfalen schaffte einen Umsatz von 41,1 Millionen Euro, die 13 Vollzugsanstalten in Niedersachsen kamen auf 18 Millionen Euro. Ein Überschuss von rund fünf Millionen lief dabei laut niedersächsischem Justizministerium in den Landeshaushalt zurück.

Allein die JVA Oldenburg ist eine eigene kleine Volkswirtschaft hinter hohen Mauern - 2,2 Millionen Euro Umsatz produzierte die Vollzugsanstalt 2013. Sieben Mittelständler haben hier Werkhallen gemietet und lassen von Gefangenen Arbeiten verrichten. Die Sträflinge montieren Stecker für Automobilzulieferer, basteln an Komponenten für Kalbfütterungsanlagen und bauen Schaltschränke für Windkraftanlagen.

Arbeit keine Option, sondern Muss

Die Arbeit im Vollzug ist für die meisten Häftlinge keine Option, sondern ein Muss. Drückebergern drohen Disziplinarverfahren vom Einkaufsverbot bis zum Fernseherentzug. Die Arbeitslosigkeit hinter Gittern ist dennoch hoch - häufig bis zu 40 Prozent, auch weil Untersuchungshäftlinge und Rentner nicht arbeiten müssen. Einige Gefangene leiden unter Alkohol- oder Drogenproblemen, andere schwänzen. "Heute stehen 33 Mann auf der Liste, aber nur 23 sind hier", berichtet Werkstattchef Guido Stolle verärgert über seine unzuverlässige Belegschaft. "Und das sind nur die begründeten Ausfälle."

Von Fachkräften kann in den Knastbetrieben also kaum die Rede sein. Das weiß auch Schlossermeister Andreas Eberlei. Er leitet die Gefängnisschlosserei in Oldenburg. Rund ein Dutzend Häftlinge in blauen Overalls fräsen und schweißen hier für rund hundert Kunden aus der Region. "Mein bester Mann ist gelernter Heizungsinstallateur", berichtet Eberlei. Die meisten Gefangenen haben dagegen keinen Schulabschluss.

Vaterersatz, Kindergärtner und Zoodirektor

Das eher schwierige Personal stellt den Betriebsleiter jeden Tag vor neue Herausforderungen. "Die Drogenabhängigen stell ich nicht an die Drehbank. Die sollen Schleifarbeiten machen, das ist ungefährlicher", sagt Eberlei. Trotz der Probleme liebt der Schlossermeister die Arbeit hinter Gefängnismauern. Vielleicht aber auch gerade wegen ihnen: "Ich bin hier Vaterersatz, Rechtsanwalt, Pädagoge, Pastor, Kindergärtner und manchmal Zoodirektor", erzählt er von der Arbeit und spricht von "seinen Jungs".

Hakan ist einer davon. Der 32-Jährige versteckt sein Gesicht hinter einem schwarzen Schweißerhelm und beugt sich über einen Grillträger. "Die Arbeit ist ziemlich wichtig für draußen", meint er. "Wenn man kein Geld hat, dann macht man Dummheiten." Er spricht aus Erfahrung: Seit vier Jahren sitzt er in Oldenburg wegen schweren Raubes. Er hätte bereits vor Wochen in den offenen Vollzug gehen können, um seine Drogensucht therapieren zu lassen.

Weiterqualifizierung für Jobchance in Freiheit

Stattdessen entschied er sich für einen Schweißerschein hinter Gittern. Bisher hat Hakan weder einen Schulabschluss noch eine Ausbildung und erhofft sich daher viel von dem Schein. "Draußen werden viele Schweißer gesucht." Zudem gönnt er sich von seinem Verdienst etwas Luxus. "Davon kauf ich mir Shampoo, Kur und Spülung", sagt der Mann mit dem langen Pferdeschwanz.

Gefangene verdienen im Schnitt einen Tagessatz von 11,94 Euro. Ein Teil wird für die Entlassung angespart, den Rest können sie für Zigaretten und Süßigkeiten im Knastshop ausgeben. "Sie werden zwar schlecht bezahlt, aber wir haben es geschafft, sie aus ihren Zellen zu holen», sagt Anstaltsleiter Gerd Koop, der sich von der Beschäftigung vor allem selbstständige und friedliche Gefangene verspricht.

