Anbieter von Scoringsystemen haben ein Imageproblem. Dabei profitieren Händler und Verbraucher von präzisen Einschätzungen zum Zahlverhalten.

Matthias Möller verleiden die hohen Ausfallquoten fast die Lust am Geschäft: „Neukunden beliefern wir nur noch gegen Vorkasse", schildert der Inhaber des kleinen Internetversenders Schokolade-Online im Gespräch mit Der Handel. Mit der Zahlungsmoral von unbekannten Bestellern hat Möller so schlechte Erfahrungen gemacht, dass er am liebsten nur noch die Stammkunden mit seine ausgefallenen Schokoladeartikeln beliefern würde.

Steigende Ausfallraten ein Ärgernis

Möller könnte sich das leisten, der kleine Onlineshop ist mehr Hobby als Einkommensquelle - die Implementierung von aufwendige Bonitätsschecks oder Scoringsystemen spart er sich daher. Versand- und Onlinehändler allerdings, die ihr Geschäft nicht als Nebenerwerb betreiben, können sich solchen Luxus nicht erlauben. Zahlungsausfälle sind im Distanzhandel ein gravierendes Problem. Die Anonymität im Internet verleitet viele Kunden dazu, ihre Rechnungen nicht zu bezahlen und erleichtert Betrügen das Handwerk.

Bei jedem zehnten Onlineshop fallen mehr als 3 Prozent der Umsätze aus, hat das Institut Ibi Research in einer Befragung von 290 Unternehmen ermittelt. „Die Häufigkeit von Zahlungsstörungen nimmt weiter zu", warnt Dr. Ernst Stahl von der Universität Regensburg. „Vor allem für kleinere Händler ist das schmerzhaft. Um den Verlust einer ausgefallenen Forderung zu kompensieren, muss der Unternehmer bei einer Marge von 5 Prozent das Zwanzigfache an Neugeschäft hinzugewinnen", rechnet der Institutsdirektor vor.

Sicherheit ist bei Kunden unbeliebt

Die Crux: Sichere Zahlverfahren wie Kreditkarten oder die Lieferung gegen Vorkasse sind bei den Verbrauchern nicht gerade beliebt. Wer seine potenzielle Kundschaft also nicht verprellen will, ist auf den Einsatz von Bonitätsauskünften oder Scoringsystemen angewiesen. Auf der
Scoring: Keine Angst vor klammen Kunden.
Scoring: Keine Angst vor klammen Kunden.
haben wir für Sie die wichtigsten Scoring-Anbieter zusammengefasst.

Die Anbieter von Bonitätsinformationen werden jedoch von Verbraucherschützern und Publikumspresse skeptisch beäugt. Fast monatlich erscheinen Artikel über die „unheimliche Macht der Datendealer" (Manager-Magazin) oder die „neue Klassengesellschaft" (Spiegel), in denen wahlweise über gutbetuchte Ärzte, die aufgrund von Namensverwechslungen keinen Kredit erhalten oder Wohngebiete, die ohne Vorkasse keine Ware von Versendern erhalten, berichtet wird.

Mehr Informationsrechte für Verbraucher

Die kritische Haltung der Medien und Datenschützer gegenüber der Auskunftei- und Scoringbranche hat auch das Bundesinnenministerium nicht unbeeindruckt gelassen. Der zweiten Entwurf zur Novellierung des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG), der der Redaktion von Der Handel vorliegt, sieht umfassende Informationsrechte der Verbraucher gegenüber den Anwendern von Scoringverfahren vor.

„Ob dem Konsumenten damit wirklich geholfen ist, steht auf einem anderen Blatt", kritisiert Manfred Wolff, Vorsitzender des Bundesverbandes der Dienstleister für Online Anbieter (BDOA) im Gespräch mit Der Handel. Auch Siebo Woydt, Geschäftsführer der CEG Creditreform Consumer sieht die Pläne der Bundesregierung kritisch: „Die beabsichtigte Offenlegung der Scoringdetails wird nicht zu mehr Transparenz führen, weil die Kriterien alleine über das Verfahren nichts aussagen", erläutert Woydt.

Schutz vor Risiken und Nebenwirkungen

Dass Bonitätsauskünfte ein gutes Heilmittel gegen Zahlungsausfälle sind, stellt die CEG aktuell in einer Branche unter Beweis, die erst seit Kurzem Erfahrungen im Distanzgeschäft sammelt: 130 Internet- und Versandapotheken nutzen die Informationen der Creditreform-Tochter um über die eingesetzten Zahlverfahren zu entscheiden - Tendenz steigend. So werden Apotheker vor Risiken und Nebenwirkungen des Fernabsatzes geschützt.