Wenn die Unsicherheit in einem Land wächst, muss die Werbung ehrlich sein. Mit diesem Leitsatz geht die Agentur Grey ins kommende Jahr, für das ihr Chef erstmals keine Prognose wagt.

Werbeagenturen sind meist gute Barometer für die wirtschaftliche Lage eines Landes. Und deswegen ist es vielsagend, wenn Uli Veigel sich erstmals nicht traut, für sein Unternehmen und die gesamte Werbebranche eine Prognose für das kommende Jahr abzugeben.

Der Deutschland-Chef von Grey ist genauso verunsichert über die Zukunft wie eigentlich die gesamte deutsche Wirtschaft. "Wir leben in einer neuen Normalität", sagte er an diesem Dienstag, "alles ist volatil". Für Veigel regieren Unbeständigkeit und Unberechenbarkeit den Alltag – die fast zeitgleich verkündete Ergebnisprognose von Metro kann für diese These als Beweis zu passenden Zeit gelten.

Abschwung im zweiten Halbjahr

Auch bei Grey ist die zunehmende Verunsicherung auf den Märkten angekommen. Mit einem "leichten Plus" beim Honorarumsatz werde Deutschlands zweitgrößte Werbeagentur das Jahr 2011 beenden, bilanzierte Veigel. Das finanzielle Ergebnis liege auf Vorjahresniveau.

Auch wenn Veigel nicht genauer wurde, ist "ein leichtes Plus" doch deutlich schlechter, als er genau vor Jahresfrist als Ziel für Grey ausgab. 2011 werde der Umsatz auf dem deutschen Werbemarkt um 5 Prozent wachsen, kündigte Veigel damals an, und sein Unternehmen wolle doppelt so stark zu zulegen. Genaue Zahlen werden bei Grey generell nicht genannt.

Es war vor allem das zweite Halbjahr, das der Düsseldorfer Agentur zu schaffen machte, "das erste lief noch richtig gut", betonte Veigel. 19 Bestandskunden haben ihre Aufträge verlängert, darunter die Einzelhandelsunternehmen Schlecker, Deichmann, Doc Morris und Rewe. Zu den 36 Neukunden zählt auch die HIT-Handelsgruppe.

Digitales Geschäft wächst stark

Vor allem das in diesem Jahr unter der Geschäftsführung von André Schieck forcierte digitale Werbegeschäft hat die Bilanz von Grey poliert: Dieser Bereich wuchs im zurückliegenden Jahr zweistellig und wird folglich auch 2012 weiter ausgebaut. Social Media- und Multichannel-Marketing zählen unter anderem zu den Schwerpunkten der Agentur-Aktivitäten im kommenden Jahr. Ein dritter ist das so genannte POS-Marketing im stationären Handel, zudem arbeitet Grey derzeit an einer Umfrage unter Einzelhandelsunternehmen über die Kommunikationsarbeit in der Branche. Im Februar 2012 sollen die Ergebnisse vorliegen.

Fortgesetzt wird die vor genau einem Jahr begonnene Zusammenarbeit mit Schlecker, gleichwohl soll die Werbung für den Drogeriediscounter "optimiert" werden, wie es Christian Hupertz formulierte, Geschäftsführer von Grey international. Angesprochen auf die Kritik am Schlecker-Slogan "For you. Vor Ort." versicherte Hupertz, dass dieser Spruch bei allen Tests in den Zielgruppen am besten abgeschnitten habe.

Werben für den Klimaschutz

So unklar die wirtschaftliche Lage auch für Grey ist – wie sich die Agentur auf 2012 vorbereitet, präsentierte Deutschland-Chef Veigel heute: mit Restrukturierung und Expansion. Künftig wird die Gruppe das osteuropäische Geschäft forcieren, der saudi-arabische Markt soll von Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) aus bedient werden.

Mit der Onlineplattform Get-neutral wurde eine Kooperation vereinbart, um Verbraucher und Marken mit klimafreundlichem Konsum zusammenzubringen.

Auch über den Werbetrend der nächsten Zeit ist sich Grey sicher: "Authentischer Dialog" sei das Maß der Dinge. Angesichts der unsicheren Zeiten ist so eine Forderung nicht überraschend.

Steffen Gerth, Düsseldorf