Vertrauen und Kontrolle

Überwacht wird jeder Betrieb von Justizbeamten und Kameras. Vertrauen zählt so viel wie Kontrolle: Schlossermeister Eberlei trägt weder Pistole noch Schlagstock, nur ein kleines Funkgerät mit Alarm-Schnur baumelt an seinem Gürtel. "Wir haben hier das Konzept des offenen Werkzeugs", erklärt der 42-Jährige. Die Instrumente sind für alle Arbeiter frei zugänglich. Vor Feierabend muss alles wieder an seinem Platz hängen, sonst darf keiner zurück auf seine Zelle. In seinen 13 Berufsjahren sei noch nie was passiert, berichtet Eberlei.

Der Verkaufsschlager der Oldenburger Schlosser sind Edelstahlgrills. Ursprünglich sollten sie gebaut werden, um die Gefangenen mit den Werkstoffen vertraut zu machen. "Schweißen, Sägen, Blechbiegen - da ist ja alles dran, was ein Schlosser können muss", erklärt Eberlei. Mittlerweile produzieren die Oldenburger mehr als
1000 Stück pro Jahr. "Wir sind restlos ausverkauft, ich komme mit der Produktion nicht nach."

JVA-Onlineshop

"Wir haben recht leistungsstarke Betriebe im ganzen Land, aber die Arbeit hinter den Mauern wird kaum wahrgenommen", sagt Hartmut Clasen von der niedersächsischen Justizvollzugsarbeitsverwaltung. Dabei drängen die Gefängnisbetriebe mehr und mehr auf den freien Markt. Bereits 2001 riefen niedersächsische Vollzugsanstalten den jva-online-shop.de ins Leben. Angefangen mit Schaukelpferden und Weihnachtssternen verkaufen die Gefängnisse mittlerweile mehr als hundert Produkte von Aktengurten bis zu Richterroben im Netz.

Doch viele Firmen, die im Knast produzieren, fürchten sich vor Imageproblemen wegen der Billiglohn-Arbeit hinter Gittern. Andere Betriebe wittern gar unliebsame, staatlich subventionierte Konkurrenz. Nach Ärger wegen Zeitungsanzeigen für günstige Malerarbeiten aus dem Knast setzte das niedersächsische Justizministerium 2006 mit der Handwerkskammer und Unternehmerverbänden einen Kooperationsvertrag auf. "Damit wir uns nicht ins Gehege kommen", erläutert Thomas Eckbauer, der den Fachbereich Arbeit in der JVA Oldenburg leitet. Seitdem sprechen beide Seiten von guter Zusammenarbeit.

Qualitäts- und Logistikvorteile

Zwar lassen sinkende Gefangenenzahlen die Produktion hinter Gittern schrumpfen. Doch nur dank der billigen Häftlingsarbeit kann mancher Mittelständler überhaupt noch in der Heimat produzieren. "Gefangenenarbeit macht für Auftraggeber oftmals Verlagerungen ins Ausland unnötig, stattdessen können örtliche Qualitäts- und Logistikvorteile genutzt werden", teilt das Justizministerium mit. "Als verlängerte Werkbank sichern wir Arbeitsplätze", ist auch Fachbereichsleiter Eckbauer überzeugt.

Immer mehr Vollzugsanstalten wollen sich dabei mit der freien Wirtschaft messen und zu gleichen Bedingungen arbeiten. "Tüten kleben ist vorbei", meint Eckbauer. Als erste Haftanstalt in Niedersachsen hat sich die JVA Oldenburg 2006 ihr Qualitätsmanagement zertifizieren lassen. "DIN-EN ISO 9001:2008", rattert Eckbauer die Norm auswendig herunter. Immer mehr deutsche Gefängnisse ziehen nach und stellen ihre Qualitätsansprüche in der Produktion und bei Kundenanfragen sicher. "Es geht um Standardisierung", meint der Diplom-Ökonom.

Acht Stunden Freiheit an der Werkbank

In der Oldenburger Schreinerei werden Häftlinge an modernen Holzverarbeitungsmaschinen geschult. Michael (52) hat sich zum Vorarbeiter hochgearbeitet, ist in Lohnstufe 4, verdient 13 Euro am Tag. Weil er mit großen Mengen Marihuana gedealt hat, muss er noch bis 2019 in der JVA bleiben. Auch wenn er sich keine großen Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt verspricht, fühlt er sich wohl in seinem Job. "Man sieht die Ergebnisse", sagt er und legt seinen tätowierten Arm auf einen Stapel zurechtgesägter Schrankwände.

Der 52-Jährige genießt die acht Stunden Freiheit, bevor er nach Feierabend wieder in seine acht Quadratmeter große Zelle mit der Nummer 18 muss. Dass der verurteilte Straftäter auch Schreibtische und Schränke für Richter und Staatsanwälte herstellt, stört ihn dabei wenig: "Ich bohr deshalb auch keine Löcher schief rein."

Nico Pointner, dpa